Ich schweige für dich

Krimi | USA 2020 | 367 (8 Folgen; Staffel 1) Minuten

Regie: Daniel O'Hara

Eine Serienverfilmung des gleichnamigen Kriminalromans von Harlan Coben aus dem Jahr 2015: Ein Mann, der als gutsituierter Familienvater ein scheinbar perfektes Leben führt, wird schmerzhaft aus seiner Idylle aufgerüttelt, als ihm eine völlig Fremde ein Geheimnis über seine Ehefrau eröffnet, das sein Vertrauen in sie stark erschüttert. Während er noch damit ringt, wie er damit umgehen soll, verschwindet seine Frau spurlos. Gleichzeitig werden auch andere Menschen von Informationen der Fremden aus der Bahn geworfen und teilweise erpresst. Mit unterschiedlichen Facetten des Falls konfrontiert, beginnen sowohl der Familienvater als auch eine Polizistin zu recherchieren, anfangs noch nicht ahnend, wie die vielen scheinbar zusammenhanglosen Mosaiksteine an tragischen Vorfällen zusammen hängen. Die Serie, die die Romanhandlung von den USA nach England verlegt, jongliert geschickt mit einer Vielzahl an Handlungssträngen, aus denen sich ein schillerndes Bild schamhaft verdrängter, mal kleiner, mal größerer menschlicher Verfehlungen formt, und schafft es auch dank eines guten Darstellerensembles, bis zum Schluss zu fesseln. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE STRANGER
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Daniel O'Hara · Hannah Quinn
Buch
Daniel Brocklehurst · Mick Ford · Charlotte Coben · Karla Crome
Kamera
Peter Robertson · Tim Fleming
Musik
David Buckley
Schnitt
Rachel Hoult · Steve Singleton
Darsteller
Richard Armitage (Adam Price) · Dervla Kirwan (Corinne Price) · Jacob Dudman (Thomas Price) · Misha Handley (Ryan Price) · Anthony Head (Ed Price)
Länge
367 (8 Folgen; Staffel 1) Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Krimi | Literaturverfilmung | Serie | Thriller

Eine Serienverfilmung des gleichnamigen Kriminalromans von Harlan Coben: Eine mysteriöse Fremde sorgt für ein existenzielles Erdbeben bei einem Familienvater und anderen Menschen, indem sie tunlichst gehütete Geheimnisse aufdeckt.

Diskussion

Sie sollen ans Licht geholt werden: die Leichen im Keller. Geheimnisse sind der Fremden, auf der sich der Originaltitel der Krimi-Serie bezieht („The Stranger“), ein Gräuel. Deswegen hat sie es zu ihrer Mission gemacht, das aufzuspüren, was andere verheimlichen. Die mal peinlichen, mal kriminellen, mal schmerzhaften Wahrheiten, die sie enthüllt, nutzt sie für Erpressungen, mitunter aber auch einfach nur dazu, sie den Betroffenen unter die Nase zu reiben. Letzteres geschieht dem Anwalt Adam Price (Richard Armitage), der mit seiner Ehefrau und zwei halbwüchsigen Söhnen ein scheinbar perfektes Leben führt, bis ihm eines Tages die Fremde im Vereinshaus des Fußballclubs seines Sohnes ungefragt etwas über seine Frau verrät. Die in einer Totgeburt endende Schwangerschaft von Corinne (Dervla Kirwan) vor wenigen Jahren sei angeblich gefakt gewesen.

Adam, zuerst ungläubig-abwehrend, geht den Hinweisen nach, die ihm die Frau gibt, und stellt fest, dass an der seltsamen Eröffnung wohl etwas dran ist – wodurch sein Vertrauen in seine Gattin nachhaltig erschüttert wird, zumal diese bei der Konfrontation keinerlei Erklärung parat hat, sondern sich zurückzieht. Während Adam noch damit ringt, die Situation zu verarbeiten, verschwindet Corinne spurlos.

