Drama | USA/Großbritannien 2019 | 113 Minuten

Regie: Severin Fiala

Ein Geschwisterpaar muss die Feiertage in einer abgelegenen Hütte mit seiner neuen Stiefmutter verbringen. Weil die Kinder der Fremden die Schuld am Selbstmord ihrer Mutter geben und die Frau psychisch labil ist, gibt es von Anfang an Spannungen. Nach einem mysteriösen Stromausfall spitzt sich die Lage weiter zu. Stilbewusster Arthouse-Horrorfilm über unheilbare seelische Wunden aus der Vergangenheit, der auf das klaustrophobische Szenario zur Spannungserzeugung setzt. Nach einem starken Auftakt verfällt er allerdings in einen langsamen und ereignislosen Mittelteil, dem eine allzu offensichtliche Auflösung folgt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE LODGE
Produktionsland
USA/Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
Severin Fiala · Veronika Franz
Buch
Sergio Casci · Severin Fiala · Veronika Franz
Kamera
Thimios Bakatakis
Musik
Danny Bensi · Saunder Jurriaans
Schnitt
Michael Palm
Darsteller
Richard Armitage (Richard) · Riley Keough (Grace) · Alicia Silverstone (Laura) · Jaeden Martell (Aidan) · Katelyn Wells (Wendy)
Länge
113 Minuten
Kinostart
06.02.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Horror | Thriller

Klaustrophobischer Thriller, in dem zwei traumatisierte Kinder mit ihrer neuen Stiefmutter in einer abgelegenen Berghütte zusammengepfercht sind, während die Lage immer bedrohlicher wird.

Diskussion

Als die verzweifelte Laura (Alicia Silverstone) die Trennung von ihrem Mann nicht mehr erträgt und sich bereits in den ersten Filmminuten das Leben nimmt, ist das ein richtiger Schock. Dass man dieses unerwartete und traumatische Ereignis als Zuschauer auch später noch im Hinterkopf behält, passt gut zu dem Arthouse-Horrorfilm „The Lodge“. Denn in erster Linie erzählt er von der Unmöglichkeit, eine neue, intakte Familie zu gründen, bevor die Wunden der Vergangenheit verheilt sind.

Lauras Mann, der Journalist Richard (Richard Armitage), will genau das tun. Der Versuch, seine Kinder (Jaeden Martell, Lia McHugh) mit der neuen Freundin Grace (Riley Keough) zusammenzubringen, scheint von Anfang an zum Scheitern verurteilt zu sein. Nicht nur, weil die Geschwister der Fremden die Schuld am Tod ihrer Mutter geben, sondern auch, weil Grace selbst noch an einem Familientrauma zu knabbern hat: Ihr Vater war der Anführer einer radikalen christlichen Sekte, die kollektiv Selbstmord beging. Nur Grace hat dieses Ritual überlebt.

Diese sowohl inneren als auch zwischenmenschlichen Spannungen verlagert das Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala in seinem englischsprachigen Debüt in ein Setting, das auf maximale Eskalation ausgerichtet ist. Eine abgelegene Ferienhütte zwischen verschneiten Bergen soll zur Feuertaufe für die neue Familie werden. Doch als Richard für ein paar Tage beruflich verreisen muss, bleibt das traumatisierte Trio mit sich allein.

Wie eine freie Variation von „Ich seh, ich seh“

Dabei entsteht eine Anordnung, die wie eine freie Variation auf „Ich seh, ich seh“, den letzten Film von Franz/Fiala, wirkt. Wieder geht es um ein isoliertes Haus mit einer eventuell bedrohlichen Mutterfigur und zwei fremdelnden Kindern, die es in sich haben. Und wieder kommt dabei die Frage auf, wie man das Geschehen richtig einschätzen soll. Als Grace nach einem Nickerchen aufwacht, ist nicht nur der Strom ausgefallen, auch ihr Hündchen, ihre Psychopharmaka sowie alle Handys sind auf mysteriöse Weise wie vom Erdboden verschwunden.

Ähnlich wie in Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ legen die Regisseure immer wieder mit einem der Realität detailgenau nachempfundenen Puppenhaus nahe, dass die Vorgänge in der Hütte vorbestimmt und von außen gesteuert sind. Ob es sich bei der immer lebensbedrohlicheren Situation aber um einen bösartigen Streich der feindseligen Kinder handelt, um ein Fegefeuer, in das die drei nach ihrem Kältetod geraten sind, oder doch um eine ganz andere Bedrohung, lässt der Film zumindest explizit eine ganze Weile im Unklaren.

Ein betont langsam erzählter Mittelteil

Trotz starkem Auftakt und einer dankbaren Ausgangslage erweist sich genau dieser lange und betont langsam erzählte Mittelteil als größte Schwachstelle von „The Lodge“. Dabei schafft die beklemmende Atmosphäre eigentlich eine gute Grundlage für den Film. Die etwas kunstgewerblichen, aber klaustrophobischen Bilder von Kameramann Thimios Bakatakis rücken die Figuren oft aus dem Zentrum und betonen mit schummriger Beleuchtung und leicht verzerrten Perspektiven das Unheimliche im Vertrauten. Das Drehbuch – das Franz/Fiala gemeinsam mit dem Regisseur Sergio Casci verfasst haben – hält sich zwar bewusst nicht allzu streng an die Regeln des Genres, weiß aber auch ansonsten nur wenig mit seiner Geschichte anzufangen. Theoretisch herrscht zwar eine ständige Ungewissheit über die wahre Natur der Situation, aber der Film spielt kaum mit dieser Unsicherheit und legt auch schon recht früh nahe, was des Rätsels Lösung ist.

Stattdessen konzentriert sich „The Lodge“ teilweise lähmend minutiös auf den psychischen Verfall von Grace – der schließlich so weit getrieben wird, dass auch ihre alte Wunde wieder aufreißt. Selbst das wieder deutlich dichtere und ziemlich bittere Finale lässt aber nicht vergessen, dass die arg ereignislose Passionsgeschichte von Grace den Film nicht über so weite Strecken tragen kann.

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