Why don't you just die!

Komödie | Russland 2018 | 98 Minuten

Regie: Kyrill Sokolow

In einer Moskauer Zweizimmerwohnung treffen ein junger Mann und ein alternder Polizist aufeinander, die sich bald einen unbarmherzigen Kampf auf Leben und Tod liefern, in den nach und nach auch andere Menschen hineingezogen werden. In Rückblicken enthüllt sich zwischenzeitlich die Vorgeschichte. Gewalttätige Splatter-Komödie mit bunten, cartoonhaften Kampfszenen, die in ihrer betonten Künstlichkeit, Montage und Musikuntermalung eine russische Hommage an die Filme von Quentin Tarantino anstrebt. Dabei fallen neben stilistisch eindrucksvollen Momenten auch viele schwächere an, da insbesondere Dialoge und angedockter Gesellschaftskommentar recht krude ausfallen.

Filmdaten

Originaltitel
PAPA, SDOKHNI
Produktionsland
Russland
Produktionsjahr
2018
Regie
Kyrill Sokolow
Buch
Kyrill Sokolow
Kamera
Dmitri Uljukajew
Schnitt
Kyrill Sokolow
Darsteller
Aleksandr Kuznetsov (Matwej) · Witali Chajew (Andrej Gennadiwitsch) · Jewgenija Kregschde (Olja) · Michael Gor (Jewgenitsch) · Jelena Schewtschenko (Tascha)
Länge
98 Minuten
Kinostart
16.01.2020
Fsk
ab 18; f
Genre
Komödie | Splatterfilm

Heimkino

Verleih DVD
Pierrot LeFou
Verleih Blu-ray
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Gewalttätige Splatter-Komödie mit bunten, cartoonhaften Kampfszenen als russische Hommage ans Kino von Quentin Tarantino.

Diskussion

„Um einen Film zu machen, genügen eine Waffe und ein Mädchen.“ Dieser Aphorismus von Jean-Luc Godard hat wohl auch deshalb überlebt, weil er abstrakt formuliert ein sehr konkretes Phänomen beschreibt. Es gab immer schon ein Kino der kleinen Versprechen, definiert durch seine Beschränkungen und Grenzen. Stolz ressourcenarm, mit engem Raum und überschaubarem Cast eine zukünftige Expansion vorausahnend. Oftmals eine Spielwiese der Debütanten, die im Ausweiten der Kampfzone metaphorisch ihre kommende Karriere andeuten.

„Why don’t you just die?”, das Langfilmdebüt des russischen Regisseurs Kyrill Sokolow, enthält Waffen und ein Mädchen. Und mehr, aber eben nicht viel mehr: Eine Mutter, einen Vater, Polizisten, ein Paar Handschellen und eine Tasche voll mit Geld. Am Anfang steht ein Moment großer Unsicherheit. Zögernd zittert ein Finger über dem Klingelknopf einer Moskauer Zweizimmerwohnung, unruhig tanzen Augen von links nach rechts. Eine Hand verkrampft sich um den Griff des Hammers, mit dem der Bewohner der Wohnung erschlagen werden soll. Wer ist dieser Matwej, der töten will? Warum will er töten? Und wer ist dieser Andrej, der getötet werden soll? Was verbindet sie, was trennt sie, und wer wird überleben?

Bunter, cartoonhafter Kampf

Sie stehen einander misstrauisch gegenüber, und schnell entlädt sich die Begegnung zwischen dem jungen Mann mit dem Hammer und dem alternden Polizisten in einem bunten, cartoonhaften Kampf. Schüsse fallen, ein Fernsehapparat fliegt umher, Körper werden durch Wände geschleudert. Das Blut spritzt in Fontänen und bezeugt wieder einmal die Verwandtschaft von kruden Splatter-Szenen und den Tortenschlachten des Slapstick-Kinos. Die Kamera vollführt auffällige Fahrten, die sogar noch von lauten Soundeffekten begleitet werden. Sie tritt als Figur auf, die sich immerzu bemerkbar macht. Jede Einstellung trägt in sich die vorhergehende Suche nach einem originellen Blickwinkel. Zeitlupen heben Höhepunkte der Körperversehrung hervor, ein bisschen Sportberichterstattung mischt sich immer ins Action-Kino. Es ist interessant zu beobachten, dass Kammerspiele auf der Leinwand oft eben keine Nähe zum Theater mit sich bringen, sondern mit aller Kraft auf die einzigartigen Ausdrucksmittel des Mediums drängen.

Ein junger Regisseur stellt seine Gestaltungsmöglichkeiten aus. Man erkennt Einflüsse von Filmemachern wie Sam Raimi oder Edgar Wright, tatsächlich auch eine Nähe zu Animationsfilmen – manch eine Sequenz hätte so auch bei Norman McLaren vorkommen können. Das erste Gefecht hat eine klar innere Dramaturgie, steigert sich zunehmend und funktioniert dadurch fast wie ein Kurzfilm. Es verspricht eine Energie und eine Plastizität von Räumen und Körpern, die der Film nach seinem wilden Einstieg leider nie wieder erreicht.

