Die Kunst der Nächstenliebe

Drama | Frankreich 2018 | 104 Minuten

Regie: Gilles Legrand

Eine 50-jährige Frau hilft anderen Menschen, vor allem Flüchtlingen und sozial Entrechteten, wo sie kann – ungeachtet aller familiärer und beruflicher Konflikte. Als sie auf die Idee kommt, ihre Schüler im Sozialzentrum auf Kosten des Staats zu einer Fahrschule zu schicken, droht ihr Engagement aus dem Ruder zu laufen. Eine Tragikomödie mit burlesken, melodramatischen und sarkastischen Intermezzi, klug komponiert und von Agnès Jaoui in der Hauptrolle mit allen Ambivalenzen brillant gespielt. Leider wird die Fallhöhe der Figur im Finale zugunsten eines allzu glatten Schlusses aufgegeben. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
LES BONNES INTENTIONS
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Gilles Legrand
Buch
Gilles Legrand · Léonore Confino
Kamera
Pierre Cottereau
Musik
Armand Amar
Schnitt
Andrea Sedlácková
Darsteller
Agnès Jaoui (Isabelle) · Alban Ivanov (Attila) · Claire Sermonne (Elke Hammler) · Tim Seyfi (Ajdin) · Michèle Moretti (Jacqueline)
Länge
104 Minuten
Kinostart
30.01.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Drama | Komödie

Tragikomödie über eine in ihrem Engagement für Schwächere aufgehende Frau, die den Bogen im Einsatz für ihre Sprachschüler in einem Sozialzentrum zu überspannen droht.

Diskussion

Schon in den ersten Bildern des Films erschließt sich der Charakter seiner Hauptfigur: Die fünfzigjährige Isabelle jagt durch die Gegend, mit Kleidungsstücken und Medikamenten, die sie einer Wohltätigkeitsorganisation überbringen will. Agnès Jaoui porträtiert sie in atemloser Hast, unentwegt auf den Beinen, mit flatternden Haarsträhnen vorm Gesicht. Doch Isabelle ist nicht auf ihr Äußeres fokussiert, sondern ganz auf die „Sache“. Und die heißt soziales und humanitäres Engagement: den Schwachen und Entrechteten dieser Gesellschaft uneigennützig zu helfen, wo immer es geht. Später wird sich herausstellen, warum das so lebenswichtig für sie ist. Anderen beizustehen bedeutet auch, sich selbst immer wieder beim Schopf zu packen und aus dem Sumpf schlechter Erinnerungen und Erfahrungen zu holen. Es bedeutet auch die Hoffnung auf eine Liebe, die ihr die eigene Mutter nie zu geben vermochte.

Eine Heldin, die ihre Umgebung in emotionale Wechselbäder stürzt

Die Kamera von Pierre Cottereau bleibt Isabelle in dieser Ouvertüre dicht auf der Spur. Die Energie der Figur wird in eine Bewegung übertragen, die den Betrachter mitreißt, aber auch dazu beiträgt, die Ambivalenzen Isabelles physisch erfahrbar zu machen. Sie ist nicht einfach nur eine „gute“ Heldin, sondern durchaus kompliziert. Sie stürzt ihre Umgebung regelmäßig in emotionale Wechselbäder, sei es den um einige Jahre jüngeren Mann, der einst als Flüchtling aus Bosnien nach Frankreich kam, seien es die beiden Kinder, die es nervt, wenn plötzlich wieder einmal Kleidungsstücke und Gegenstände aus der Wohnung verschwinden und, zum Beispiel, in Obdachlosen-Camps landen. Die Zusammenkünfte mit Bruder und Schwägerin, die ein Hotel leiten, enden regelmäßig im Streit, und nur die Großmutter ist für Isabelle so etwas wie ein Ruhepol, an den sie sich anschmiegen kann. Denn der Satz, mit dem sie ihre Schüler begrüßt, beschreibt ziemlich genau das Dilemma ihres Lebens: „Macht mal Pause, ich bin erschöpft.“

Regisseur Gilles Legrand, der gemeinsam mit Léonore Confino das Drehbuch schrieb, entschied sich für das Genre der Tragikomödie mit kräftigen burlesken Zügen. Das Tempo des Films resultiert so vor allem aus den dramaturgischen Volten, der ständigen weiteren Zuspitzung der ohnehin schon vorhandenen Konflikte. Da ist Isabelles bunt zusammengewürfelte Truppe von Sprachschülern, die sie in einem Sozialzentrum unterrichtet: Zuwanderer und analphabetische Franzosen, die es mit der Disziplin nicht so genau nehmen. Da taucht die hochqualifizierte Sprachlehrerin Elke aus Deutschland auf, die von Isabelle als Bedrohung empfunden wird, obwohl sie ihr freundlich und hilfsbereit begegnet. Auch die Idee, die Sprachschüler auf Kosten des Staates zu einer benachbarten Fahrschule zu delegieren, mündet in ungeahnte Turbulenzen. Zudem zeigt sich Isabelles Familie genervt; zusammen mit ihrem Mann findet sich Isabelle vor einer Paartherapeutin wieder, die nun vermitteln soll. Tausend Fäden, die der Film auf leichte und lockere Art ineinander verstrickt.

Ein spielfreudiges Ensemble

Das Drehbuch scheut sich dabei weder vor Elementen des Slapsticks noch vor melodramatischen Intermezzi, etwa bei der Hochzeit des Neffen in Bosnien, in der Isabelles Mann das große Herz seiner Frau endlich erkennen wird. Für die Figur der scheinbaren Konkurrentin Elke stießen die Autoren sogar in die Untiefen der deutschen Seele vor, indem sie Hilfsbereitschaft und Solidarität aus der Nazi-Vergangenheit von Elkes Familie erklärten: Wer Hammler heißt, was unzweideutig an den SS-Führer Heinrich Himmler gemahnt, schleppt eben eine schwere moralische Last auf seinen Schultern mit sich. Die Darsteller sind allesamt mit großem Spaß bei der Sache, da reiben sich tatsächlich Welten, in Worten, Blicken und Gesten. Und wenn Isabelle ihren Schülern ausgerechnet Eric Rohmers Film „Der Baum, der Bürgermeister und die Mediathek“ (1993) zum Sprachstudium empfiehlt, weil die Franzosen dort so schön langsam reden würden, lacht sogar das kundige Cinéasten-Herz.

Dennoch bleibt am Ende, wenn sich der dramaturgische Rahmen der Fahrschulausbildung zur angstvoll erwarteten Prüfung hinneigt, eine gewisse Unzufriedenheit zurück. Denn während der Film seiner Hauptfigur vorher stets eine beträchtliche Fallhöhe zubilligte, wird am Schluss alles zu schnell zu gut. Wären die Zuschauer mit deutlicheren Widerhaken aus dem Kino entlassen worden, hätte aus dem kleinen, guten Film vielleicht ein sehr guter werden können.

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