Drama | Japan/Deutschland 2018 | 102 Minuten

Regie: Sabu

Bei einem Schlagerkonzert verbinden sich die Erzählfäden um einen von älteren Frauen vergötterten Popstar, einen besonders obsessiven Fan, einen aus dem Knast entlassenen Ex-Gangster und einen jungen Mann, der darauf vertraut, mit guten Taten seine Freundin aus dem Koma zu erwecken. Die ineinander verwobenen, nicht chronologisch geordneten Episoden leben von der Verbindung aus Action und Aberwitz, auch wenn die Thriller-Groteske ihr Potenzial nur ansatzweise entfaltet. Eine Genrevariation auf den Spuren von Quentin Tarantino und „Pulp Fiction“. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
JAM
Produktionsland
Japan/Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Sabu
Buch
Sabu
Kamera
Hiroo Yanagida
Schnitt
Sabu
Darsteller
Shô Aoyagi (Hiroshi) · Mariko Tsutsui (Masako) · Keita Machida (Takeru) · Nobuyuki Suzuki (Tetsuo) · Hayato Onozuka
Länge
102 Minuten
Kinostart
26.12.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Musikfilm

Drei a-chronologisch ineinander verwobene Geschichten einer japanischen Thriller-Groteske zwischen Action und Aberwitz.

Diskussion

Ein prüfender Blick in den Spiegel, ein kräftiger Sprühstoß Haarspray, ein Zisch Mundspray, und schon steht Hiroshi in seinem roten Glitzerjackett auf der Bühne. Mit schlichten Textzeilen wie „Guten Abend, Danke“ und „Gestern Regen“ verzaubert der Enka-Sänger ein weibliches Publikum im mittleren bis späteren Alter. Beim anschließenden „Talk-to-me“-Event werden intime Bekenntnisse geteilt, über Song-Übergänge gefachsimpelt und eine Art „Fan der Woche“ ausgerufen.

Bei der vereinsamten Masako nimmt die Identifikation mit dem vergötterten Sänger und den in den Schnulzen besungenen Liebesplots indes psychotische Züge an. Nach dem Konzert betäubt sie den Sänger mit einer eklig aussehenden Suppe, schleppt ihn in ihre Wohnung und fesselt ihn an einen Stuhl, ganz ähnlich wie Kathy Bates das in der Stephen-King-Verfilmung „Misery“ macht. Im Wahn zwingt sie Hiroshi, ihr ein ganz persönliches Lied zu schreiben, das er beim Konzert im Gemeindezentrum vorsingen soll.

Wo die Erzählfäden zusammenkommen

Das Gemeindezentrum ist der Schauplatz, an dem die sich bislang schon punktuell berührenden Erzählfäden von „Jam“ zusammenlaufen. Neben Hiroshi und Masako zählen zwei unzimperliche Gangster zum Personal der Geschichte, die vor vielen Jahren nach einem Überfall auf der Flucht versehentlich eine junge Frau angeschossen haben. Während die Verletzte im Koma liegt, ist ihr Freund Takeru von der Idee besessen, dass eine Fülle guter Taten irgendwann ihr Aufwachen bewirkt.

Mit dem dramatischen Ereignis ist außerdem der gerade aus dem Knast entlassene Tetsuo verbunden. Er war in den Überfall involviert und musste für die anderen beiden Täter die Strafe verbüßen. Jetzt sinnt er, mit einem kleinen Hammer bewaffnet, auf Rache. Absurderweise schiebt er bei seinem Rachefeldzug ständig seine gebrechlich-demente Großmutter in einem quietschenden Rollstuhl durch die Gegend.

Action und Aberwitz liegen nahe beieinander

Wie so oft in den Filmen des Japaners Sabu, der mit bürgerlichem Namen Hiroyuki Tanaka heißt, liegen Action und Aberwitz nahe beieinander. In „Jam“ gibt es eine ganze Serie an Gewaltszenen, bei denen neben dem Hämmerchen auch die bei Sabu obligatorischen Messer und Schlagstöcke zum Einsatz kommen. Etwas roher und weniger choreografiert als sonst üblich, ziehen diese Szenen ihren Reiz vor allem aus dem Umstand, dass Tetsuo trotz der gegnerischen Übermacht einfach nicht tot zu kriegen ist. Noch mit dem Messer im Rücken schiebt er den Rollstuhl mit der Großmutter vor sich hin wie einst Sisyphos den Felsblock.

„Jam“ ist eine weitere Genrevariation im filmischen Kosmos von Sabu, der sich in der Regel weniger um Originalität bemüht als vielmehr darum, innerhalb der Konventionen bekannten Motiven einen anderen Anstrich zu geben. So hat es beispielsweise einen derart berückenden „Flug“ durch die Windschutzscheibe wohl noch nicht gegeben: Masako segelt komplett in der Waagerechten dem angebeteten Hiroshi, der eigentlich auf der Flucht vor ihr war, direkt in die Arme.

Klischeehafte Frauenfiguren

Ärgerlich ist nur, dass Sabu trotz liebevoller Charakterzeichnung zu den Frauenfiguren erneut wenig einfällt. Nach der drogensüchtigen Prostituierten in „Mr. Long“ (2017) greift er auf ein weiteres Stereotyp zurück: das der einsamen Hysterikerin – wobei ihre Monstrosität stets von ihrer Bedürftigkeit überdeckt wird. Die andere weibliche Figur wird gleich in den Zustand der Bewusstlosigkeit befördert.

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