Tarantino spricht deutlich aus jedem Bild

Denn nach der Titelsequenz wohnt man leider nur noch dem Echo dieses unterhaltsamen Urknalls bei, „Why don’t you just die?“ verändert Form und Wesen. Die Motivation der Kämpfenden wird in den Mittelpunkt gerückt. „Tarantino trifft Tom und Jerry trifft Jan Švankmajer“ verspricht der deutsche Verleih, was nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig ist. Denn diese Ähnlichkeit mit Tom und Jerry – eigentlich eher mit ihrer Parodie aus den „Simpsons“, Itchy & Scratchy – und Švankmajers Albtraummärchen verliert sich schnell. Ein Grundton von Künstlichkeit durchzieht weiter den Film, doch nie wieder wird dieses Level von Verdichtung und Übersteigerung erreicht. Es bleibt Tarantino, der so deutlich aus jedem Bild spricht, dass es nur fair wäre, ihn mit 10-15 Prozent an den Einnahmen zu beteiligen. Sokolow übernimmt die Erzählstruktur von Reservoir Dogs, vom engen Ursprungsschauplatz springt der Film kapitelweise zu den vorherigen Erfahrungen der einzelnen Figuren. Lediglich das ursprüngliche Verbrechen ist ein anderes.

Außerdem bewegt Sokolow sich im selben Referenzrahmen wie sein Übervater und lässt etwa Musik aus Italowestern anklingen. Es ergeben sich mehrere Mexican Standoffs – kriegerische Pattsituationen, die körperliche Gefechte in psychologische überführen und Worte zu Waffen machen. Wieder einmal wird die berühmte Finalszene aus Sergio Leones Zwei glorreiche Halunken reproduziert, eine dürftige Imitation von Morricones berühmtem Stück „The Ecstasy of Gold“ inklusive.

Die Worte fließen nicht aus den Figuren

Das wäre nun nicht weiter schlimm, das Zitat des Zitats ist in einer postmodernen Remix-Welt ohnehin kaum vom Zitat zu unterscheiden. Kuration und Arrangement sind eine Kunst für sich. Leider ist Sokolow kein sonderlich überzeugender Tarantino. Während er früh unter Beweis stellt, dass er ein solider Sam-Raimi-Epigone wäre, geraten ausgerechnet seine Dialoge formlos und hölzern. Die Worte fließen eher aus dem Plot als aus den Figuren, kein Satz bleibt als Charakter an ihnen haften. Da ist kein Rhythmus, kein Fluss, auch wenn die immer noch emsigen Kamerafahrten die Gesprächsszenen dynamisieren. Einzig der kalte Zorn, mit dem Andrej seine Wurst zerkaut, bleibt in Erinnerung. Tatsächliche Actionsequenzen, Kinetik und Choreographien, gelingen um Welten besser als ihre Antizipation, also Suspense-Momente und Wortgefechte.

Zumindest ein unübersehbarer Stilwille haucht etwas Leben in die etwas trägen Szenen. Giftig grüne Karo-Tapeten in Andrejs Wohnung, blutrote in Matwejs, das Licht scheint falsch und künstlich. Die Bilder haben etwas kränkliches, wie von einem großen Übel infiziert. Gewalt liegt in der Luft, und trifft jeden, ob schuldig oder nicht.

Die Stück für Stück zusammengepuzzelte Geschichte rund um die Korruption der Reichen und ihre Helfer im Staat verweist aus den Privaträumen auf das Land als Ganzes. Auch das knappe Figurenregister lässt sich als pars pro toto lesen: Unterdrückte Mütter, verachtete Töchter, gewalttätige Väter. Ein Konflikt zwischen den Generationen. Zornige Armut und blasierter Reichtum. Schuld ist erblich, Gewalt zyklisch, die Menschheit zynisch. Liebe und Freundschaft sind allzu leicht korrumpierbar und werden instrumentalisiert.

Irgendwo geht es auch um Russland

Eine Einstellung zeigt einen widerwärtigen Verbrecher in einer Gefängniszelle, auf seinem Trainingsanzug prangt der Schriftzug „RUSSIA“. Dass es irgendwo auch um eine ganze Nation geht, verrät ein wenig den behaupteten Minimalismus, denn so drängen nun fast 150 Millionen Menschen in die Wohnstube. Wer weiß, vielleicht hätten ein Mädchen und eine Waffe gereicht.

Sokolow analysiert nicht, sondern beschreibt eher ein diffuses Unbehagen. „Why don’t you just die?“ kämpft sich durch die Phasen eines nie benannten Verlusts und träumt von einem neuen oder alten, vor allem aber einem anderen Russland. Nicht-Wahrhaben-Wollen wird Zorn wird Depression wird Akzeptanz. Der Film eröffnet mit einem Zitat des irischen Autors Flann O’Brien: „Er erlebte nicht mehr, wer als Sieger hervorging.“ Das ist nur natürlich, denn Gewinner gibt es in diesem Film nicht. Nur tote und zukünftig tote Verlierer.

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