We Almost Lost Bochum

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 100 Minuten

Regie: Julian Brimmers

Die vier Deutsch-Rapper von der Bochumer Band RAG hätten ganz groß rauskommen können; ihr 1998 veröffentlichtes Album „Unter Tage“ gilt heute noch als Meilenstein des Genres. Doch nach einer weiteren Platte verschwand die Gruppe von der Bildfläche. Der Film rekonstruiert mit drei der Musiker die Gründe und lässt dabei die Anfänge des Hip-Hop in Deutschland lebendig werden. Dazu kommen Gespräche mit Weggefährten und eine Fülle unbekannter Archivbilder, die den Film auch zu einem Dokument der Jugendkultur im Ruhrgebiet machen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Julian Brimmers · Benjamin Westermann
Buch
Julian Brimmers
Kamera
Benjamin Westermann
Schnitt
Benjamin Westermann
Länge
100 Minuten
Kinostart
10.09.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Doku über die vielversprechende Bochumer Rap-Gruppe RAG, die 1998 mit „Unter Tage“ ein bahnbrechendes Album veröffentlichte, drei Jahre später aber spurlos von der Bildfläche verschwand.

Diskussion

In der Popmusik gibt es immer wieder Künstler und Bands, die von Kollegen als prägend oder stilbildend für das eigene Schaffen gerühmt werden, obwohl diese Vorbilder nie den großen Durchbruch in der Publikumsgunst geschafft haben. Das Bochumer Hip-Hop-Quartett RAG gehört fraglos in diese Reihe. 1998 veröffentlichen die Musiker ihr Debütalbum „Unter Tage“, das von Insidern noch heute als Meilenstein des deutschen Raps gefeiert wird. Die kommerziell nur mäßig erfolgreiche Platte bescherte RAG immerhin einen Vertrag mit einem Major-Label. Doch nachdem drei Jahre später ihr zweites Werk auf den Markt kam, verschwanden die Musiker von der Bildfläche.

Der Dokumentarfilm „We almost lost Bochum“ begibt sich auf eine Spurensuche und kann sich dabei auf die Mitwirkung der drei noch lebenden Bandmitglieder stützen. Aphroe, Pahel und DJ Mr. Wiz, so ihre damaligen Künstlernamen, erinnern sich an die bescheidenen Anfänge der Hip-Hop-Kultur im Ruhrgebiet. Sie erzählen, wie sie als Band zusammenfanden und warum sie irgendwann wieder getrennte Wege gingen. Der Film begleitet sie, mal einzeln, mal gemeinsam, an die damaligen Orte des Geschehens. In Clubs, Konzerthallen und ihre ehemaligen Wohnungen. Wobei vor allem Carsten Stieneke alias Aphroe, der seine Heimatregion nie verlassen hat, als Fremdenführer fungiert.

Persönliche Geschichten, auch über Rassismus

Bei den Gesprächen geht es viel um die Rapper-Szene der frühen Jahre, andere Formationen aus dem Ruhrgebiet sowie den Differenzen zu der Hamburger und Berliner Szene. Das richtet sich vor allem an Insider und Kenner der Szenen. Doch solche Detailerörterungen bleiben erfreulicherweise die Ausnahme. Stattdessen erzählen die drei Protagonisten teils sehr persönliche Geschichten aus ihren Biografien. Gabriel Saygbe („Mr. Wiz“) berichtet, wie er als Diplomatenkind mit liberianischen Wurzeln an Platten kam, die es in Deutschland gar nicht zu kaufen gab; er erinnert sich aber auch an rassistische Beleidigungen während seiner Jugend im Ruhrgebiet. Der ebenfalls dunkelhäutige Pahel Schulinus Brunis („Pahel“) hat Ähnliches erlebt und ist irgendwann nach Washington, D.C., gezogen, weil er seinen Kindern das Aufwachsen in Deutschland nicht zumuten wollte.

Ein eigener Erzählstrang ist dem RAG-Mitglied Michael Galla („Galla“) gewidmet, der nach dem frühen Tod seiner Eltern gläubig wurde, aber auch jede Form von Drogen konsumierte. Nach der Veröffentlichung der zweiten Platte siedelte er nach Berlin um, veröffentlichte ein Solo-Album, betrieb mit seiner Freundin erfolglos einen Klamottenladen, kehrte dann wieder nach Bochum zurück und wurde mit nur 38 Jahren 2011 in einem Hotel tot aufgefunden.

Es waren nicht zuletzt Gallas melancholisch poetische Texte, die RAG zu einer einzigartigen Band machten. Diese Songs haben so wenig mit dem dumpfen Mackertum vieler aktueller Rap-Stars gemein wie die drei verbliebenen Musiker, die im Film als reflektierte, grundsympathische Menschen rüberkommen. Warum es zur Auflösung der Band kam, vermögen allerdings auch sie nicht genau zu rekonstruieren. Es hatte mit dem neuen Vertrag zu tun. Plötzlich gab es einen riesigen Vorschuss von der Plattenfirma, der ihnen großen Druck bereitete. Das war der Lockerheit und Kreativität in der WG, in der das Quartett damals lebte und arbeitete, nicht eben förderlich.

Staunen über das Maß an Chaos

Neben den drei Hauptakteuren lässt der Film zahlreiche Weggefährten zu Wort kommen, von denen einige, anders als RAG, den Durchbruch schafften. Darunter Jan Delay, Kool Savas, Marteria, Curse, Die Kassierer, STF, Creutzfeld & Jakob und die Stieber Twins. Die Dokumentation wartet überdies mit einer Fülle von bewegten Archivbildern auf, Konzertmitschnitten und vielen Szenen, in denen die Bandmitglieder in ihrem privaten Umfeld zu sehen sind. Bei den Aufnahmen eines RAG-Besuchs im Musiksender VIVA staunt man, was seinerzeit an kreativem Chaos bei einem kommerziellen Sender möglich war.

Durch das Archivmaterial dokumentiert der Film überdies ein Stück Jugendkultur im Ruhrgebiet vor dem Zeitalter des Internets. Das macht ihn nicht nur für Hip-Hop-Fans sehenswert. Das einstige Kohlerevier spielt nicht nur in den Songs oder im Bandnamen – RAG stand für Ruhrpott AG –, sondern auch im Film eine zentrale Rolle. Das kommt nicht nur in den Sequenzen mit (ehemaligen) Industrieanlagen, sondern auch im Filmtitel zum Ausdruck, der dem Song „We almost lost Detroit“ von Gil Scott Heron entlehnt ist. So wie der US-Musiker mit seinem Sprechgesang als einer der Wegbereiter des Rap gilt, ereilte auch die nordamerikanische Industrie-Metropole ein ähnliches Schicksal wie das Ruhrgebiet.

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