Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 95 Minuten

Regie: Uli M. Schüppel

Visuell und thematisch beeindruckender experimenteller Filmessay über Begegnungen mit Menschen im nächtlichen Berlin, die von Momenten erzählen, in denen ihnen aus unterschiedlichsten Gründen der Atem stockte. Unterlegt mit einem grandiosen Soundtrack der Avantgardemusikerin Christina Vantzou entwirft der Film in 26 fragmentarischen Erzählungen ein Kaleidoskop menschlicher Elementarerfahrungen wie Glück, Angst, Schrecken, Unsicherheit und Liebe, die sich zu einem atmosphärischen Sound großstädtischen Lebens fügen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Uli M. Schüppel
Buch
Uli M. Schüppel · Patricia Morosan
Kamera
Cornelius Plache
Musik
Christina Vantzou
Schnitt
Ernst Carias
Länge
95 Minuten
Kinostart
30.01.2020
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Experimenteller Filmessay über Begegnungen mit Menschen im nächtlichen Berlin, die von Momenten erzählen, in denen ihnen aus unterschiedlichsten Gründen der Atem stockte.

Diskussion

In dem klassischen Film noir Stadt ohne Maske (1948) von Jules Dassin, in dem zu Beginn aus dem Off zum Publikum gesprochen und ein urbanes Panorama skizziert wird, das nicht im Studio produziert wurde: New York City. Die Stadt, die niemals schläft, die einen Pulse hat, der niemals ganz zu schlagen aufhört. Gerade in der Nacht. Fast scheint es, als habe der Filmemacher Uli M. Schueppel (The Road To God Knows Where, Elektrokohle (Von Wegen)) sich an diesen Film erinnert. Auch „Der Atem“ versammelt Bilder einer nächtlichen Metropole, die nie ganz zur Ruhe kommt, aber in der immerhin so viel Ruhe einkehrt, dass die Gespräche mit Menschen, denen man im Lauf der Nacht begegnet, von großer Konzentration und Eindringlichkeit sind.

Die Stadt ist, nicht zu übersehen, Berlin. Und „Der Atem“ vollendet nunmehr eine Trilogie von Filmen, die 1997 mit Der Platz begann und 2008 mit Der Tag fortgesetzt wurde. Wie bei den beiden Vorgänger-Filmen setzt Schueppel auch bei „Der Atem“ auf ein mustergültig montiertes, viel Freiheit zur Reflexion lassendes, aber gleichzeitig sehr dichtes Zusammenspiel von stark bearbeiteten Nacht-Impressionen auf 16mm-Material (Bildgestaltung: Cornelius Plache), kurzen Erzählungen und den eigentümlichen elektronischen Soundscapes der US-amerikanischen Avantgarde-Musikerin Christina Vantzou. Wie zufällig ergeben sich Begegnungen mit Menschen, die aus irgendwelchen Gründen in der Nacht anzutreffen sind, um von den Momenten oder Erlebnissen zu erzählen, die ihnen den Atem raubten.

Ein Mosaik über die menschliche Existenz

Es sind ganz unterschiedliche Erzählungen, deren Einzelteile sich aber wiederholt durchaus zu einem Mosaik über die menschliche Existenz ergänzen. Erzählt mit höchst unterschiedlichem Sprachduktus von Menschen, die „aktuell“ in Berlin anzutreffen sind. Insofern erzählt hier auch, wenngleich gewiss nicht repräsentativ, „Berlin“ von sich, was einige Filmkritiker*innen schon auf die gar nicht so abwegige Idee gebracht hat, hier eine Spur zu Walther Ruttmanns Klassiker Berlin - Die Sinfonie der Großstadt zu legen.

Allerdings ist „Der Atem“ kleinteiliger angelegt und die Bedeutung der Erzähler*innen, unabhängig vom Alter und sozialen Background, ist von größerer Wichtigkeit. Jede Erzählung wird zudem in gewisser Weise mit einem Stempel der Authentizität versehen, weil die jeweiligen Erzähler*innen mal kurz, mal länger, mal gut sichtbar, mal eher unscharf im Bildhintergrund zu sehen sind.

Erzählungen mit enormem Horizont

Die 26 fragmentarischen Erzählungen selbst haben einen enormen Horizont, handeln von gefährlichen Badeunfällen, der überraschenden Trennung der Eltern, ganz frischer Elternschaft, plötzlichem Kindstod, Wiederbegegnung mit der verloren geglaubten Mutter, Todesdrohungen, Nahtoderfahrungen, dem Anschlag auf den Breitscheidplatz, Autounfällen, gewaltförmigen Beziehungskonflikten, Todesahnungen bezüglich naher Verwandter, Begegnungen mit der Staatssicherheit, dem Abend der Maueröffnung, Auffinden eines Suizidopfers, Überwindung von Drogensucht, traditioneller afrikanischer Kultur, erste Begegnungen mit dem Ozean, mangelnder Aufmerksamkeit bei der Wetterbeobachtung, der Farbe des Blutes eines Sterbenden, den Vorbereitungen auf die Premiere einer Sexarbeiterin, Beobachtungen und Ohnmachtserfahrungen am Rande der Balkanroute und schließlich die körperliche Erfahrung einer Liebe auf den ersten Blick.

Irgendwann in diesem langen Travelling durch eine endlose Nacht heißt es einmal: „Die Hölle ist nicht dunkel.“ Und am Ende wird es wieder Tag und die Lichter hinter den Fenstern, wo weitere, andere Geschichten zu hören gewesen wären, gehen erst an und dann aus.

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