Small Planets

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 96 Minuten

Regie: Dirk Manthey

Vier außergewöhnliche Orte in Spanien, auf Spitzbergen, mitten in Neapel und auf der Insel Grimsey, die in sich geschlossene Gesellschaften beherbergen, stehen symbolhaft für die Überwindung von realen und metaphorischen Grenzen. Der hybride Dokumentarfilm verzichtet auf eindeutige Handlungsstränge, sondern setzt ganz auf die Kraft des visuellen Ausdrucks. Ein zwischen Essay und distanzierter Beobachtung wechselnder Film auf der Suche nach einer originären poetischen Bildsprache. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Dirk Manthey
Buch
Dirk Manthey
Kamera
Sebastian Bock
Musik
Ulrich Kodjo Wendt · Uli Kringler · Matthias Köninger
Schnitt
Ramon Raoul Urselmann
Länge
96 Minuten
Kinostart
09.01.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Visuell überwältigender Dokumentarfilm über vier außergewöhnliche Orte in Spanien, auf Spitzbergen, mitten in Neapel und auf der Insel Grimsey, die geschlossene Gesellschaften beherbergen.

Diskussion

Das Lepra-Sanatorium in Fontilles liegt in den Bergen hinter der Costa Blanca. Eine hohe Mauer umgibt das riesige Gelände, dessen Hauptgebäude auch ein Kloster sein könnte. Hier leben in völliger Abgeschiedenheit die letzten ehemaligen Lepra-Patienten Spaniens.

Ny-Ålesund auf Spitzbergen ist eine Forschungsstation an einem der unwirtlichsten Orte der Welt, hoch im Norden der Insel und nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Die kleine internationale Gemeinschaft, die hier lebt, ist zum Arbeiten hier.

Mitten in Neapel leben etwa 7000 Singhalesen aus Sri Lanka. Sie bilden eine verschworene Gemeinschaft, eine Art Enklave inmitten der trubeligen Großstadt, fast vollkommen abgeschottet von der italienischen Nachbarschaft, mit der sie lediglich berufliche Kontakte verbinden.

Das winzige Inselchen Grimsey liegt nördlich von Island direkt auf dem Polarkreis. Hier leben ein paar Fischer und ihre Familien, die dem kargen Leben die besten Seiten abzugewinnen versuchen. Der Zusammenhalt ist groß, viele verbringen die Freizeit miteinander bei Spiel und Spaß – ein willkommener Ausgleich zur harten Arbeit auf den Hochseetrawlern oder bei der Fischverarbeitung.

Eine durchkomponierte Ästhetik

Lange, ruhige Einstellungen charakterisieren die Einstellungen des Films von Dirk Manthey: seine Landschaftstotalen sind oft beeindruckend schöne Panoramen von durchkomponierter Ästhetik. Ebenfalls ruhig, aber intensiv beobachtend sind die Bilder von den Menschen, die – freiwillig oder nicht – an den abgeschiedenen Orten leben, die Manthey für seine vor allem visuell herausragende Dokumentation ausgewählt hat. Die Schauplätze wechseln allerdings oft abrupt, ohne dass ein klares Gefüge dahinter erkennbar würde. Manche Situation wird später weitergeführt, nachdem ein anderer Schauplatz ins Zentrum rückte.

Manthey beobachtet die Menschen im Alltag, bei der Arbeit, in der Freizeit oder im Familienverbund. Ihre Tätigkeiten erscheinen dabei bedeutungsvoller als ihre Geschichten. Die meist statische Kamera ruht auf Details, auf Spielkarten oder einem Vogelkäfig. Es gibt weder Interviewsituationen noch generell eindeutig bestimmbare Protagonisten oder erkennbare Handlungsmuster. Die „Protagonisten“ bleiben merkwürdig vage; man erfährt keine Namen, was den Eindruck verstärkt, dass sie nicht als Individuen oder handelnde Personen wichtig sind, sondern vielmehr in ihrer Funktion als Vermittler von Eindrücken.

Erinnerungen und Reflexionen spielen nicht bei allen eine Rolle – nur im Lepra-Sanatorium geht es um Rückschau, während in Neapel und Island die Zukunft im Mittelpunkt steht. Die Singhalesen träumen von ihrer Rückkehr nach Sri Lanka, ihre Heimat, die sie beinahe rührend verehren und verklären. Für die jüngeren Insulaner von Grimsey steht die ersehnte Reise nach Island im Vordergrund. Nur auf Spitzbergen dominiert die Gegenwart; das Hier und Jetzt wird von der wissenschaftlichen Arbeit mit und in der Natur geprägt.

Starrsinn oder die Kunst der Anpassung

Diese extrem abgeschiedenen Orte zeigen vor allem eines: die Anpassungsfähigkeit des Menschen und seinen Starrsinn, sich auch unter widrigen Bedingungen zu behaupten. Wer an einem dieser isolierten Plätze lebt, weiß ganz genau, warum. Dennoch fühlen sich die Menschen wohl, vielleicht weil sie sich in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten wissen, vielleicht aber auch, weil sie mit dem „normalen“ Leben abgeschlossen haben. Allen Orten gemeinsam ist die Schwierigkeit, überhaupt dorthin zu kommen, sei es aufgrund von echten, greifbaren Hindernissen oder bedingt durch Vorurteile wie etwa im Sanatorium von Fontilles oder in Neapel.

Während die Umgebung einen großen Stellenwert einnimmt, wirken die Personen mehr und mehr wie Staffage, manchmal sogar wie Fremdkörper in einer feindlichen Umgebung – Spitzbergen und Grimsey sind alles andere als gemütlich, Neapel und Fontilles stehen für die Ablehnung und die Angst, die Menschen dazu bringt, sich abzuschotten. Eine Entwicklung findet nicht statt; vielmehr führen erst die Bilder zu einem Erkenntnisgewinn.

Auf diese Weise formt sich das Bild eines hybriden Essayfilms, der Elemente des beobachtenden Dokumentarfilms mit grandiosen Naturaufnahmen kombiniert und assoziative oder disruptive Gedankengänge befördert. „Small Places“ ist ein visueller Hochgenuss voller großartiger Bilder, dessen Sinngehalt sich allerdings nur langsam erschließt.

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