Serie | USA 2020 | 420 (10 Folgen) Minuten

Regie: James McTeigue

Eine Thriller-Serie um einen angeblichen Messias. Die CIA ist beunruhigt von dem Aufsehen, das ein rätselhafter Mann aus dem Nahen Osten erregt: Um den angeblichen Wundertäter, in dem viele einen Erlöser sehen, bildet sich eine immer weiter um sich greifende Massenbewegung, die die Sicherheitskräfte als potenzielle Gefahr betrachten. Die Serie malt anhand eines umfangreichen Figurenensembles verschiedene Reaktionen auf den angeblichen Heilsbringer aus, von einer kritischen CIA-Agentin, die auf den Mann angesetzt wird, über einen israelischen Agenten bis zu einem syrischen Gläubigen. Dabei kommen zwar mitunter angesichts der Einbeziehung der privaten Probleme der Figuren die großen Fragen nach der Rolle von Glauben und Heilssehnsüchten in der modernen globalisierten Gesellschaft und in Zeiten von Terror und Klimawandel etwas kurz; trotzdem gelingt dank des Facettenreichtums, mit dem das Thema angegangen wird, interessante, spannende Unterhaltung. - Ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
MESSIAH
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Produktionsfirma
Industry Entertainment
Regie
James McTeigue · Kate Woods
Buch
Michael Petroni
Kamera
Danny Ruhlmann
Musik
Johnny Klimek · Gabriel Isaac Mounsey
Schnitt
Martin Connor · Joseph Jett Sally
Darsteller
Michelle Monaghan (Eva Geller) · Mehdi Dehbi (Al-Masih) · Jane Adams (Miriam Keneally) · Wil Traval (Will Matthews) · Tomer Sisley (Aviram Dahan)
Länge
420 (10 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Serie | Thriller

Was passiert, wenn ein neuer Messias auf Erden Wunder vollbringt - oder jemand, den viele Menschen für einen Heilsbringer halten? Die Thriller-Serie spielt facettenreich mit der Rolle von Glaube und Erlösungssehnsucht in Zeiten von Terrorangst und Klimawandel.

Diskussion

Da steht er nun also, auf einem Rastplatz im Nirgendwo, die langen dunklen Haare unter einem Kapuzenpullover verborgen: der Heiland. Der Mann, den viele für den Messias halten, für einen menschgewordenen Gott oder seinen Propheten. Er wirkt so unscheinbar. Eine junge Frau schießt mit ihrem Smartphone Bilder von ihm, für ihren Instagram-Account. Er wählt eines aus, das ihm besonders gefällt. Selbst die Parusie kommt nicht ohne Social-Media-Kampagne aus! Content is King, auch für den König der Könige.

Die Mini-Serie „Messiah“, nach einer Idee von Michael Petroni, stellt die Frage, wie die Welt heute auf eine messianische und eschatologische Figur reagieren würde. Angesichts der vielen zum Erlöser überhöhten Personen des öffentlichen Lebens, von US-Präsidenten über Klimaschützerinnen bis hin zu Rockstars eine naheliegende Frage. Wie passen Wunder in die heutige Bildkultur, in die Zeit technischer Manipulierbarkeit, in der Software und Spezialeffekte alles zeigen können? Wie reagiert die Medien- und Marketingmaschinerie auf einen charismatischen religiösen Anführer, dessen Ziele scheinbar nicht einmal er selbst kennt? Hat er das Zeug zum Influencer? Ist der Westen so säkularisiert, dass er einen Heilsbringer verspotten würde, oder so transzendental obdachlos, so hilflos vereinzelt, dass er sich vor jedem potenziellen Sinnstifter in den Staub wirft?

Ein Auserwählter, der Truppen des Islamischen Staats im Sand begräbt

Der Unbekannte (gespielt von Mehdi Dehbi), den seine Anhänger bald Al-Masih nennen, offenbart sich der Welt zuerst in Damaskus. Daesh-Soldaten stehen kurz davor, die Stadt zu erobern, doch er steht auf dem Marktplatz und predigt. Kurz darauf zieht ein Sturm auf und begräbt die Truppen des sogenannten Islamischen Staats unter Tonnen von Sand. Ein Wunder, das dem enigmatischen Fremden ein Heer von Anhängern einbringt, mit denen er kurzerhand zur israelischen Grenze marschiert. Das Flüchtlingslager direkt vorm Westjordanland lässt die geopolitische Lage eskalieren.

