Ruf der Wildnis (2019)

Abenteuer | USA 2019 | 105 Minuten

Regie: Chris Sanders

Sentimentale Verfilmung des Abenteuerromans von Jack London, in dem ein Bernhardiner-Hund nach Alaska geschafft und dort zum Schlittenhund ausgebildet wird. Als Gefährte eines Einsiedlers gelangt er in menschenleeres Gebiet und schließt sich nach dem Tod seines Herrn den Wölfen an. Die Inszenierung setzt ausgiebig auf digitale Tricks und eine Vermenschlichung des Hundes, was mitunter ans Niedliche grenzt. Trotz der Orientierung an der literarischen Vorlage wird deren realistische Schilderung des Lebens in der Wildnis dadurch gerade nicht erreicht. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
THE CALL OF THE WILD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Chris Sanders
Buch
Michael Green
Kamera
Janusz Kaminski
Musik
John Powell
Schnitt
David Heinz · William Hoy
Darsteller
Harrison Ford (John Thornton) · Dan Stevens (Hal) · Omar Sy (Perrault) · Karen Gillan (Mercedes) · Bradley Whitford (Richter Miller)
Länge
105 Minuten
Kinostart
20.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Abenteuer | Drama | Familienfilm

Sentimentale Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers von Jack London über die Erlebnisse eines Bernhardiners während der Zeit des Goldrausches am Klondike in Alaska.

Diskussion

Der Hund wirkt, als wäre er ein Formwandler aus einem Gruselfilm. Je nachdem, gegen welchen Gegner er antritt, variiert seine Größe: fast wie ein Bär bei Drohgebärden gegen Bären, fast wie ein Tiger, wenn er einen Menschen anspringt, um ihm das Gewehr zu entreißen. Dabei ist der Bernhardiner an sich schon groß, immer sichtbar unter allen anderen Hunden, da er sie weit überragt. Die Idee dahinter: Wenn der Film „Ruf der Wildnis“ schon eine VFX-Orgie ist, kann man doch auch jeden Auftritt des Hauptdarsteller-Hundes aus der Realität herausheben.

Der Roman machte Jack London berühmt

Von der Realität ist die Neuverfilmung des Jack-London-Klassikers von Regisseur Chris Sanders weit entfernt. Was erstaunlich ist, da der US-amerikanische Schriftsteller gerade wegen der bis dahin ungewöhnlichen Wirklichkeitsnähe seiner Geschichten bekannt wurde. „Ruf der Wildnis“ (1903) trug maßgeblich zu seinem Ruhm bei. Das Buch verzauberte jugendliche Leser, die wissen wollten, wie es im hohen Norden von Alaska zugeht, in dem die Geschichte spielt. Der Zauber wird im neuen Film hingegen von den digitalen Effekten übernommen, die den Bernhardiner namens Buck fest im Griff haben. Sie sollen das Erscheinungsbild und das Verhalten eines realen Hundes soweit vermenschlichen, dass er mit seinem Mienen-, Pfoten- und Körpereinsatz zum Erzähler werden kann – was ins Niedliche gehen soll, oft genug aber gruselig anmutet. Dann ergreift Harrison Ford das Wort, um die Lage zu retten.

Buck wird aus seinem Heim im Süden der USA gestohlen, weil am Klondike der Goldrausch ausbricht. Dort bezahlt man viel Geld für Hunde, die die Ausrüstung der Goldsucher durch die Kälte tragen. Über mehrere Zwischenhändler wird Buck so nach Alaska geschafft, dort jedoch zum Glück an einen Angestellten der kanadischen Regierung verkauft. Der ist für die Auslieferung der Post in die weit entfernten Siedlungen zuständig, in denen Jäger und Prospektoren leben. Sein Schlitten wird von einem Team aus neun Hunden gezogen. Buck muss lernen, wie das Leben eines Schlittenhundes funktioniert. Da sein neuer Besitzer aber von Omar Sy verkörpert wird, hat er damit kaum Probleme. Trotzdem erscheint Buck bei seinen ersten Schritten im Schnee als Witzfigur, was den Film wohl gefälliger machen soll.

Wunden, die das Leben schlug

So geht es weiter mit Hund und Film. Zwischendurch ist die Story der Schlittenpost so rasant ins Bild gesetzt, dass man sich dem Drive nicht entziehen kann; andererseits werden die hierarchischen Kämpfe, die Buck bestehen muss, nahezu gewaltfrei durchgespielt, um das jugendliche Publikum nicht zu erschrecken. Harrison Ford, der einen alten Trapper spielt, wird schließlich ein weiterer Freund von Buck. Der Hund lehrt ihn, auf Alkohol zu verzichten; später ziehen sie zusammen weit weg in unbekanntes Territorium, um dort die Wunden zu pflegen, die das Leben ihnen schlug. Oft spielen sie im Nordlicht auf der Mundharmonika, alle beide.

Sanders hält sich einigermaßen an die Geschichte von Jack London, obwohl er eine Art Seifenoper daraus macht. Der Weg Bucks zu den Wölfen, bei denen er letztlich bleibt, wird romantisch als Liebesaffäre verbrämt.

Ob der Gedanke an ein befreites Leben jenseits der Zivilisation, an ein Existenzrecht von Wildnis und Wildtier, die Zuschauer erreicht, sei dahingestellt. Wahrscheinlich ist die Vorstellung von einem Haustier voller bedingungsloser Liebe naheliegender; die Kinder im Publikum werden nach diesem Film weniger über Hunde wissen als vorher. Aber sie haben nebenher auch gesehen, dass es mal Briefe gab, die mit der Hand auf Papier geschrieben und in Säcken über weite Strecken transportiert wurden. Vielleicht verführt sie das ja, selbst auch mal aufs Papier zu schauen, in ein Buch von Jack London beispielsweise.

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