Action | USA 2019 | 128 Minuten

Regie: Michael Bay

Actionfilm um eine Gruppe von Menschen, die sich um einen Milliardär zu einem geheimen Vigilanten-Team zusammenschließen, um gemeinsam den Bösewichtern dieser Welt das Leben schwer zu machen. Im Visier haben sie den Diktator eines fiktiven Staats, den sie beseitigen und stattdessen seinen demokratiefreundlichen Bruder einsetzen wollen. Die Jagd führt weltweit durch allerlei Metropolen und diverse schauträchtige Action-Scharmützel, ohne dass die Truppenmitglieder einen individuellen Charakter entwickeln würden oder die schlichte Story über ein reaktionäres Gut-Böse-Schema herauswachsen würde. Gleichzeitig ist der Film zu professionell umgesetzt, um wenigstens einen gewissen trashigen Charme zu entfalten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
6 UNDERGROUND
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Michael Bay
Buch
Rhett Reese · Paul Wernick
Kamera
Bojan Bazelli
Musik
Lorne Balfe
Schnitt
Roger Barton · William Goldenberg · Calvin Wimmer
Darsteller
Ryan Reynolds (Eins) · Mélanie Laurent (Zwei) · Manuel Garcia-Rulfo (Drei) · Ben Hardy (Vier) · Adria Arjona (Fünf)
Länge
128 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Action

Es schießt und knallt wieder im neuen Michael-Bay-Film, in dem eine Vigilanten-Truppe einen fiktiven Diktator jagt und seinen Demokratie-freundlichen Bruder einsetzen will.

Diskussion

Zuerst fällt das historische Florenz einer Verfolgungsjagd zum Opfer. Ein giftgrüner Rennwagen rast durch die Gassen, über die Piazza, sogar durch die Uffizien und rammt sämtliche Säulengänge und Skulpturen, die ihm im Weg stehen. Ein Glück, dass sich in diesem Florenz, das im neuen Michael-Bay-Spektakel als schauträchtige Kulisse auftaucht, kaum Touristen aufhalten, höchstens eine rot gekleidete Italienerin auf einer Vespa. Im Rennwagen befindet sich eine Truppe aus namenlosen, dafür nach Zahlen benannten Vigilanten, die gerade den Anwalt eines Diktators erledigt haben und die nun von der italienischen Polizei und Mafia verfolgt werden. Auf dem Rücksitz operiert Five, die Ärtzin (Adria Arjona), am Augapfel eines Verletzten herum, während Six, der Fahrer (Dave Franco), das Lenkrad immer wieder herumreißt, um die Verfolger abzuschütteln. Für den ärztlichen Eingriff sind die Bedingungen nicht besonders optimal, doch die Truppe kann entkommen, nur Six stirbt.

Keine Pausen zum Durchatmen

Schon nach dem Einstieg ist klar: „6 Underground“ ist ein klassischer Michael-Bay-Film. Die Schnittfrequenz befindet sich bei der Actionszene im Mikrobereich, und Explosionen finden in Zeitlupe statt. Pausen zum Durchatmen gibt es kaum, und der Sightseeing-Wert der Handlungsorte wird optisch so sehr ausgenutzt, dass es fast schade ist, dass der Film auf Netflix und nicht auf der großen Leinwand läuft. Es ist erstaunlich, dass Michael Bay, der lange die erfolgreiche Gallionsfigur des Blockbusterkinos war, („Bad Boys“, „Transformers“) zur Erstauswertung des Films zum Streamingdienst wechselt. Hat man dem Film keinen Kinostart zugetraut? An den Schauwerten kann es nicht liegen, eher an der Story.

Erst schießen, dann Spaß im Hotelbett

Die sogenannte Ghost-Truppe um den Milliardär One (Ryan Reynolds) hat sich zum Ziel gesetzt, die Welt von allen bösen Menschen zu befreien: „Our job as ghosts is to do the dirty work the living can’t or won’t.“ In diesem Fall sind die sechs Ghosts hinter dem Diktator des fiktiven Staates Turkestan, seinem Anwalt und seinen Generälen her und wollen stattdessen den Demokratie liebenden Bruder des Diktators installieren. Eine Sequenz, in der Menschen im Flüchtlingslager panisch durcheinander rennen, Luftschutzmasken aufsetzen, Häuser brennen, soll notdürftig illustrieren, wie grausam dieser Diktator ist; One dagegen nimmt ein trauriges Mädchen auf den Arm – wer Gut, wer Böse ist, ist auf selten banale Weise offensichtlich. Die Generäle rauchen Zigarren, trinken Champagner und halten sich ein paar Prostituierte. Die Guten schleichen sich in Tennisklamotten verkleidet ins Hotel und schießen die Betrunkenen nieder. Von der Schießerei scheinbar in Fahrt gebracht, fallen Two, die Spionin (Mélanie Laurent), und Three, der Killer (Manuel Garcia-Rulfo) auf dem Hotelbett übereinander her.

Weltweite Kollateralschäden

Das Ganze findet in Las Vegas statt, danach hetzt die Truppe weiter nach Abu Dhabi, nach Hongkong, und zum Showdown nach Turkestan. Jede Stadt wird von Helikoptern, Fliegern, Motorräder in Beschlag genommen und erleidet etliche Kollateralschäden. Es wird vom Florentiner Duomo gesprungen, ein Infinity-Pool über der Skyline Hongkongs zerstört, und am Ende die Monumentalstatue des Diktators gestürzt.

Man kann dem Film seinen Camp-Charakter nicht vorwerfen. Und damit, die hier durchgespielte Größenwahns-Fantasie einer im Alleingang und in Wildwest-Manier agierenden Weltpolizei-Truppe aufs US-Außenpolitik-Klima der Ära Trump zu beziehen, nimmt man den Film fast schon ernster, als er es verdient. In Michael Bays „Pain & Gain hat die Mischung aus selbstironischen Sprüchen und muskelverschwitzter Ernsthaftigkeit wunderbar funktioniert, weil die Fitness-Kidnapper-Gruppe sich ihrer eigenen Trashigkeit bewusst war. In „6 Underground“ bleibt die Truppe stylisch (Sonnenbrillen!), aber blass (Charaktere!). Erst als One einen Ersatz für Six sucht, kommt es zu ein wenig Gruppendynamik, weil Seven, der neue Scharfschütze (Corey Hawkins), die Anonymität nicht erträgt und die Persönlichkeiten der anderen kennen und wertschätzen will. Außer der Namen erfährt man aber kaum eine ausgereifte Background Story, und so bewahrheitet sich die Befürchtung, die One für die Phantomtruppe hat, auch für den Film: „Nobody of us will be remembered.“

Kommentar verfassen

Kommentieren