Al-Masih wird zum Katalysator, der die Leben eines umfangreichen Ensembles berührt, aus dem Gleichgewicht bringt und für immer verändert. Der junge Syrer Jibril Medina (Sayyid El Alami) wird zu seinem treusten Anhänger. Die ernste, pragmatische CIA-Agentin Eva Geller (Michelle Monaghan) sieht den Propheten als Störfaktor und möglichen Terroristen an. Sie versucht, seine wahre Identität offenzulegen. Al-Masih entkommt aus einem israelischen Gefängnis, was dem traumatisierten Schin-Bet-Agenten Aviram Dahan (Tomer Sisley) zur Last gelegt wird. Auch er heftet sich an seine Fersen. Der texanische Pfarrer Felix Iguero (John Ortiz) und seine Tochter Rebecca (Stefania LaVie Owen) erleben das Wirken des „Messias“ aus nächster Nähe und begleiten ihn später auch auf seinem Weg durch die USA, bis in die Hauptstadt des Landes.

Ein Hauch demokratisches Erzählen, ausgerechnet in einer Geschichte über ungewählte Anführer

Jeder von ihnen bevölkert einen eigenen Mikrokosmos von Figuren, die immer wieder miteinander kollidieren; darüber hinaus ziehen sich viele Nebenstränge durch die zehn Folgen der ersten Staffel. (Ob es eine zweite geben wird, ist noch unklar, zumal die Serie stellenweise kontroverse Reaktionen von religiösen Gruppen provozierte.) Hier soll eine globale Perspektive eingenommen und viele Facetten desselben Ereignisses beleuchtet werden. Das ist erst einmal ein interessanter Ansatz – viele vergleichbare High-Concept-Serien lassen viel Potential ungenutzt, weil sie ihre Kernidee nur als Vorwand für altbekannte Actionszenen oder Melodrama verwenden. „Messiah“ bietet auch davon zweifelsohne genug, doch es ist durchaus ein Willen da, die eigene Prämisse zu überprüfen und zu entwickeln. Natürlich gibt es Kernfiguren, aber durch ihre schiere Fülle entsteht immer das Gefühl einer aktiv handelnden Öffentlichkeit. Menschen werden nicht nur geführt, wie etwa bei „House of Cards“, sondern diskutieren, zweifeln und reflektieren. Ein Hauch demokratisches Erzählen, ausgerechnet in einer Geschichte über ungewählte Anführer.

Die vielen disparaten Handlungssplitter und Schauplätze verbindet die Serie vor allem durch Nachrichtenbilder und Beiträge in den sozialen Medien. Kein Ereignis, das nicht von großen und kleinen Kameras aufgezeichnet wird. Eine der bedeutsameren Nebenfiguren ist die Journalistin Miriam Keneally (Jane Adams), die eine Enthüllungsdokumentation über den angeblichen Heiland drehen will.

Omnipräsenz durch die Allmacht der Bilder

Al-Masih wirkt global und kann durch die gottesähnliche Kraft der Bilder wahrhaft omnipräsent sein. Als formales Gestaltungsmittel für dieses Phänomen wird oft auf die Parallelmontage zurückgegriffen. Dann werden etwa die Ereignisse im israelischen Flüchtlingslager und in der verwüsteten texanischen Kleinstadt, in der sich Anhänger des neuen Messias sammeln, nebeneinandergestellt. Zwei Reden, eine in einer Megachurch, die andere in einer Moschee, verschmelzen zu einem Augenblick. „Messiah“ vergleicht und verbindet unentwegt: eine Tür in Nordamerika wird geschlossen und eine im Nahen Osten tut sich auf. Match Cuts und Parallelmontagen legen nah, dass die virtuelle Gleichzeitigkeit des Internets schon mit den Mitteln von Griffith und Eisenstein visualisiert werden konnte. In Erwartung der Apokalypse wird die Welt eins, aller religiösen und kulturellen Demarkationslinien zum Trotz. In einer Szene geht Samuel P. Huntingtons einflussreicher Bestseller „Kampf der Kulturen“ in Flammen auf. Nicht, weil die Serie seinen Thesen inhaltlich widerspricht, sondern eher, weil formal unentwegt alle Grenzen verwischt und aufgelöst werden.

