The Grudge (2019)

Horror | Kanada/USA 2019 | 94 Minuten

Regie: Nicolas Pesce

Als eine Polizistin nach einem mysteriösen Todesfall eigene Ermittlungen anstellt, stößt sie auf einen Fluch, der die Bewohner und Besucher eines Familienhauses verfolgt. Parallel dazu wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt, wie dämonische Geister mehrere Familien in den Tod treiben. Weiterer US-Beitrag zu einem japanischen Horror-Franchise, der trotz inflationär eingesetzter Schockeffekte versucht, eine gediegenere, stärker an Figurenpsychologie orientierte Erzählweise zu etablieren. Durch die ständigen Zeitsprünge und das große Figurenensemble bleibt der Film jedoch zu zerstreut, um mehr dramatische Tiefe zu erlangen, und entwickelt kein eigenes Profil. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE GRUDGE
Produktionsland
Kanada/USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Nicolas Pesce
Buch
Nicolas Pesce
Kamera
Zack Galler
Musik
The Newton Brothers
Schnitt
Ken Blackwell · Gardner Gould
Darsteller
Andrea Riseborough (Detective Muldoon) · Demián Bichir (Detective Goodman) · Tara Westwood (Fiona Landers) · John Cho (Peter Spencer) · Betty Gilpin (Nina Spencer)
Länge
94 Minuten
Kinostart
09.01.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Mystery-Film

Der neueste US-Beitrag zum japanischen Horror-Franchise um bösartige Rachegeister, die ihre Opfer in den Tod treiben, als Versuch, mehr auf Figurenpsychologie zu setzen.

Diskussion

Immer wieder kehrt „The Grudge“ zu einem viktorianisch anmutenden, zweistöckigen Familienhaus in einer amerikanischen Kleinstadt zurück. Hierher bringt die Krankenschwester Fiona Landers (Tara Westwood) unwissentlich einen Geist von ihrem Japan-Trip mit. Jeder, der dieses Haus von nun an betritt, wird mit einem Fluch belegt und so lange von der dunklen Macht terrorisiert, bis er sich und seinen Liebsten das Leben genommen hat. Obwohl sich die Handlung immer wieder an diesem Schauplatz sammelt, vermeidet es Regisseur Nicolas Pesce aber konsequent, ihn zum Zentrum seines Films zu machen. Überhaupt versucht sich der neueste Beitrag der populären Horrorreihe weniger in der Konzentration als in der totalen Zerstreuung.

Ein kaum noch zu überblickendes Franchise

Über zwanzig Jahre ist es her, dass der japanische Regisseur Takashi Shimizu mit zwei Kurzfilmen die Geschichte der Hausfrau Kayako Saeki schuf, die von ihrem eifersüchtigen Mann getötet wird und als todbringender Rachegeist mit wirrer Mähne zurückkehrt. Entstanden ist daraus das mittlerweile kaum noch zu überblickende „Ju-On“-Franchise, zu dem neben zwei Direct-to-Video-Produktionen, mehreren Kinofilmen und Hollywood-Remakes unter anderem auch eine Comicreihe, ein Videospiel sowie eine in diesem Jahr startende Serie gehört.

Die neueste US-Version – die erste, an der Shimizu selbst nicht mehr beteiligt ist – ist nun weder Fortsetzung noch Remake oder Reboot, sondern ein parallel zur eigentlichen Handlung angesiedeltes Spin-Off, das fast ausschließlich in der tristen, braunstichigen Provinz Pennsylvanias angesiedelt ist. Wie schon einige der älteren Beiträge der Reihe setzt auch Nicolas Pesces Film auf eine verschachtelte Erzählstruktur: Nachdem die Polizistin Muldoon (Andrea Riseborough) durch den mysteriösen Fund einer Leiche auf den Fall aufmerksam geworden ist und beginnt, eigenhändig Ermittlungen anzustellen, wechselt der Film pausenlos zwischen verschiedenen Zeitebenen. Neben der Familie Landers bekommen es dabei etwa auch der Immobilienmakler Peter (John Cho) sowie das ältere Ehepaar Matheson mit dem Geist zu tun.

Aufmerksamkeit für die Zerbrechlichkeit der Protagonisten

Pesce, der zuvor die ambitionierten Independent-Horrorfilme „The Eyes of My Mother“ und „Piercing“ gedreht hat, versucht auch diesmal, einen nicht allzu offensichtlichen Zugang zu wählen – so gut das bei einer Produktion dieser Größe eben möglich ist. Vor allem nimmt er das Tempo aus der Erzählung raus und verlagert die Aufmerksamkeit stärker vom Horror auf die psychische Zerbrechlichkeit seiner von Krankheit, Tod und Verlust gezeichneten Protagonisten.

Fast alle Opfer werden in einer äußerst verwundbaren Phase ihres Lebens heimgesucht: Makler Paul und seine Freundin bereiten sich etwa gerade auf die Geburt ihres Babys vor, William Matheson (Frankie Faison) zerbricht an der zunehmenden Demenz seiner Frau (Lin Shaye), und Detective Muldoon muss ihr Leben neu organisieren, nachdem sie ihren Mann an den Krebs verloren hat. Dass Pesces Augenmerk vor allem auf privaten Dramen liegt, wirkt in einem Franchise, in dem der Fluch letztlich nicht mehr als eine endlose Kette häuslicher Gewalt ist, erstmal plausibel.

Schockmomente wie ein Fremdkörper

Allerdings will sich das Potenzial von Pesces Konzept nie so richtig entfalten. Die inflationär eingesetzten und dabei auch nicht besonders wirksamen Schockmomente wirken wie ein Fremdkörper in diesem gediegen-gemächlichen Erzählkosmos. Aber auch das Versprechen auf mehr dramatische Tiefe bleibt wegen der ständigen Zeitsprünge und des großen Figurenensembles uneingelöst. Im Ganzen scheitert Pesce mit seiner Version daran, ein eigenes Profil zu entwickeln. Kayako, die mit ihrem Sohn Toshio gewissermaßen das Gesicht des Franchises ist, hat hier nur noch einen kurzen Gastauftritt. Und der Versuch, die deutlich weniger furchteinflößenden Landers als neue Schreckgespenster zu etablieren, darf als gescheitert gesehen werden. So fühlt sich „The Grudge“ wie ein fauler Kompromiss an, der weder die Tradition erfolgreich fortführt noch radikal mit ihr brechen will.

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