Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn

Action | USA 2019 | 109 Minuten

Regie: Cathy Yan

Die personifizierte Misogynie trägt in Gotham City eine schwarze Maske: Der Gangster Black Mask ist auf der Jagd nach einem Diamanten, den eine Taschendiebin einem seiner Schergen entwendet hat. Durch eine Reihe verworrener Zufälle werden Harley Quinn, die Ex-Freundin des Jokers, und einige andere Frauen aus Gotham, die die Nase voll haben von männlicher Missachtung, zu ihren schlagkräftigen Beschützerinnen. Der thematische Unterbau der tief in die Gesellschaft eingesickerten Misogynie und der respektlose Anarcho-Feminismus, mit dem die Hauptfiguren sich dagegen wehren, gehen in einer unnötig verworrenen Plotstruktur unter und werden durch die ironische Distanz, die die ständige enervierende Kommentierung der Ereignisse durch Harley Quinn schafft, zudem bis zur Unkenntlichkeit verwässert. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
BIRDS OF PREY (AND THE FANTABULOUS EMANCIPATION OF ONE HARLEY QUINN)
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Cathy Yan
Buch
Christina Hodson
Kamera
Matthew Libatique
Musik
Daniel Pemberton
Schnitt
Jay Cassidy · Evan Schiff
Darsteller
Margot Robbie (Harley Quinn) · Mary Elizabeth Winstead (Helena Bertinelli / Huntress) · Ewan McGregor (Black Mask) · Rosie Perez (Renee Montoya) · Jurnee Smollett (Dinah Lance / Black Canary)
Länge
109 Minuten
Kinostart
06.02.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Action | Comicverfilmung | Fantasy

Fünf Antiheldinnen aus Gotham City schließen sich zusammen, um einer jungen Trickdiebin beizustehen, die dem mächtigsten Gangster der Stadt einen Diamanten entwendet hat.

Diskussion

Harley Quinn stolziert durch Gotham City. Am linken Fuß ein Stiletto, am rechten eine bunte Socke, beide Hände fest um ihr Schinken-Käse-Ei-Sandwich geklammert, plant sie ihr Leben nach dem Joker, von dem sie sich mit einem Knall, genauer gesagt: dem Hochjagen einer Chemiefabrik, endgültig getrennt hat. Doch Planung wie Frühstück werden jäh unterbrochen, als an jeder Straßenecke Menschen auftauchen, die Quinn in der Vergangenheit um Geld, körperliche Unversehrtheit oder Angehörige gebracht hat.

Das Sandwich klatscht auf den Boden

Von ihren Feinden durch die Gassen gejagt, verliert sie schließlich den einzigen Schatz, der ihr geblieben ist: das Schinken-Käse-Ei-Sandwich. In Superzeitlupe klatscht der fettige Toast auf den Asphalt. Quinn weint bittere Tränen. Das Voice-Over ihrer verzweifelten Stimme doppelt die absurde Komik des Verlustes. Die affektierte Trauer um das Fast-Food-Frühstück ist nicht einfach nur ein Witz oder eine pointierte Charakterisierung der soziopathischen Hauptfigur. Dass ein Sandwich die völlige Abwesenheit von Empathie kurz auflöst, gibt ziemlich präzise den auf Ironie gebauten Nihilismus wieder, mit dem „Birds of Prey“ die Geschichte seiner Anti-Heldinnen erzählt.

Neben Margot Robbie treiben noch vier weitere, durch die Bank toll besetzte Frauenfiguren ihr Unwesen. Jede von ihnen lebt mit den Folgen der Misogynie, die ihr Leben auf die ein oder andere Weise zerstört haben. Diese wird nicht auf eine einzelne Figur abgewälzt, sondern in Form verschiedener Masken, die die Verbrecher, Schergen und Schlägertypen Gothams tragen, als abstraktes, fest in der Welt verwobenes Phänomen dargestellt.