Gesprungen wird nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen Mikro- und Makro-Perspektive. Jede der bedeutsameren Figuren kommt mit privaten Problemen daher. Die Serie eröffnet eine Welt der Hiobsgeschichten, voll von traumatisierten und verzweifelten Gestalten, die sich nur zu gern in das apokalyptische Szenario flüchten. CIA-Agentin Geller hat ihren Ehemann verloren, nur noch der Ehering und die digitale Erinnerung seines Facebook-Accounts bleiben ihr. Sie versucht, durch seinen zuvor gelagerten Samen schwanger zu werden, doch erleidet Fehlgeburt um Fehlgeburt. (Ob es eines Tages eine Agentin geben wird, die nicht durch derartige Details auf ihre Weiblichkeit reduziert wird?) Zudem geht es ihrem alternden Vater immer schlechter. Immer, wenn ein trauriger Grundton von Nöten ist, ruft er an und schaut betreten in die Kamera.

Schicksalsschläge als Teilnehmerurkunden fürs Leben

Felix droht vom Glauben abzufallen und wollte sogar seine Kirche für das Versicherungsgeld verbrennen, seine Frau ist Alkoholikerin. Agent Aviram steht kurz davor, sich von seiner Ehefrau zu scheiden, außerdem hat er wie der junge Jibril auf tragische Weise seine Mutter verloren. Ein wenig zynisch und unangenehm mechanisch ist es schon, wenn die Schicksalsschläge gleichmäßig verteilt werden, wie Teilnahmeurkunden für das Leben. Es ist mühselig, sich durch diese persönlichen Tragödien zu wühlen, weil sie meist wenig zur Komplexität der Figuren beitragen, sondern eher wie Füllmaterial wirken. Sie spielen in die größeren Zusammenhänge kaum hinein, sondern existieren parallel dazu. Fesselnd an der Serie ist primär der Plot, die Hoffnung auf Antworten treibt voran. Die Figuren diskutieren zwar oft, liefern sich Streitgespräche über ihre Weltanschauung, aber sie bleiben von geringer Konsequenz. Die Zwiegespräche geben die Form vor, sehr klassische gefilmte Dialogsituationen herrschen vor. Ein allumfassendes religiöses Bilderverbot würde die Qualität hier nur wenig mindern.

„Messiah“ ist keine Serie über Religion; der Glaube ist nur ein Grundrauschen. Wenn sie an etwas glaubt, dann an große Symbolbilder, irgendwo zwischen Zaubertrick und Wunder. In einer Sequenz wütet ein gewaltiger Tornado, es gibt viele Explosionen, mehrfach werden Bibelverse in die Gegenwart übertragen. Man orientiert sich an der Ästhetik, in die man in Hollywood Mystery-Geschichten kleidet. Zehn Folgen lang muss das Geheimnis um den neuen Messias verschleppt werden. Einfach zu beantworten, ob er verrückt, ein Scharlatan, ein Terrorist, ein russischer Hacker oder wirklich ein Heiliger ist, wäre zu einfach. So wird man also immerzu vertröstet. Brocken vor die Füße, nie die baumelnde Karotte. Natürlich erforscht man diesen in kryptischen Reden sprechenden Mitdreißiger genau, seine etwas außerirdische Präsenz, irgendwo zwischen Michael Jackson, Startup-Millionär und Sektenanführer. Doch es bleibt alles unklar, die Maske hält.

„Messiah“ ist also vielleicht keine Geschichte über den Glauben, fordert jedoch nicht weniger Vertrauen als der titelgebende Gesalbte. Folgt man ihr, durch zehn lange, handlungstechnisch etwas dünne Episoden, bestenfalls noch in kommende Staffeln, oder verweigert man sich dem falschen Propheten? Die Serie ist weder endloser Wüstengang noch gelobtes Land, sondern ein merkwürdiges Halbwissen. Ein Gefühl von Unsicherheit, ein vielleicht religiöses, vielleicht digitales Alleszugleich. Der Zeitgeist trieft aus jedem Bild, russische Hacker drohen, Terror herrscht im Nahen Osten, die Klimakatastrophe kündigt sich an, Rassenunruhen erschüttern große Städte. Einmal wird Al-Masih zum Asylanten und landet in einem Auffanglager, selbst Internet-Trolle und Cybermobbing werden in einer Szene aufgegriffen. Damit ist „Messiah“ wenn vielleicht keine wirklich gute, so doch eine auf merkwürdige Weise einnehmende Serie: Überladen, chaotisch, ein wenig trashig, voll von Brüchen im Lack und Widersprüchen. Weniger perfekt als viele andere Serien, und dadurch interessanter. Ein faszinierendes Sammelsurium von Halbgarem und Verworrenem – also eigentlich genau so wie ein Blick auf die aktuelle Nachrichtenlage.

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