Dokumentarfilm | Deutschland/USA 2018 | 83 Minuten

Regie: Florian Baron

Fünf junge US-Kriegsveteranen berichten von ihren Einsätzen und von der Zeit danach, als sie mit äußeren und inneren Verletzungen in ihre Heimat zurückkehrten. Die Kriegserfahrung hat sie für immer verändert. Der Dokumentarfilm mischt recht experimentell Off-Erzählungen mit Alltagsszenen und Stadtansichten, die in extremer Zeitlupe gefilmt und von einem minimalistischen Score unterlegt sind. Eine Symphonie des Unsag- und Unzeigbaren. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
STRESS
Produktionsland
Deutschland/USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Florian Baron
Buch
Florian Baron
Kamera
Johannes Waltermann
Musik
Jana Irmert · Fatima Camara
Schnitt
Clemens Walter
Länge
83 Minuten
Kinostart
06.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Stilistisch herausfordernde Doku über fünf US-amerikanische Kriegsveteranen.

Diskussion

„Wir bauen das Land auf, wir verteidigen es. Wir sind die Arbeiterklasse. Das ist unser Job.“ Der Mann mit den schulterlangen Haaren läuft den Hügel hinunter durch eine Arbeitersiedlung, einfache, geduckte Backsteinhäuser, Unkraut am Wegesrand. Zu sehen ist nur sein Rücken, die Tätowierungen auf den Armen. Aus dem Off hört man seine Stimme, die Erzählungen aus dem Krieg – und vor allem über das, was nach dem Krieg kam.

In „Stress“ porträtiert Regisseur Florian Baron fünf Veteranen aus Pittsburgh, Pennsylvania – vier Männer und eine Frau. Der Film beginnt mit den 9/11-Anschlägen, die für einige der Porträtierten der Auslöser waren für eine Entscheidung, die schon länger angelegt war: in den Krieg zu ziehen, um das Land zu verteidigen, denn „jemand muss dafür bezahlen“.

Unkonventionelle Erzählperspektive

Der Regisseur (Jahrgang 1984) erhielt nach der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg ein Stipendium in der ehemaligen Stahl- und Kohlestadt Pittsburgh und traf dort auf Menschen in seinem Alter, die im Krieg gewesen sind. Barons Ansatz in „Stress“ ist alles andere als konventionell. Bis zur zwanzigsten Minute des Films alternieren Rückenansichten von Veteranen, die sich durch ihren Alltag bewegen, mit dokumentarischen Stadtansichten in extremer Zeitlupe an der Grenze zum Standbild, unterlegt durch ein raunend-pulsierenden Soundteppich.

Einige von Barons formalen Entscheidungen scheinen von den Interviews mit den Veteranen inspiriert. So erzählt die junge Mutter Torrie, dass sie nach ihrer Rückkehr aus dem Irak mit ihren eigenen Vorurteilen zu kämpfen hatte; „der Feind“ habe ein bestimmtes Aussehen gehabt; es sei sehr schwierig gewesen, die entsprechende Haltung nicht auf Menschen in der Heimat zu übertragen. Dass der Film zunächst die Gesichter der Protagonisten nicht zeigt, hat vielleicht mit dieser Übertragung zu tun: Schnell macht man sich ein Bild, von dem man sich aber genauso mühelos distanzieren kann. Worte sickern nachhaltiger ins Gedächtnis und beißen sich dort fest. Wenn man die Menschen zu den Stimmen schließlich sieht, hat man ihnen schon eine ganze Weile zugehört.

Wie ein „Zombie“ unter Menschen

Auch die Zeitlupen sind womöglich so entstanden. In einer längeren Sequenz berichten die Protagonisten, wie es sich anfühlt, wenn man mit seinem Fahrzeug auf eine Bombe fährt: wie in Zeitlupe. Auch die Entfremdung, das Gefühl, „ein Zombie“ unter Menschen zu sein, zurück in der „normalen“ Welt, vermitteln die Zeitlupen. Die Form, die Baron wählt, produziert einen symphonischen Sog, der das Erlebte fühlbar macht – wenigstens vermeintlich und ohne dabei Bilder von Gewalt oder Bilder aus dem Krieg zu zeigen.

Die Veteranen lernen, mit ihrer posttraumatischen Belastungsstörung und den anderen Nachwirkungen des Krieges umzugehen. Ein Mann wie ein Schrank sitzt bei einer Psychotherapeutin und spricht mit ihr über Achtsamkeitsstrategien. Seine Frau und seine Kinder können ihn nur aus der Distanz, mit einem Besenstiel, aufwecken, da er seinen Sohn wie auch seine Frau bei dieser Gelegenheit schon einmal k. o. geschlagen hat. Viele Ärzte betrachten diese Nachwirkungen des „war on terror“ als Nebenwirkungen, denen mit allerlei Medikamenten zu begegnen ist. An einer Stelle sagt ein Soldat deutlich: „Wenn du zurückkehrst, bist du ein anderer.“ Das lasse sich nicht ändern, das sei „einfach so“.

22 Veteranen nehmen sich in den USA täglich selbst das Leben.

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