His Dark Materials

Fantasy | USA/Großbritannien 2019 | Minuten

Regie: Tom Hooper

Eine Serienverfilmung von Philip Pullmans gleichnamiger Fantasy-Trilogie. In einer fantastischen Gegenwelt, die unserer ähnelt, die aber eine Fantasy-Steampunk-Version des viktorianischen Zeitalters ist, werden Menschen mit einem „Dæmon“ geboren, einer Art Seelenbegleiter in Tierform. Ein junges Mädchen, das in Oxford aufwächst, gerät in gefährliche Abenteuer, wobei entführte Kinder, eine Dame mit zweifelhaften Absichten und eine geheimnisvolle, umkämpfte Materie eine wichtige Rolle spielen. Für das Mädchen und seinen Dæmon beginnt eine waghalsige Reise, die sie in Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen und seltsamen Geschöpfen bringt - und schließlich auch mit einem Jungen aus unserer Welt, der eine zentrale Rolle dabei spielen wird, die Gefahr, die beiden Welten droht, zu lösen. Der Serie gelingt eine bildgewaltige, von starken Darstellern getragene Adaption, die nach anfänglichen dramaturgischen Schwierigkeiten damit, das komplexe Erzähluniversum einzuführen, zunehmend Fahrt aufnimmt und den ebenso spannenden wie beziehungsreich-klugen Stoff ideenreich umsetzt. Ein schönes, eskapistisches Drama voll Weltklugheit und Rebellion. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
HIS DARK MATERIALS
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Tom Hooper · Jamie Childs · William McGregor · Otto Bathurst · Euros Lyn
Buch
Jack Thorne
Kamera
Joel Devlin · Justin Brown · David Higgs · David Luther · Suzie Lavelle
Musik
Lorne Balfe
Schnitt
Stephen Haren · Niven Howie · Dan Roberts · Sam Williams · Nick Arthurs
Darsteller
Dafne Keen (Lyra Belacqua) · James McAvoy (Asriel) · Ruth Wilson (Mrs. Coulter) · Amir Wilson (Will Parry) · Andrew Scott (John Parry)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Fantasy | Literaturverfilmung | Serie

Serienverfilmung von Philip Pullmans gleichnamiger Fantasy-Trilogie.

Diskussion

Erst zu Beginn der fünften Episode kommt diese Serie ganz zu sich. Bis dahin war vieles Vorspiel, Exposition. Nun aber hören wir da zu sphärischer Musik aus dem Hintergrund den eher selten auftretenden Erzähler sprechen: Von Hexen, vom Wandern zwischen den Welten, von einem Mädchen, „who is destined to bring the end of destiny“. Und von einem Jungen, dessen Schicksal mit ihrem verbunden sei – zusammen werden sie „alles verändern“.

Alles! Es geht also um nichts Geringeres als ums Große Ganze. Und zu diesen Sätzen sieht man die bisherige Heldin, Lyra, in fiktiven Zeiten durch die karge Landschaft eines eisigen Nordens stapfen, und dann plötzlich einen noch namenlosen Jungen im London von Heute. Die Kamera verrät uns, dass sie nebeneinander gehen – wenn auch in parallelen Welten – , sich bemerken, ohne zu realisieren, dass sie es tun. Hier führt die BBC-Serie „His Dark Materials“ zum ersten Mal (und von da ab immer wieder) die Handlung des ersten Teils der zugrunde liegenden Roman-Trilogie von Philip Pullman ("Der Goldene Kompass") mit der des zweiten ("Das Magische Messer") zusammen. Der Junge wird sich als Will Parry entpuppen, der Held des zweiten Romans, der erst in der Zweiten Staffel ins Zentrum rücken wird, hier aber bereits, parallel, eine Rolle spielt.

Ein Riss, der die Welt teilt, und eine messianische Heldin

Über die Titelsequenz könnte man lange schreiben: Sie zeigt die Entstehung der Welt aus jenem „Staub“, der in Pullmans Fantasy-Universum die Grundlage von allem Lebenden bildet; sie zeigt das Entstandene dann als ein Zurückweichen aus dem Kleinen, Individuellen ins Große, Universale, die Mechanik der Welt als eine Art Uhrwerk. Dann geht es weiter zum Universum, das wiederum als eine Schicht unter unzähligen sich entpuppt – und am Ende in einen Strom aus Weltfäden mündet, ein Bild, das an jenes in Christopher Nolans „Interstellar“ erinnert, mit dem der Film die unendlichen parallelen Zeitschichten fassen will. Inmitten von alldem immer wieder die Heldin, Lyra, die in der Geschichte zu messianischer Größe wächst und doch immer Kind bleibt, auf der Schwelle zur Erwachsenen. Ein kleiner, feiner Riss geht dann durch den Titel. Es ist der Riss, der die Welt teilt.

Die ganze Serie ist ein großes visuelles Vergnügen und lebt in erster Linie von ihren Bildeinfällen, die die Ideen der Romanvorlage kongenial umsetzen. Die Welt der Serie sieht aus wie ein wildes, mitunter krudes Gemisch aus unserer Gegenwart, aus viktorianischem Zeitalter und sanfter Science-Fiction, erweitert um Anspielungen auf faschistische Ästhetik und Steampunk-Fantasien wie Luftschiffe und Eisbären in Kampfrüstung. Dieses Setting bringt die Verfilmung auf das dem Stoff gebührende Niveau.

