The Quake - Das große Beben

Katastrophenfilm | Norwegen 2017 | 104 Minuten

Regie: John Andreas Andersen

Drei Jahre, nachdem ein norwegischer Geologe die Flutkatastrophe in einem Fjord miterlebte, leidet er unverändert an der Erinnerung an die zahlreichen Todesopfer. Als er Hinweise auf eine akute Erdbebengefahr für die Hauptstadt Oslo entdeckt und von den Behörden ignoriert wird, versucht er alles, um wenigstens seine Familie rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Skandinavischer Katastrophenthriller, der anfangs eine packende Charakterstudie entwickelt und in der Antizipation des Bebens geschickt Spannung aufbaut. In Folge des spektakulären, tricktechnisch auf Hollywood-Niveau umgesetzten Desasters gibt er seine Vielstimmigkeit allerdings zugunsten konventionelleren Nervenkitzels auf. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SKJELVET
Produktionsland
Norwegen
Produktionsjahr
2017
Regie
John Andreas Andersen
Buch
John Kåre Raake · Harald Rosenløw-Eeg
Kamera
John Christian Rosenlund
Musik
Johannes Ringen · Johan Söderqvist
Schnitt
Christian Siebenherz
Darsteller
Kristoffer Joner (Kristian Eikjord) · Ane Dahl Torp (Idun Karlsen) · Edith Haagenrud-Sande (Julia Eikjord) · Kathrine Thorborg Johansen (Marit Lindblom) · Jonas Hoff Oftebro (Sondre Eikjord)
Länge
104 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Katastrophenfilm

Heimkino

Verleih DVD
Universum
Verleih Blu-ray
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Diskussion

Norwegens Medien haben ihn den „Mahner“ getauft. Eine Zeitlang war Kristian Eikjord (Kristoffer Joner) als Held auf den Titelseiten von Zeitungen und in Fernsehshows präsent, durchaus verdient nach seiner Rolle bei der Flutkatastrophe am Geirangerfjord, wo der Geologe mit beherztem Einsatz dutzenden Menschen das Leben rettete, darunter auch seiner Frau und seinen beiden Kindern. Doch drei Jahre nach der Tsunami-Welle beschäftigen Kristian allein die Gedanken an jene rund 250 Menschen, die damals umkamen. Zurückgezogen von seiner Familie haust er nun allein in einer Hütte in Geiranger, selbst die Gegenwart seiner kleinen Tochter Julia erträgt er nur kurze Zeit, bevor ihn wieder seine Sorgen überwältigen. Die Familie hat schlicht keine Priorität mehr für ihn, der endgültige Bruch steht kurz bevor. Bis Hinweise auf geologische Instabilität im Gebiet der Hauptstadt Oslo sein inneres Alarmsystem aktivieren und ihn ahnen lassen, was unmittelbar bevorsteht: Ein gewaltiges Erdbeben, das die Stadt zerstören könnte.

The Wave – Die Todeswelle“ war 2015 ein unerwartet effektvoller Katastrophenthriller, mit dem der norwegische Regisseur Roar Uthaug sich an ein sonst eher mit Hollywood verbundenes Genre wagte: Zwar mit den auch in amerikanischen Katastrophenfilmen üblichen Handlungsmustern und Figuren-Stereotypen, aber in der Inszenierung des (auch in der Realität durchaus vorstellbaren) Desasters glaubwürdig und in der Zeichnung der Protagonisten mit etwas mehr Zwischentönen als üblich. Die Fortsetzung „The Quake – Das große Beben“, inszeniert von John Andreas Andersen, einem der bekanntesten Kameramänner des norwegischen Kinos, greift die etablierten Motive nun nahtlos wieder auf und erweitert sie um die Grundregeln von Sequels. In groben Zügen wiederholt sich der Plot des ersten Teils, wenn auch die Bedrohung noch mal erheblich größer ausfällt, und führt die Hauptfiguren einmal mehr vor die doppelte Aufgabe, der Gefahr zu entkommen und als Familie zusammenzuwirken.

Bevor die Action losbebt, liefert der Film eine packende Charakterstudie

Überraschend ist an „The Quake“ vor allem, wie überzeugend der erste und längste Teil des Films ausfällt, der in US-Produktionen so oft lediglich halbherzige Einleitung für die Action-Höhepunkte ist: Das Ringen des vom Drehbuch zum Helden bestimmten Mannes mit seinen Dämonen ist für die Autoren John Kåre Raake und Harald Rosenløw-Eeg weit mehr als ein notwendiges Handlungsklischee, sondern bereichert die Zeit bis zum Ausbruch des Erdbebens um eine durchaus packende Charakterstudie.

Zu verdanken ist dies auch einer bemerkenswerten Wandlung vom ersten zum zweiten Film: War Kristian in „The Wave“ noch ein munterer Zeitgenosse, der trotz seiner Vorahnung des Unheils ein liebevoller Familienvater war, haben die furchtbaren Ereignisse untilgbar ihre Spuren hinterlassen. Seine Frau Idun hatte ihn im ersten Film noch scherzhaft auf eine einzige Sorgenfalte zwischen den Augenbrauen angesprochen, in „The Wave“ scheint nun das gesamte Gesicht von Hauptdarsteller Kristoffer Joner mit Falten übersät. Der Auftritt des Geologen ist unsicher, zitternd und impulsiv; wenn Kristian einmal mehr Verantwortliche von der nahenden Katastrophe zu überzeugen versucht, weckt er so sehr den Eindruck eines traumatisierten Wirrkopfs, dass leicht zu begreifen ist, warum ihm – Held hin, Held her – auch diesmal niemand glauben will und sich selbst seine Familie von ihm entfernt hat.

Die norwegischen Spezialeffekt-Designer brauchen den Vergleich mit Hollywood nicht zu scheuen

Das eigentliche Erdbeben schiebt der Film weit in seine zweite Hälfte, hält die Erwartungen auf die große Katastrophe aber mit geschickt eingesetzten Vorwarn-Sequenzen – Steinschlag in einem Tunnel, leichte Vorbeben, umfassende Stromausfälle – angespannt. Wenn dann schließlich rund zwei Minuten lang die Erde bebt, Spalten aufreißen und hohe Glasbauten zusammenstürzen, ist das ähnlich spektakulär wie das zu 80 Meter aufgetürmte, alles mit- und umreißende Flusswasser in „The Wave“ – die norwegischen Spezialeffekt-Designer brauchen auch diesmal den Vergleich mit ihren Hollywood-Kollegen nicht zu scheuen.

Mit dem Beben endet allerdings abrupt auch die Originalität des Films. Neben den in sich zusammenfallenden Hochhäusern schrumpfen die Menschen auch erzählerisch auf Zwergformat und werden bis auf die zentralen Figuren fast völlig ausgeblendet. Wo vorher das Schicksal der Gesamtbevölkerung von Oslo im Blick zu sein schien, beschränkt sich auch „The Quake“ letztlich doch wieder auf das alte Prinzip, das schon „The Wave“ von Hollywood kopiert hatte: Hauptsache, die Kernfamilie kommt (weitgehend) heil aus der Sache heraus! So generiert der letzte Teil des Films zwar noch einige spannende Szenen, wirkt nach dem Vorhergehenden aber auch reichlich konventionell. Als hätten die Macher doch nicht ihrem couragierten Vorstoß getraut, Katastrophen nicht als Bewährungsproben für Tapferkeit, sondern als Auslöser von psychischen Verletzungen darzustellen. Kristian jedenfalls zieht die Helden-Nummer am Ende dann doch ohne großes Federlesen durch.

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