Drama | Deutschland 2020 | 104 Minuten

Regie: Barbara Ott

Ein junger Mann Ende zwanzig, Vater von drei Kindern und ehemaliger Boxer, lebt als Tagelöhner in ständiger Geldnot und ist für seine Kinder nur bedingt der gute Vater, der er sein will. Da er zudem noch Schulden hat, die er zurückzahlen muss, richtet er seine Hoffnung auf ein Amateur-Boxturnier. Anspruchsvolles, aber auch düsteres Drama, angesiedelt an durchweg lebensfeindlichen Orten, um einen Vater, der das Richtige will, aber das Falsche tut. Dabei geht es auch stets um die Sicht der Kinder und die unmittelbaren emotionalen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen dieser Lebensumstände. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Barbara Ott
Buch
Barbara Ott
Kamera
Falko Lachmund
Musik
John Gürtler · Lars Voges · Jan Miserre
Schnitt
Halina Daugird
Darsteller
Jannis Niewöhner (Andi) · Lena Tronina (Sonja) · Eline Doenst (Nikki) · Giuseppe Bonvissuto (Ronny) · Carol Schuler (Isabel)
Länge
104 Minuten
Kinostart
03.06.2021
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Düsteres Drama um einen vom Pech verfolgten und aufbrausenden Vater dreier Kinder, der sich gegen alle Vernunft an die Hoffnung auf einen Triumph als Boxer klammert.

Diskussion

Im Prolog zu „Kids Run“ wird man Zeuge, wie ein Boxer im Ring zahlreiche Schläge einstecken muss. Bis er ohnmächtig, das Gesicht zur Seite gedreht, am Boden liegt. Ausblick auf das Ende oder Nachreichung der Vorgeschichte? In jedem Fall ein schlechtes Omen. Jannis Niewöhner spielt in einer Mischung aus Traurigkeit und Aggressivität den jungen Endzwanziger Andi, der vielleicht einmal ein vielversprechender Boxer war. Doch eine helle Narbe am Hinterkopf zeugt von einem Schädelbasisbruch, den er sich in einem Kampf zugezogen hatte. Weitere Wunden im Gesicht belegen, dass Andi oft mehr einstecken musste als er ausgeteilt hat. Kurzum: Seine Zeit als Boxer ist vorbei.

Andi ist auch Vater von drei Kindern. Die größeren, Nikki und Ronny, stammen aus der Beziehung mit der psychisch kranken Isabel; die Mutter des kleinen Babys Fiou ist Sonja, die Andi allerdings schon für einen anderen verlassen hat, der sich besser um sie kümmert. Denn Andi ist ständig pleite. Er schlägt sich auf dem Bau als Tagelöhner durch, bleibt seit Monaten die Miete schuldig und verliert bei Konflikten schnell die Nerven. Seinen Kindern will er ein guter Vater sein. Doch das ist im Alltag mit Terminen, Schule und Arbeit nicht so einfach. Andi hat Schulden, ausgerechnet bei Sonja, die ihrem neuen Freund das Geld entwendet hat. Jetzt will der die Summe zurück, und zwar schnell. Da bietet sich Andi die Chance, bei einem Amateur-Boxturnier teilzunehmen. Dem Sieger winken 5.000 Euro.

Seelenleben eines harten Mannes

Man ahnt mit dem kurzen Prolog im Hinterkopf, dass diese Geschichte nicht gut enden kann. Die Filmemacherin Barbara Ott hat schon ihn ihrem 30-minütigen Kurzfilm „Sunny“ (2013) das Bild eines 19-jährigen Vaters gezeichnet, der sich zwischen der Suche nach Arbeit und der Fürsorge um sein neugeborenes Baby aufreibt. Kritiker fühlten sich damals an Das Kind (2005) der Brüder Dardenne erinnert. In ihrem ersten langen Spielfilm legt Ott, wie sie selbst sagt, „das Seelenleben dieses harten, ungefälligen und aufbrausenden Vaters offen und lässt den Zuschauer die Verletzungen, die Hoffnung und die Liebe spüren, die dieser junge Mann in sich zu tragen und zu fühlen in der Lage ist“.

Ein widersprüchlicher Charakter also. Denn Andi ist von Beginn an kein Sympathieträger. Viel zu stur hält er daran fest, wieder boxen zu wollen. Er will nicht wahrhaben, dass ihm die notwendigen körperlichen und technischen Voraussetzungen fehlen. Die Boxszenen strahlen trotz ihrer Grausamkeit darum auch immer so etwas wie Melancholie aus: Hier ist jemand für das, was er so unnachgiebig betreibt, nicht geschaffen. An der Liebe des Vaters zu seinen Kindern gibt es keinen Zweifel, das wissen auch Nikki und Ronny, die etwa neun oder zehn Jahre alt sind. Und doch bringt Andi sie immer wieder in Situationen, in denen sie hilf- und machtlos mitansehen müssen, wie rücksichtslos Erwachsene miteinander umgehen.

Orte, an denen eigentlich niemand leben kann

Die Auswirkungen dieser Lebensumstände, emotional, wirtschaftlich und sozial, sind für die Kinder unmittelbar zu spüren. Angesiedelt ist der Film darum in hässlich-grauen Vorstädten, heruntergekommenen feuchten Wohnungen, schäbigen Clubs und düsteren Boxringen. Als „Transitgegend“ bezeichnet Ott diese Orte, an denen eigentlich niemand leben kann. Das ist in dieser Konsequenz und Ausweglosigkeit mitunter schwer zu ertragen. Ott gibt dem Zuschauer nur wenig Aussicht auf Hoffnung. Dafür strahlt der Vater – wie eine erschreckend boshafte Szene beweist – zu viel Gefährlichkeit aus.

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