Drama | Schweiz/Österreich 2019 | 94 Minuten

Regie: Iliana Estañol

Episodisch ineinander verwobene Geschichten von sechs Wiener Jugendlichen, die nach Identität, Liebe und ihrer Sexualität inmitten einer Gesellschaft suchen, die insbesondere im digitalen Bereich ständig neue Möglichkeiten anbietet. Die hyperrealistisch, aber mit Humor gefilmten Erlebnisse sind mit Laiendarstellern besetzt und strahlen in ihrer ungeschliffenen Rohheit eine starke Authentizität aus. Mitunter stoßen die Intimitätsstudien beim Durchdeklinieren des Pubertätsalphabetes aber auch an Grenzen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Schweiz/Österreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Iliana Estañol · Johanna Lietha
Buch
Iliana Estañol · Johanna Lietha
Kamera
Georg Geutebrueck · Steven Heyse
Musik
Michael Sauter
Schnitt
Lisa Geretschläger · Sebastian Longariva
Darsteller
Sara Toth (Anna) · Kerem Abdelhamed (Jakob) · Max Kuess (Ben) · Lou von Schrader (Luka) · Melissa Irowa (Momo)
Länge
94 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm

Episodisch ineinander verwobene Geschichten von sechs Wiener Jugendlichen, die nach Identität, Liebe und ihrer Sexualität inmitten einer Gesellschaft suchen, die ständig neue Möglichkeiten anbietet.

Diskussion

Ohne die Kamera eines Smartphones oder Laptops als Plug-in zur digitalen Welt gelingt kaum noch eine Kommunikation in diesem Jugendporträt aus Wien. Mit den Eltern streitet man zwar noch ohne elektronischen Schutzwall von Angesicht zu Angesicht, doch selbst wenn man sich mit Gleichaltrigen vor einem Club versammelt, kreisen die Gespräche um die neuesten Postings auf Instagram, WhatsApp & Co. In den WGs verbringt man die Zeit mitunter gemeinsam auf dem Sofa, schweigend und abgetaucht in das jeweilige Computerspiel. Unverbindliche Sexpartner finden sich nach wenigen Klicks durch eine Dating-App. Wer die realkörperliche Konfrontation scheut, verabredet sich zum Online-Sex.

Die Generation der Digital Natives steht im Mittelpunkt dieses mittels Crowdfunding realisierten Coming-of-Age-Films der jungen Regisseurinnen Iliana Estañol und Johanna Lietha. Die Schweizerinnen filmen ihre Protagonisten in Parks und unspektakulären Wohnsiedlungen, bei allem Hyperrealismus nicht ohne Humor, wenn sich ein Einbruch als ferienbedingte Übernahme des eigenen Elternhauses entpuppt. Materielle Not leiden die Post-Millennials nicht. Geld für Drogen, das Fitnessstudio oder den Besuch bei Prostituierten ist immer verfügbar.

Die Temperamente driften stark auseinander

Die Filmemacherinnen verknüpfen drei Episoden um Teenagerpärchen zu einer Bestandsaufnahme aktueller Intimitätserfahrungen. Dass die auf der Straße gecasteten Darsteller keine Profis sind, merkt man an der zeitspezifischen Jugendsprache und den Improvisationen, die das Lebensgefühl authentisch transportieren. Allzu konstruierte Dialoge, die einen Charakter zu zeichnen versuchen, stören mitunter den natürlichen Fluss der Gesten und Stimmungen. Auch die Temperamente der Figuren driften stark auseinander. Doch genau diese ungeschliffene Rohheit macht den Reiz von „Lovecut“ aus, wenn die aufgesetzten Überlegenheitsfassaden in Konfliktsituationen implodieren und sich ein Abgrund tiefster Verunsicherung auftut.

Jakob und Anna filmen sich beim Sex. Erst zum eigenen Vergnügen, dann als Einnahmequelle im Netz für einen geplanten Auszug von Zuhause. Während Jakob die Professionalisierung ihrer Intimität durch die online verbreiteten Privatpornos abzustoßen beginnt, findet Anna immer mehr Gefallen an dem scheinbar leicht verdienten Geld. Alex und Momo schauen sich auf Skype beim Masturbieren zu. Als Alex nach unzähligen Ausreden einem Treffen zustimmt, wird Momo ohne Vorwarnung mit seiner Querschnittslähmung konfrontiert; ein Makel, der beide aus ihrer digitalen Komfortzone reißt. Das dritte Paar, das sich gerade erst über Tinder kennengelernt hat, betäubt sich mit Wodka und verstrickt sich in kriminelle Kicks, die das Jugendamt auf den Plan rufen.

Es ist ja nur eine Rolle

Bei aller Affinität zur Cyberexistenz treibt das impulsive Sextett auf der Suche nach Nähe letztlich das immer gleiche Hormongemisch der Jugend um: Missverständnisse, Enttäuschungen und selbst gestellte Fallen. „Lovecut“ dekliniert dabei das Pubertätsalphabet mit Sinn für feinste Verschiebungen des Liebesdiskurses durch. Wenn Anna behauptet, selbst gedrehte Sexvideos würden heute alle zum Verkauf anbieten, fällt der Schritt zur Prostitution offenbar leichter als früher. Erst kauft sich die 16-Jährige im Sexshop die passenden Accessoires, dann stellt sie sich vor dem Bildschirm neugierig den Blicken und Anweisungen um Jahrzehnte älterer Männer. Dass sie von Mitschülern oder den eigenen Eltern entdeckt werden könnte, blendet sie aus.

Es sei nur eine Rolle, die sie auf sichere Distanz spiele, sagt sie. Wie viele Rollen noch dazukommen werden, möchte man sich bei allem Verständnis für emanzipatorische Mehrfachidentitäten dann aber nicht weiter ausmalen.

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