Drama | Deutschland 2020 | 83 Minuten

Regie: Lisa Charlotte Friederich

In einer nahen Zukunft haben in Deutschland terroristische Anschläge derart zugenommen, dass sich die Menschen nicht mehr treffen dürfen. Vor diesem Hintergrund plant eine Psychologin, die sich um die Überlebenden von Terroranschlägen kümmert, gemeinsam mit ihrem Bruder, einem begnadeten Trompeter, und zwei Computerhackern ein illegales Konzert mit echtem Publikum. Trotz der unbeabsichtigten Parallele zur Corona-Pandemie funktioniert der Film eigenständig als Paraphrase auf den totalen Überwachungsstaat, in dem keine Kultur mehr möglich ist. Faszinierende Bilder vom menschenleeren Frankfurt gehen dabei mit einem beklemmenden Soundtrack einher. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Lisa Charlotte Friederich
Buch
Lisa Charlotte Friederich
Kamera
Ivàn Robles Mendoza · Tom Keller
Musik
Rike Huy · Joosten Ellée
Schnitt
Florentine Bruck · Lisa Charlotte Friederich
Darsteller
Karoline Marie Reinke (Claire) · Anton Spieker (Aurel) · Corbinian Deller (Maxismus) · Sonja Dengler (Ada) · Ulrike Knospe (Mutter / Gott)
Länge
83 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Musikfilm | Science-Fiction

In einem von Terroranschlägen stillgestellten Land, in dem sich Menschen aus Angst vor Anschlägen nicht mehr treffen dürfen, planen eine Psychologin und ihr Bruder ein geheimes Konzert mit echten Menschen.

Diskussion

„Am Anfang dachten wir, es ist vorrübergehend: Die geschlossenen Schulen, die leeren Supermärkte, die Kontrollen, die Angst, die Konzerte ohne Publikum“, informiert eine weibliche Stimme aus dem Off. Später wird jemand sagen: „Ich will so nicht leben!“ Die Antwort: „Ich weiß, es ist scheiße. Ich weiß, es nervt. Aber es ist wenigstens sicher.“

Was hier so bestürzend aktuell klingt, wie eine filmische Aufarbeitung der Corona-Pandemie mit Lockdown und Veranstaltungsverbot, beruht in Wahrheit auf einem Drehbuch, das schon vier Jahre davor seinen Anfang nahm. Die Regisseurin Lisa Charlotte Friederich und die Musikerin und Koproduzentin Rike Huy haben einen dystopischen Spielfilm gedreht, dessen Handlung einen ganz anderen Hintergrund hat, Terrorismus nämlich. „Live“ feierte seine Weltpremiere am 22. Januar 2020 beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Bis zum ersten Lockdown in Deutschland Mitte März dauerte es von da noch über sieben Wochen. Trotzdem liest sich der Film jetzt wie ein beängstigender Kommentar zur momentanen Krise.

Angesiedelt ist „Live“ in einem Frankfurt der nahen Zukunft. Die Zahl terroristischer Attentate hat in beängstigendem Ausmaß zugenommen. Versammlungen von Menschen, ob öffentlich oder privat, sind viel zu gefährlich. Darum gibt es keine Konzerte mehr, kein Theater, keine Kneipen. Kultur findet, wenn überhaupt, nur noch im Internet statt. Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit der Psychologin Claire, die nebenbei auch Musik macht, besonders systemrelevant: Sie betreut Überlebende von Terroranschlägen. Als sie bei einem Opfer eine Eintrittskarte für ein Konzert findet, lässt sich die Sehnsucht nicht mehr ignorieren, endlich wieder vor Publikum auftreten.

Ein hochgeheimes Live-Konzert wird geplant

Gemeinsam mit ihrem Bruder Aurel, einem Startrompeter, der seit Jahren nur Musikstreams im Netz absolviert, plant sie ein hochgeheimes, illegales Live-Konzert: mit echten Menschen, die physisch anwesend sind. Die beiden Hacker Ada und Maximus sollen die allgegenwärtigen Kameras austricksen; das Publikum ist klein und ausgewählt. Eigentlich kann nichts schiefgehen. Doch Ada und Maximus sorgen für ein verwirrendes Beziehungsgeflecht mit Sex, Eifersucht und Streit. Plötzlich erscheint die Mutter der Geschwister. Ein uralter Konflikt bricht auf, und Claire trifft eine grausame Entscheidung.

Für seine Brisanz kann der Film nichts, sie wird ihm von außen übergestülpt. Er funktioniert aber durchaus eigenständig als Paraphrase auf den totalen Überwachungsstaat, der seine Bewohner isoliert (und somit das „social distancing“ vorwegnimmt), beobachtet und die Kultur verbietet – obwohl sie als Begegnung und Erfahrung ungemein kostbar ist. „Die Kultur in ihrer gesellschaftlichen Kraft wahrzunehmen und wertzuschätzen“, wie Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda es formuliert hat, das gelingt Politikern, ob im Film oder aktuell in der Realität, nicht. Eine Kurzsichtigkeit, die den Wunsch nach Widerstand erst bedingt. Das erinnert mitunter an Truffauts Fahrenheit 451, in dem Bücher verbrannt werden, also Kommunikation verboten und Kultur vernichtet wird. Die Feuerwehrleute von „Fahrenheit 451“ könnten die Sicherheitsbeamten von „Live“ beeinflusst haben. Schwarze, enganliegende Kleidung, lange Mäntel, graue Hüte ohne Krempe. Sie sind der verlängerte Arm einer staatlichen Gewalt, der Gefühle nichts bedeuten. Dazu passt auch das Spiel der Darsteller, die kühl und emotionslos fast jede Geste und Mimik verweigern.

Die Menschenleere sorgt für faszinierende Bilder

Lisa Charlotte Friederich hat in einem menschenleeren Stadtteil von Frankfurt gedreht, der wegen eines Bombenalarms evakuiert werden musste. Das erinnert an filmische Dystopien wie Quiet Earth oder 28 Days Later, in denen allein schon die Menschenleere Angst und Beklemmung auslöst. Hier sorgt sie für faszinierende Bilder, deren Sog man sich nicht entziehen kann. Das gilt auch für die Musik, die von der Trompeterin Rike Huy taktgenau auf die narrative Struktur des Films abgestimmt wurde. Mit ihrer Mischung aus Trompetensoli und sphärischen Elektronikklängen erhöht sie die Beklemmung noch, wobei man „das Trompetenstück, das man nur zu zweit spielen kann“, nicht vergessen sollte, das die Verbundenheit der Geschwister, aber auch ihre Gegensätzlichkeit unterstreicht. Ein bewundernswert wagemutiges Spielfilmdebüt, dem sich durch die Corona-Pandemie weitere Interpretationsräume öffnen: Die Science Fiction ist Wirklichkeit geworden.

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