Looking at the Stars

Dokumentarfilm | Brasilien/USA 2016 | 90 Minuten

Regie: Alexandre Peralta

Die brasilianische Ballerina und Physiotherapeutin Fernanda Bianchini leitet in São Paulo die weltweit einzige Ballettschule für Blinde, die in einer Kombination aus Fühlen und Berühren mit ständigen Wiederholungen klassisches Ballett erlernen. Der über mehrere Jahre entstandene beobachtende Dokumentarfilm zeichnet den Werdegang zweier Elevinnen in allen Höhen und Tiefen nach, deren Biografien eng mit der Geschichte der Schule verknüpft sind. Abseits der eindrücklichen Proben- und Tanzszenen begeistert er auch durch die spannende Perspektive auf eine einzigartige Form der Integration. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
LOOKING AT THE STARS
Produktionsland
Brasilien/USA
Produktionsjahr
2016
Regie
Alexandre Peralta
Buch
Melissa Rebelo Kerezsi · Alexandre Peralta
Kamera
Alejandro Ernesto · Guan Xi
Musik
Alexis Marsh · Samuel Jones
Schnitt
Alexandre Peralta
Länge
90 Minuten
Kinostart
13.02.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation

Beobachtender Dokumentarfilm über die weltweit einzige Ballettschule für Blinde im brasilianischen São Paulo und einige ihrer erfolgreichen Elevinnen.

Diskussion

Geyza ist eine moderne, junge Frau aus São Paulo. Sie arbeitet als Tanzlehrerin an einer Ballettschule, wenn sie nicht für ihre eigenen Auftritte probt. Seit ihrem 9. Lebensjahr ist Geyza blind, eine zu spät erkannte Infektionskrankheit war die Ursache – keine Ausnahme in Brasilien, wo die arme Bevölkerung vom staatlichen Gesundheitswesen, wenn überhaupt, nur mit dem Nötigsten versorgt wird. Als blinde Frau in der trubeligen Großstadt zurechtzukommen und den oft herausfordernden Alltag zu bewältigen, ist nicht einfach für sie. Der Tanz hilft ihr dabei, nicht nur, weil Geyza auf diese Weise Mut und Selbstvertrauen gewinnt, sondern auch durch die Gemeinschaft an der Schule – ein verschworener Kreis aus Sehenden und Nicht-Sehenden, angetrieben von der Liebe zur Musik und zum Tanz.

1995 gegründet von Fernanda Bianchini und bis heute von ihr geleitet, ist die „Association of Ballet and Art for Blind People“ ein einzigartiges Beispiel für Inklusion und Integration. Hier werden vor allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien unterstützt, die in einer weltweit einzigartigen Methode unterrichtet werden: eine Kombination aus Fühlen und Berühren mit ständigen Wiederholungen, von Fernanda Bianchini erdacht und immer weiterentwickelt und perfektioniert. Geyza kam als Kind hierher, so wie ihre Schülerin Thalia, die vielleicht einmal Geyzas Nachfolge als Primaballerina antreten wird.

Eine außergewöhnliche Geschichte

Auf der Grundlage seines Kurzfilms über Fernanda Bianchinis Schule aus dem Jahr 2014, mit dem der Regisseur Alexandre Peralta schon für einiges Aufsehen sorgte und den „Studenten-Oscar“ gewann, entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahren ein komplexer Dokumentarfilm, der in mehrfacher Hinsicht einmalig ist: Der Ausgangspunkt ist ein beispielloses Projekt mit einer außergewöhnlichen Geschichte, geleitet von einer mutigen Frau, die sich erfolgreich gegen alle Widrigkeiten und Hindernisse behauptet hat.

Doch ebenso faszinierend sind die Protagonistinnen: Mit ihrem bezaubernden Lächeln führt Geyza durch den Film, der auch ihre und Thalias persönliche Geschichte zeigt. Nicht zuletzt ist es auch die künstlerische Gestaltung des Films, die in ihrer Komplexität und Geschlossenheit sehr stimmig ist und für eine Atmosphäre sorgt, die viele Emotionen freilässt. Staunen, Freude, auch Mitleid, aber vor allem Bewunderung.

Der Film beginnt mit einem Blick hinter die Kulissen einer Ballettaufführung. Im Halbdunkel bereiten sich die Tänzerinnen und Tänzer auf ihren Auftritt vor. Auch Geyza ist dabei, die kurz mit ihrem Tanzpartner spricht, bevor sie sich bekreuzigt und mit ihm auf die Bühne schreitet, wo das Corps de Ballet bereits Aufstellung genommen hat. Nichts weist darauf hin, dass die Tänzerinnen und ihre Primaballerina blind sein könnten, so sicher und selbstverständlich bewegen sie sich.

Springen lernen, ohne sehen zu können

Erst der Blick in die Schule, wo Fernanda Bianchini die Jüngsten unterrichtet, zeigt, dass hier etwas anders ist. Die Kinder, mit denen sie hier arbeitet, können offensichtlich nicht sehen. Sie zeigt einem kleinen Jungen, wie er springen kann: „Die Füßchen küssen sich“, sagt sie. Sie springt mit den Kindern durch den Raum, führt sie dabei dennoch behutsam und erinnert sie daran, den Kopf nach oben zu halten, den Blick zu den Sternen – looking at the stars. Die nächste Einstellung zeigt Geyza beim Ballett-Training, das sie teilweise selbst kommentiert: Sie übt Pirouetten und erklärt die Schwierigkeiten, die Blinde dabei haben, weil ihnen die Orientierung im Raum fehlt. Geyza dreht sich, eine Pirouette nach der anderen, sie strauchelt, sie stürzt, sie rappelt sich auf… und sie lächelt.

Diese ersten Minuten weisen den Weg in einen Film, der sein Publikum mit Power und Poesie einfängt und mitreißt, mit wunderschönen Tanzszenen und Probensequenzen ebenso wie mit den Bildern aus dem Alltag der Protagonistinnen und aus ihren Biografien, die eng mit der Geschichte der Schule verknüpft sind. Wesentliche Informationen werden als Inserts eingeblendet, es gibt keine typischen Interviewsituationen. Äußerungen der Beteiligten werden anderen Bildern unterlegt, dienen dadurch als Kommentar, aber sie konterkarieren auch gelegentlich die Handlung, was die gleichzeitig hochprofessionelle und liebevolle Auseinandersetzung mit dem Thema verstärkt.

Schmerz, Sehnsucht und Hoffnung

Dass es zwischendurch ein wenig pathetisch wird, passt gut dazu. Zusätzlich zur Ballettmusik werden die Bilder mit melancholischen Klavier- und Streicherklängen untermalt, die an klassische Klänge erinnern, aber auch die „Saudade“ der brasilianisch-portugiesischen Kultur betont. Als Melange aus Schmerz, Sehnsucht und Hoffnung liegt sie über dem Film, begleitet Geyza durch ihr Leben, das von großen Veränderungen geprägt ist: Sie heiratet, wird schwanger, bekommt ein Kind und steht schließlich doch wieder auf der Bühne.

In der Zwischenzeit ist aus der schüchternen Thalia, die in der Schule gemobbt wurde und viele Probleme hatte, ebenfalls eine selbstbewusste junge Frau geworden, die sich zu einer anmutigen Tänzerin entwickelt hat. So wie Geyza, die mitten in São Paulo auf einer Brücke tanzt, als Primaballerina im prächtigen, klassischen Tutu mit Diadem im Haar, ganz für sich und umgeben vom Lärm der Großstadt. Und sie lächelt.

Kommentar verfassen

Kommentieren