Krimi | Spanien 2019 | 383 (8 Episoden) (Staffel 1) Minuten

Regie: Alex Rodrigo

Das Leben einer spanischen Architektin wird durch einen Anruf der Polizei in einen Trümmerhaufen verwandelt. Ihr Mann ist tot, vermutlich durch eigene Hand. Unter falscher Identität ermittelt die Witwe auf eigene Faust und lernt dabei das bizarre Doppelleben des Toten sowie dessen langjährige Geliebte kennen. Trotz erzählerischer Längen und einer gewöhnungsbedürftigen Werbefilmästhetik überzeugt die Thriller-Serie durch eine multiperspektivische Erzählweise und einen weitgehend stringenten Spannungsbogen. Überdies geht es immer wieder um einen vielseitigen Diskurs zum Thema freie Liebe. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
EL EMBARCADERO
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2019
Regie
Alex Rodrigo · Jesús Colmenar · Jorge Dorado
Buch
Esther Martínez Lobato · Álex Pina · Nacho Manubens · Sonia Martínez
Kamera
Migue Amoedo · Álvaro Gutiérrez
Musik
Iván Martínez Lacámara · Manel Santisteban
Schnitt
Luis Miguel González Bedmar · Regino Hernández · Raquel Marraco · Domi Parra
Darsteller
Verónica Sánchez (Alejandra) · Álvaro Morte (Óscar) · Irene Arcos (Verónica) · Roberto Enríquez (Conrado) · Judit Ampudia (Ada)
Länge
383 (8 Episoden) (Staffel 1) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Krimi | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Eye See Movies
Verleih Blu-ray
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Nichts ist, wie es scheint. Oder: Wer war Óscar? Die spanische Thriller-Serie erzählt multiperspektivisch vom geheimen Doppelleben eines Selbstmörders, das Schritt für Schritt von seiner Witwe wie von seiner Geliebten aufgedeckt wird.

Diskussion

Álex Pinas und Esther Martínez Lobatos Thriller-Serie „The Pier“ beginnt mit einem dramaturgischen Donnerschlag. Die spanische Architektin Alejandra (Verónica Sánchez) ist nach einem dreistelligen Millionendeal für ein globales Wolkenkratzerprojekt ganz in Feierlaune, als sie ein Anruf der Polizei aus allen Wolken reißt: „Ihr Mann Óscar ist tot. Sie müssen sofort zu uns kommen, um ihn zu identifizieren“, erklärt die nüchterne Stimme des Polizeibeamten Conrado (Roberto Enríquez).

Man habe seinen Leichnam im idyllischen Albufera-Naturpark außerhalb Valencias auf dem Pier gefunden. Ob sie eine Ahnung habe, was er abends dort wollte? Alejandra glaubt zunächst an eine Verwechslung, denn sie hatte kurz zuvor noch mit Óscar telefoniert. Er sei gerade in Frankfurt an einer Hotelbar. Dabei hatte er Alejandra ausdrücklich von ihrer weiteren Zukunft vorgeschwärmt, für die er sich jetzt sogar ein Kind wünsche. Wie kann das sein?

Ein Mann, zwei Frauen, zwei Leben

Aber es kommt noch schlimmer: Óscar, der von Álvaro Morte ebenso smart wie abgründig verkörpert wird, führte über Jahre hinweg ein ominöses Doppelleben mit Verónica (Irene Arcos) als Zweitfrau – inklusive Kind. Ohne dass Alejandra je Verdacht schöpfte, wurde sie von Óscar 15 Jahre lang betrogen; laut Polizei soll er überdies auch in eine Reihe halbseidener Vermögensgeschäfte verstrickt gewesen sein.

Abseits des internationalen Börsenparketts und frei von bürgerlichen Konventionen lebte Óscar zusammen mit dem libertären Landei Verónica und ihrer gemeinsamen Tochter in der bezaubernden Abgeschiedenheit der Albufera ein wildes (Sex-)Leben.

Im Zuge ihrer eigenen Ermittlungen stößt Alejandra unter falscher Identität bald auf ihre geheimnisvolle Rivalin, die im Grunde für all das steht, was der verkrampften Karrieristin immer fehlte: kreative Spontanität, anarchistische Hitzigkeit sowie eine sexuelle Ungezügeltheit, die ausdrücklich auch freie Liebe mit allen Geschlechtern beinhaltet.

Doch anstatt sie zu hassen, fühlt sich auch die gehörnte Ehefrau von Verónica und deren unorthodoxem Lebensstil magisch angezogen. Wie ein Parasit nistet sie sich bei der Zweitfrau ihres toten Mannes ein, während sie von dem Polizisten Conrado parallel immer neue Ermittlungsergebnisse erhält, wodurch sich weitere Abgründe auftun. Wer steckte hinter der Persona Óscars? Und nahm er sich wirklich selbst das Leben?

Ein libertär-leichtfüßiger Tonfall

Die Erwartungen des Publikums wie der Kritik sind naturgemäß hoch, wenn das erfolgreichste europäische Showrunner-Team eine neue Serie lanciert. Zusammen mit seiner Frau Esther Martínez Lobato hatte Álex Pina mit „Haus des Geldes“ (seit 2017) eine der erfolgreichsten Serie außerhalb des anglophilen Sprachraums geschaffen, die sich auch in Deutschland enormer Popularität erfreut. Die vierte Staffel von „Haus des Geldes“ ist bereits abgedreht und soll im April 2020 bei Netflix veröffentlicht werden.

Was „The Pier“ jedoch von „Haus des Geldes“ wie auch anderer Serien von Álex Pina (etwa „Vis a Vis“ oder „El Barco“) unterscheidet, ist der libertär-leichtfüßige Tonfall, der sich durch alle acht Episoden der ersten Staffel zieht. Im Verbund mit eher fragilen denn kantigen Charakteren und einer anfangs ausgesprochen gewöhnungsbedürftigen Werbefilm- und Musikclipästhetik, die offen gängige Imagefilme zitiert, atmet „The Pier“ so gar nicht den Geist eines temporeichen „Heist-Movies“, der „Haus des Geldes“ durchgängig bestimmte.

Eine multiperspektivische Erzählweise

Vielmehr mäandert die mit anzüglichen „Sex-and-Crime“-Elementen durchzogene Thriller-Serie lange Zeit zwischen den Genres, die von Romantic Comedy bis zum klassischen Krimi reichen, was sich so auch in der uneinheitlichen Sprache der Dialoge fortsetzt, die teilweise wie aus einer Soap Opera klingen. In dem Gestrüpp aus Doppelidentitäten und verborgenen Geheimnissen gelingt es den beiden Showrunnern trotz narrativer Längen, einen weitgehend stringenten Spannungsbogen zu kreieren, der von der ersten Episode an auf harten Schnitten und einer interessant multiperspektivischen Erzählweise fußt.

Ergänzt durch eine erotische Grundspannung, wie man sie aus dem Frühwerk Bertrand Bliers kennt, sowie ein fest konturiertes Farbkonzept, das in den bestechenden Aufnahmen der Albufera-Landschaft am besten zum Tragen kommt, ist „The Pier“ vielleicht kein großer Wurf, aber dennoch eine spannende Serie, die in den Nebenrollen außerdem mit arrivierten Almodóvar-Darstellern wie Cecilia Roth überzeugend besetzt ist.

 

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