Violet Evergarden und das Band der Freundschaft

Animation | Japan 2019 | 92 Minuten

Regie: Haruka Fujita

Eine kriegsversehrte frühere Kindersoldatin findet eine Anstellung in einem Mädcheninternat. Hier soll sie eine Schülerin für ein Leben der gehobenen Kreise ausbilden, die zunächst heftig dagegen rebelliert. Als sie dem Mädchen doch näherkommt, stößt sie auf ein verborgenes Trauma. Die Spielfilm-Fortsetzung einer Anime-Fernsehserie über die Genese der Pädagogin vollzieht formal und inhaltlich einen großen Bruch: Die unaufgeregte Erzählweise ist in einer fast unwirklichen Idylle angesiedelt, die beträchtlichen Schauwerte nehmen den größten Raum ein. Interessant ist der Film vor allem als Kontrastprogramm einer bittersüßen Weltflucht vor der erahnbaren Rückkehr ins Dramatische. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
VIOLET EVERGARDEN: EIEN TO JIDOU SHUKI NINGYOU
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2019
Regie
Haruka Fujita
Buch
Takaaki Suzuki · Tatsuhiko Urahata
Kamera
Kohei Funamoto
Musik
Evan Call
Schnitt
Kengo Shigemura
Länge
92 Minuten
Kinostart
28.01.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Animation | Drama

Filmische Fortsetzung einer Anime-Serie um eine Pädagogin und frühere Kindersoldatin, die in einer idyllischen Nachkriegszeit das verborgene Trauma eines rebellischen Mädchens entdeckt.

Diskussion

Von ihrer unsagbaren Vergangenheit zeugen einzig die chrom- und stahlblitzenden Armprothesen, die Violet zumeist unter ihren züchtigen Biedermeier-Kleidern und weißen Handschuhen verbirgt. Der Krieg hat die Wunden geschlagen und noch weit tiefere in Kopf und Herzen zurückgelassen. Doch die scheinen nun endgültig überwunden. Nach langer Ausbildung und Seelen-Rekonvaleszenz ist sie nun eine mustergültige AKORA (Autonome Korrespondenz-Assistentin). So nennt man die jungen Frauen, die in Schreibstuben für jene weiten Bevölkerungsteile, die nie lernten, sich auszudrücken, Briefe verfassen; geschäftlicher, aber, was noch viel wichtiger ist, privater, ja intimer Natur.

Führend in ihrer Zunft, erhält Violet sogar noch weit verantwortungsvollere Aufträge. So reist sie quer durch das pittoreske, vom Krieg genesene Land zu jenem Anwesen, auf dem die aufmüpfige Isabella York für ein Leben im gehobenen Stande präpariert werden soll. Die Lehrer im Internat können zwar Wissenschaft und Kultur vermitteln, aber nicht die Umgangsformen, die einer Dame in diesen Kreisen geziemen. Doch die Beziehung zwischen den beiden Frauen gestaltet sich zunächst recht schwierig, da Isabellas rebellische Art alle Beteiligten, besonders aber Violet zunehmend vor den Kopf stößt. Doch mit Geduld und erlerntem Einfühlungsvermögen kommt sie ihrer Schülerin näher und erkennt, dass ein Trauma aus der Vergangenheit in deren Seele rumort.

Nach der Heldenreise

Der tränenreiche und abenteuerliche Werdegang von Violet Evergarden von einer emotionslosen Kindersoldatin zu einer fürsorglichen und kommunikativen Pädagogin hatte bereits die 13-teilige Anime-Fernsehserie gleichen Namens zum Inhalt. Die dramatischen und spannenden, mithin originellen Passagen dieser „Heldenreise“ scheinen also auserzählt; auch wenn ihr die genaue Bedeutung der in der Serie immer wieder hinterfragten Gefühlsbekundung „Ich liebe dich!“ weiterhin verborgen bleibt.

Die fürs Kino produzierte Fortsetzung der nach einem Manga in klassischem 2D konzipierten Trickfilmserie beschäftigt sich indes zunächst mit einer anderen zwischenmenschlichen Eigenheit: der Freundschaft (zwischen zwei Frauen).

Im Vergleich zur Serie tut der Film das recht unaufgeregt, fast beiläufig. Im Vordergrund steht nicht das Drama, sondern die Schauwerte. Die Geschichte, die in einem fiktiven isolierten Land namens „Leidenschaftlich“ verortet ist und durch Landschaften führt, die an das Rheintal und das Burgenland einer längst vergangenen Zeit erinnern, ist erfüllt von schönen Menschen und umhüllt von einer romantisch-schwelgerischen Filmmusik. Das Aufbegehren erscheint hier nur eine kurze Episode des Erwachsenwerdens, an dessen Ende eine klare Rollenverteilung steht – wie es eben so ist in diesem (idealisierten?) Bild von einer „feinen Gesellschaft“. Spannend wird es erst, wenn die Geschichte die Vergangenheit von Isabella aufrollt, die geprägt war von Armut, Verzicht und der traumatischen Trennung von ihrer kleinen Schwester. Dieses „Aufarbeiten“ teilt auch den Film quasi in zwei Teile. Bindendes Glied ist hierbei Violet, die nach der Erziehung, Annäherung und freundschaftlichen Bindung mit Isabella in der zweiten Hälfte nun auch mit dem Schicksal der Schwester konfrontiert wird.

Bittersüße Weltflucht

Dennoch ist der Film eher eine Ode an eine „heile Welt“ – auch das unterscheidet ihn von der TV-Serie. Es mutet fast schon befremdlich an, wie hier mit Rollenklischees umgegangen wird. Und so sollte der Film auch tunlichst nicht ohne Kenntnis vom restlichen „Violet Evergarden“-Kosmos goutiert werden. Doch als bittersüße Weltflucht und Moment des Atemholens eingedenk des so tragischen Schicksals von Violet tut „Das Band der Freundschaft“ durchaus gut. Zudem steht eine avisierte Fortsetzung namens „Violet Evergarden – The Movie“, dessen Fertigstellung aufgrund des Brandanschlags auf die produzierenden Kyōto Animation-Studios verschoben werden musste, bereits vor der Tür. Darin nimmt Violets Suche nach Liebe sicher wieder einen dramatischeren Verlauf.

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