Die Handlung und das Universum von „His Dark Materials“, der 1995 bis 2000 veröffentlichten Fantasy-Trilogie des Schriftstellers und Oxford-Professors Philip Pullmann, der inzwischen ein Prequel-Band gefolgt ist (und deren vierter Teil für das kommende Frühjahr angekündigt ist), sind auf den ersten Blick ungemein komplex: Es gibt parallele Welten, deren Grenzen von manchen überschritten werden, es gibt menschliche Helden, aber auch sprechende Tiere, gute Hexen mit finnischen Namen, böse Zauberer. Und es gibt intelligente Maschinen wie den sagenumwobenen Goldenen Kompass, der bald in Besitz der Hauptfigur Lyra gelangt.

Wissenschaftliche Erkenntnisse gemischt mit einem typisch britischen Hang zu Schrägem und zum Fabulieren

Zu Beginn sieht man, wie Lyra als Baby nach Oxford kommt, doch dann ist sie schon elf oder zwölf, und tobt durch die Universitätsgänge wie durch ein vertrautes Heim. Bald darauf verlässt sie den vertrauten Ort und beginnt, halb getrieben, halb angezogen vom Unbekannten, ihre Reise. Besonders die ersten beiden, von Tom Hooper (u.a. „The King's Speech“) inszenierten Folgen ächzen unter der Anstrengung, all diese Figuren und Elemente einzuführen, die Handlung aufs Gleis zu setzen und in Fahrt zu bringen. Ist das dann aber alles einmal geschehen, entfaltet sich zusehends leichthändiger eines der bezauberndsten Fantasy-Universen des 20. Jahrhunderts.

Im Unterschied zu J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis hat Pullman keine in sich geschlossene, völlig konsistente Welt entworfen, sondern ein wucherndes, durch diverse Ebenen und Zeichenwelten flanierendes Werk. Auch gibt es hier keine offenkundig anachronistische Folklore wie verlorene Königreiche oder Visionen besserer Vergangenheit. Stattdessen mischen sich seriöse wissenschaftliche Erkenntnisse – Albert Einsteins Relativitätstheorie und Nelson Goodmans konstruktivistische Theorie der Parallelwelten („Weisen der Welterzeugung“) – mit einem typisch britischen Hang zu kruden Einfällen, zu Schrägem und zum Fabulieren. Am ehesten ist das alles vergleichbar mit „Alice in Wonderland“ und manchen Jules-Verne-Schmökern.

Ein antiautoritäres Märchen

Hinzu kommen allerdings die „Daemonen“: Jeder Mensch wird in dieser Welt nämlich ständig von einem Gefährten in Tiergestalt begleitet, der als eine Art veräußerlichtes Abbild der Seele fungiert. Bei Kindern sind sie überdies noch Chimären, die ihre Gestalt blitzschnell wechseln können. Sie müssen erst fertig werden – so ist Pullman eine erzählerische Figur gelungen, die den Individuationsprozess visuell begreifbar macht und zugleich für Instinkt und „emotionale Intelligenz“ steht. So hat der edle Professor Lord Asriel, der im Film von James McAvoy verkörpert wird, einen schönen Schneeleoparden an seiner Seite, die undurchsichtige Marisa Coulter (Ruth Wilson), die sich später als Lyras Mutter entpuppen wird, dagegen einen unangenehmen Pavian.

Zum typisch Britischen des Stoffs gehören Selbstironie und Skepsis, aber auch Lust an Anarchie und Rebellion: „His Dark Materials“ ist ein antiautoritäres Märchen, das Freiheit und Selbstdenken ins Zentrum stellt und keine Achtung vor Autoritäten kennt. Ganz im Gegensatz zu „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ sind Institutionen hier nichts essentiell Gutes. Im Gegenteil: Während hier nichts perfekt ist, fast alles zwischen Gut uns Böse schillert, wird das abgrundtief Böse hier vom „Magisterium“ verkörpert, einer Art Kirche, die in der Parallelwelt eine Theokratie errichtet hat. Sowieso spielt Religion eine zentrale Rolle: Schon der Titel der Trilogie ist ein Zitat aus John Miltons „Paradise Lost“: „Bis dem allmächtigen Schöpfer einst gefällt, / Mehr Welten aus dem finstern Stoff zu bilden ...“ Serie und Bücher sind von harscher Kirchenkritik und Abneigung gegenüber Zeremonien, klerikalen Ritualen und Hierarchien durchzogen, und vom Plädoyer für Liberalität, Freigeistigkeit und Eigensinn. Lyra, atemberaubend und sehr überzeugend gespielt von Dafne Keen, ist eine Heldin, die sich nicht an Regeln hält.

Die Serie lebt von ihren Figuren und deren Darstellerin, ihren Schauplätzen, einfallsreichen Umdefinitionen, aber auch besonders von der verführerischen, epischen Qualität der Musik von Lorne Balfe. Wie den Büchern gelingt auch dieser Adaption eine ganz eigene Form von Fantasy: Dies ist keine dumpfe Mythenschmiede, sondern eine helle, klare Welt. Aber auch nicht Anti-Mythologie, sondern „Neue Mythologie“ im Sinne von Schiller und Hegel, eine Freiheit auf pantheistischer Grundlage, in der Mythologie eine Form ist, Ideen ästhetisch zu machen, nicht mehr. Vielleicht sind die Antworten, die Pullman gibt, nicht immer der Weisheit allerletzter Schluss, aber die Haltung ist es: Ein schönes, eskapistisches Drama voll Weltklugheit und Rebellion. Freiheitlich bis ins Mark.

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