Netflix will die Lücke an Harlan-Coben-Verfilmungen füllen

Ähnlich wie Stephen King ist Thriller-Autor Harlan Coben, auf dessen Buchvorlage die Serie beruht, ein fleißiger und ungemein erfolgreicher Vielschreiber. Was Verfilmungen angeht, hat er gegenüber Stephen King allerdings noch sehr viel nachzuholen. Der Streamingdienst Netflix, mit dem Coben seit den Mini-Serien „Five“ (2016) und „Safe“ (2018) zusammenarbeitet, ist derzeit dabei, diese Lücke zu füllen; Coben soll Netflix die Rechte an 14 seiner Bücher überlassen haben. Das jüngste Produkt dieser Kollaboration, „Ich schweige für Dich“, hat Showrunner Danny Brocklehurst von New Jersey ins britische Manchester verlegt. Mit einem beeindruckenden Ensemble britischer Schauspiel-Talenten entwirft er ein schillerndes Mosaik kleinerer und größerer menschlicher Abgründe, die durch die Interventionen der Fremden péu à péu freigelegt werden.

Parallel zum Handlungsstrang um Adam Price (und mit diesem über Familienmitglieder oder Bekannte verbunden), entfalten sich diverse andere Dramen. Die örtliche Polizistin Johanna Griffin (Siobhan Finneran) ermittelt zusammen mit einem Kollegen im kuriosen Fall der Ermordung und Verstümmelung eines Alpakas, der bald seltsame Verbindungen zum tragischen Unfall eines Schülers nach einem nächtlichen Rave offenbart, der dazu geführt hat, dass der Junge im Koma liegt und in den anscheinend der Freundeskreis um Adams ältesten Sohn (Jacob Dudman) verstrickt ist. Und Griffins beste Freundin, die Café-Besitzerin Heidi (Jennifer Saunders), wird derweil Opfer einer perfiden Erpressung durch die Fremde – und schließlich ermordet in ihrem Café aufgefunden, nachdem einer von Griffins Kollegen, der ebenfalls hinter der Erpresserin her zu sein scheint, sie auf ziemlich kriminelle Weise befragt hat. Sie wird nicht die einzige Tote bleiben, denn um die sprichwörtlichen Leichen in ihrem Keller zu hüten, sind einige durchaus bereit, über ganz reale Leichen zu gehen.

Der Umgang mit Wahrheiten

Der Serienverfilmung gelingt es wie Cobens Roman sehr gut, klassische „Whodunit“-Spannung, die von der allmählichen Offenbarung der Hintergründe und Zusammenhänge lebt, mit packenden Charakterzeichnungen zu verbinden. Als emotionales Epizentrum fungiert dabei der von Richard Armitage eindringlich verkörperte Familienvater, vor dessen zunehmend fassungslosen Augen allmählich seine ganze Existenz aus den Fugen zu geraten droht und der sich beim verzweifelten Versuch, das Netz zu zerreißen, in das sich Corinne offensichtlich verstrickt hat, in immer neuen Geheimnis-Fäden verheddert. Das stabilisierende Element innerhalb dieses Erdbebens, das schließlich die ganze scheinbar so gutbürgerliche Gesellschaft um ihn herum erfasst, ist die von Siobhan Finneran als klare, in sich ruhende Frau verkörperte Polizistin Griffin.

Der Stoff bietet nicht nur gutes Material für allerlei unerwartete Wendungen, sondern hat als Reflexion über die soziale Funktion von Lügen und Geheimnissen – gerade im digitalen Zeitalter, das ganz neue Dimensionen von Anonymität, aber auch von Transparenz und Bloßstellung kennt – durchaus Substanz. Auf einfache Antworten wird dabei verzichtet. Ob die Fremde mit ihren Offenbarungen, die im Laufe der Serie so viele Lebensfundamente zu unterspülen drohen, als Täterin zu betrachten ist oder als notwendiges Antidot in einer Gesellschaft, der der Schein mehr gilt als das Sein, changiert von Folge zu Folge. Das Finale vertieft die moralischen Ambivalenzen eher, anstatt sie aufzulösen. Wahrheit mag, um Mark Twain zu zitieren, unser kostbarster Besetz sein – doch gerade deshalb sollte man manchmal besser sparsam mit ihr umgehen.

 

Kommentar verfassen

Kommentieren