Enkel für Anfänger

Komödie | Deutschland 2019 | 104 Minuten

Regie: Wolfgang Groos

Eine von der Inaktivität ihres Ehemanns entnervte Ruheständlerin lässt sich nach dem Vorbild ihrer unangepassten Schwägerin einen Paten-Enkel zuteilen und empfiehlt dies auch einem verwitweten Freund. Die Leih-Großelternschaft sorgt zunächst für allerhand Wirbel, entpuppt sich letztlich aber für alle Seiten als heilsam und lehrreich. Unterhaltsame Generationen-Clash-Komödie, der vor allem Helikopter-Eltern, Öko-Fixierung und sich selbst verwirklichende Senioren dankbare Humorvorlagen liefern. Die Handlung zeigt dabei zwar keinen Wagemut, freche Schlagabtäusche und schrullige Figuren machen den Film aber dennoch sympathisch. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Wolfgang Groos
Buch
Robert Löhr
Kamera
Andreas Berger
Musik
Helmut Zerlett
Schnitt
Andrea Mertens
Darsteller
Maren Kroymann (Karin) · Heiner Lauterbach (Gerhard) · Barbara Sukowa (Philippa) · Dominic Raacke (Kai) · Günther Maria Halmer (Harald)
Länge
104 Minuten
Kinostart
06.02.2020
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie

Heimkino

Verleih DVD
StudioCanal
Verleih Blu-ray
StudioCanal
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Eine Generationen-Clash-Komödie um mehrere Senioren, die sich Leih-Enkel zulegen und in der Betreuung der Kinder auf Schwierigkeiten, aber auch auf neue Lebensfreude stoßen.

Diskussion

In schneller Montage laufen sie gleich zu Filmbeginn auf: Vor dem DJ-Pult abhottende Senioren, die nachts in den Pool und am helllichten Tag angeseilt von Hochhäusern springen. Fröhlich jetten sie um die Welt und lassen auch sonst den lieben Gott einen guten Mann sein. 70 ist das neue 40. So sehen Karins Tagträume aus – ihr Alltag aber könnte davon nicht weiter entfernt sein. Von der berüchtigten „Umweltsau“ hat die attraktive Vorzeige-Rentnerin in „Enkel für Anfänger“ auf jeden Fall noch nichts gehört. Dabei würde sie doch so gerne: Zum Beispiel einmal nach Neuseeland fliegen, statt in der beige-lastigen Einfamilienhölle in irgendeiner deutschen Kleinstadt vor sich hinzuvegetieren. Schade nur, dass sich Ehemann Harald lieber um die Trimmhöhe des gepflegten Rasens oder die Entstaubung seiner Lokomotiv-Sammlung kümmert. Von dem ganzen Geld für die Reise, da bekommen wir gleich zwei Treppenlifte, pariert er Karins Herzenswunsch. Dass seine Gattin noch lange nicht daran denkt, ihre Mobilität aufzugeben, kommt dem Stubenhocker nicht in den Sinn.

Karin ist unglücklich. Vor allem wenn ihr von Haralds Schwester Philippa auch noch der Spiegel vorgehalten wird: Die freigeistig-schlagfertige Alt-68erin holt sich in regelmäßigen Abständen Paten-Enkel ins Haus. Das bringt neuen Schwung und hält jung. Also heuert auch Karin als Leih-Oma an und überredet ihren schwulen Jugendfreund Gerhard, dem gerade Ehemann und Hund weggestorben sind, es ihr gleichzutun. Gerhard bekommt das sensible Mobbing-Opfer Viktor aufs Auge gedrückt, dessen russischstämmige Mutter auf Tinder einen neuen Vater sucht. Karin landet beim verhaltensauffälligen Jannik, der von seinen Eltern doch nur etwas echte Zuwendung braucht. Das lässt sich allerdings auch über Janniks jugendlich ergrauten Vater sagen, der für Karin Gefühle entwickelt. Philippas neues Musterkind Leonie leidet unterdessen an überbesorgten Helikopter-Eltern – und an einer knackigen Erdnuss-Allergie.

Gewitzte Schlagabtäusche

Was die Diskussionen um flügge werdende Best Ager, abdrehende Helikopter-Eltern, Spätgebärende oder Öko-Vollzeitbeschäftigung angeht, kann der neue Film von Wolfgang Groos (Die Vampirschwestern) tatsächlich aus dem Vollen schöpfen. Und das tut er auch, wobei ihm die gewitzten Schlagabtäusche in puncto auseinanderdriftende Lebenswelten am besten gelingen. Die sind so gut getimt, dass auch ein „Faszinosum“ wie eine alte Schreibmaschine („Guck mal, ein alter Computer mit Drucker“) vom geduldigen Drehbuchpapier auferstehen und seinen Witz entfalten kann.

Wenn 70 zum neuen 40 wird, dann wird aus 10 aber auch schnell das neue 30. Schließlich obliegt es den erstaunlich kooperativen Kindern, einen kühlen Kopf zu bewahren, während sich die „Alten“ in der Selbstverwirklichung suhlen. Was in „Enkel für Anfänger“ noch deutlicher hätte durchscheinen dürfen, ist der Missstand einer auf der Überholspur davonrasenden Erwachsenenwelt, in der erst die Generation der Großeltern für die Kleinsten auf den Pause-Knopf drücken muss. Bei Groos geht es eher um die in die Jahre gekommenen „Anfänger“ des Filmtitels, nicht um die „Enkel“. Dennoch gelingt es ihm, seine an Alter und Schrulligkeit zunehmenden Figuren nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das macht einen Film sympathisch, von dessen Ende man sich auch in narrativer Hinsicht etwas mehr von dieser Frechheit gewünscht hätte, die den Figuren zuvor so schön in den Mund gelegt wurde. Stattdessen verbleibt die Handlung in einer gewissen „Feel-Good-Behäbigkeit“, der man doch eigentlich entkommen wollte. Ein Eindruck, der sich noch verschärft, weil „Enkel für Anfänger“ hinter manchem Witzchen die „Moral für Fortgeschrittene“ aus dem Blick verloren hat.

Wer ist hier der Gemeine?

„Dann überleg dir mal, wer hier der Gemeine ist? Der, der ein glückliches Schwein tötet, oder der, der ein unglückliches Schwein tötet?“ Das „serviert“ Grillmeister Harald der kleinen Leonie, als die ihn am Fleischrost belehren will, dass ihre Familie ausschließlich „Bio-Fleisch“ isst. Was die Macher dieser Familienkomödie nicht antizipiert haben, ist die öffentliche Einschätzung des Verhaltens einer Großeltern-Generation, die ihr Leben in einer intakten Umwelt bereits hinter sich gebracht hat und nun in der Verantwortung steht, diesen Planeten auch für ihre Kindeskinder als lebenswert zu erhalten. Dann müsste nämlich Karin überlegen, was für die Zukunft ihres Paten-Enkels „gemeiner“ ist: Der kerosinschwere Flug nach Neuseeland, der pro Sitzplatz mehrere Quadratmeter arktisches Packeis wegschmelzen lässt – oder Haralds zwei Treppenlifte? 

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