Alle Wege führen zu Sionis

Quinn und die anderen (Anti-)Heldinnen treten der omnipräsenten Verachtung von Frauen mit dem ganzen Spektrum ihrer respektlosen Weiblichkeit entgegen. Alle Wege führen dabei zu dem Mann, der zwar selten eine Maske trägt, diese aber in all ihren Ausprägungen am ehesten repräsentiert: Roman Sionis aka Black Mask (Ewan McGregor). Der Unterweltboss ist auf der Jagd nach einem Golfball-großen Diamanten, den ihm die junge Cassandra (Ella Jay Basco) entwendet hat, bis ihm Harley und die Birds of Prey in die Quere kommen.

Was sich als thematischer Unterbau perfekt für den ausgiebig zelebrierten Anarchismus der Weiblichkeit eignet, wird allerdings allzu selten ausgespielt. Zwar wandelt „Birds of Prey“ bewusst abseits der Pfade des episch-bombastischen „DC Universe“ und gibt sich wilder, frecher und naiver; doch der Film findet im selbst inszenierten Chaos keinen Halt. Während des Großteils des Films stolpert Harley Quinn durch ihre eigene Geschichte, die sich im ständigen Vor und Zurück und in unzähligen Expositionen verheddert. Kaum dringt die verrückte Harlekin-Dame mit einem Granatwerfer in eine Polizeiwache ein, um Cassandra zu befreien, friert die Action ein, um einen Umweg zu nehmen und zu erklären, warum Harley überhaupt hier ist.

Wilde Sprünge durch die Chronologie

Die ständigen Zeitsprünge reichen von wenigen Minuten, über einige Tage und schließlich sogar mehrere Jahre und Jahrzehnte. Alles wird irgendwo hineingepresst und vom ständigen Voice-Over der Protagonistin begleitet, damit man als Zuschauer nicht gänzlich die Orientierung verliert. Jede Figur, jede Intention, jeder Witz, jedes Hintergrunddetail, jeder Auftritt, jeder Knochenbruch und sogar eine Gesangsnummer werden so vom unaufhörlichen Gebrabbel sortiert, erklärt oder mit einem Meta-Kommentar versehen.

„Birds of Prey“ wird damit zu einer „DC“-Variante von „Deadpool“: eine von ironischer Distanz durchzogene und immer von Momenten des selbstverliebten Meta-Kommentars unterbrochene Fußnote des Superhelden-Universums. Zwar verschreibt sich der Film im Gegensatz zum Marvel-Pendant mit seiner feministisch grundierten Kampfansage zumindest pro forma einer Agenda, statt wild mit mittelmäßigen, schlechten, bemüht anstößigen Ideen um sich zu werfen; doch mehr, als Harley Polizisten und kriminelle Maskenträger niederknüppeln zu lassen, fällt dem Film dazu nicht ein.

Die schematische, aber halbwegs funktionale Choreografie solcher Szenen wird regelmäßig mit Superzeitlupen und Freeze-Frames unterbrochen, damit Quinn sich direkt ans Publikum richten kann. Im pseudo-naiven Sing-Sang, der ohnehin in nahezu allen Szenen zu hören ist, lässt sie noch einen Spruch fallen oder leitet den nächsten Zeitsprung ein, der den Weg zu den noch immer im Bild eingefrorenen Ereignissen erklärt. Das ist eine Inszenierung, die nicht nur einen gewissen Abnutzungseffekt produziert, sondern auch achtlos durch jene Szenen trampelt, die jenseits der ironischen Distanz und dem Nihilismus etwas zu dem Film beitragen könnten.

Gegen die maskierte Misogynie

Wenn „Birds of Prey“ die erratische Exposition von fünf Figuren endlich hinter sich gebracht hat und Quinns unbändiges Mitteilungsbedürfnis für einen kurzen Moment aussetzt, deutet sich kurz das Potenzial an, das der Film im Ganzen verschenkt. Es ist eine einfach Dialogszene: Fünf Frauen, fünf unterschiedliche Intentionen und vier Waffen werden für diese Szene in den gleichen Raum gesperrt. Eine Spannung, die sich in einem ebenso absurden wie anarchischen Drang zur Solidarität auflöst, der die Birds of Prey ihm Kampf gegen die maskierte Misogynie eint.

Doch diese Solidarität, die in der Empathie begründete Allianz, stellt der Film auf ein Fundament, das vom Duktus der sarkastischen Uneigentlichkeit längst ausgehöhlt ist. So bleibt der größte Affekt die Trauer um das verlorene Frühstückssandwich.

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