Thriller | Deutschland 2019 | 89 Minuten

Regie: Tim Dünschede

Eine idealistische Firmenmanagerin entdeckt, dass ihr Vorgesetzter unsaubere Geschäfte betreibt und wird von diesem und einem dubiosen Kunden genötigt, den Abend mit ihnen zu verbringen. Dabei kreuzen die drei den Weg eines verdeckten Ermittlers, der über einen Kleinganoven an einen Gangsterboss herankommen will. Ein in Finanz- und Unterwelt spielender Thriller, der in formalem Ehrgeiz in einer einzigen Einstellung gedreht ist. Dieser logistischen Herausforderung sind allerdings alle anderen Elemente mit fatalen Folgen untergeordnet: Die Geschichte ist unausgegoren, die Figuren sind eindimensional, die Dialoge häufig unfreiwillig komisch. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Tim Dünschede
Buch
Anil Kizilbuga · Tim Dünschede
Kamera
Holger Jungnickel
Musik
David Reichelt
Darsteller
Elisa Schlott (Ana Bergmann) · Martin Semmelrogge (Ozzy) · Tilman Strauß (Carsten / Yannic) · Steffen Wink (Henry) · Hans-Peter Ampferer (Marc)
Länge
89 Minuten
Kinostart
20.02.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Thriller

Ein in Finanz- und Unterwelt spielender Thriller über ein Banker-Trio, einen verdeckten Ermittler und viele Ganoven, der in einer einzigen Einstellung gedreht ist.

Diskussion

Als die junge Compliance-Managerin Ana Bergmann (Elisa Schlott) am späten Freitagabend bei einem Routine-Check entdeckt, dass ungewöhnlich viele Rechnungsbeträge vom Firmenkonto abgebucht wurden, sieht sie sich gezwungen, umgehend zu handeln. Vor dem Firmengebäude trifft sie den CEO Frank Mailing (Mathias Herrmann), der gerade im Begriff steht, mit dem dubiosen Kunden Henry Dubois (Steffen Wink) aufzubrechen, und sie auf Montag vertrösten will. Als Ana sich nicht vertrösten lässt, wird sie vom windigen Dubois eingeladen, den Herren am Abend Gesellschaft zu leisten. Man amüsiert sich königlich über ihren Idealismus. Auf die Frage, weshalb es sie in die „eiskalte Finanzwelt“ verschlagen habe, antwortet Ana mit einem flammenden Appell für Gleichheit und Gerechtigkeit: „Weg vom ungezügelten Kapitalismus, hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft!“

An einer Tankstelle verliert der Film „Limbo“ das Trio dann aus dem Blick. Dafür kommt Carsten (Tilman Strauß) neu hinzu, der als verdeckter Ermittler, nun ja, etwas überfordert erscheint. Er soll das Netzwerk des „Wieners“ infiltrieren, der in einem labyrinthartigen Fabrikgebäude residiert, wo zudem ein durchaus bürgerliches Publikum sich an blutigen „Bare-Knuckle“-Boxkämpfen verlustiert. Als Gate-Opener für Carsten fungiert der alternde und äußerst redselige Kleinkriminelle Ozzy, für den Carsten irgendwie schon fast zur Familie gehört, was Folgen haben wird. Zur Begrüßung macht Carsten Ozzy zum „Ehrentag“ ein Geschenk, was sich viel später als Fehler erweist.

Auch unser Banker-Trio hat es mittlerweile in die Residenz des Wieners verschlagen, was auch damit zu tun hat, dass CEO Mailing in Reaktion auf die Finanzkrise seine Firma nur retten konnte, weil er sich mit dem „Wiener“ eingelassen hat. Die Stichworte in diesem Zusammenhang lauten: Geldwäsche, Kryptowährung und Digitalisierung des Illegalen.

Die Geschichte in einer einzigen Einstellung

„Limbo“, das Spielfilmdebüt von Tim Dünschede, erzählt seine Geschichte in einer einzigen Einstellung, was man als logistische Leistung sicher würdigen muss. Andererseits muss man aber auch konstatieren: Die einzige Einstellung erzählt genau die Geschichte, die neben der logistischen Herausforderung intellektuell gerade noch möglich gewesen zu sein scheint. Die Geschichte ist folglich unausgegoren, die Figuren sind eindimensional, die Dialoge häufig unfreiwillig komisch – und die Kamera immer genau dann zugegen, wenn man eine Information verpassen könnte.

In den ersten 30 Minuten wird sehr viel und ausdauernd Auto gefahren. Später geht es in dem von Testosteron erfüllten Fabrikkomplex vorzugsweise mal treppauf und mal treppab. Hat man erst einmal verstanden, dass es dem Film um den Gimmick der langen Einstellung geht, kann man durchaus mit einer Art von schrägem Meta-Vergnügen darauf warten, dass der Film Figuren, die er einmal aus den Augen verloren hat, später wieder in die Handlung holt, weil der Filmemacher gelernt hat, dass man möglichst keinen Handlungsfaden einfach so im Film herumliegen lässt, weil das den Zuschauer irritieren könnte. Deshalb zeigt der Gangsterboss nicht nur seine Gefährlichkeit, sondern auch die Abstellkammer, in der seine Rechner und Server rund um die Uhr in Sachen Kryptowährung unterwegs sind. Merke: Digitales Geld muss man nicht mehr waschen.

Nur alternde Kleinkriminelle wie Ozzy träumen noch von einem Wettbüro als Altersruhesitz, wo man „loyal“ dem Boss sein Geld wäscht. Nicht vergessen werden sollte, dass der verdeckte Ermittler Carsten nicht nur Carsten, sondern auch Yannic heißt, was eigentlich nicht von Belang wäre, hätte er nicht eine Schwester, die nicht weiß und auch nicht glaubt, dass er ein verdeckter Ermittler ist und ihm einiges übelnimmt, was doch nur beruflich, wie man so sagt, zu seiner Legende taugte.

Edelmut, charmantes „Weanern“ und sentimentale Männerfreundschaften

Ana Bergmann, die Schwester, ist dagegen so gut erzogen, dass sie nicht nur den Kapitalismus ethisch auf den Kopf stellen will, sondern auch den Gangster, der sie zum Verhör beim Wiener drängt, zunächst einmal siezt. Sie ist schließlich hier die Jüngere. Den mächtigen und offenbar mächtig gefährlichen Gangsterboss, genannt „Der Wiener“, erkennt man daran, dass er sehr charmant daher „weanert“. Und Martin Semmelrogge als Ozzy spielt nicht nur das Klischee vom alternden Kleinkriminellen, der sich gerne zur Ruhe setzen würde, weil er sich „zu alt für diesen ganzen Scheiß“ fühlt, sondern gleich noch ein Dutzend Klischees in Sachen sentimentaler Männerfreundschaft mehr.

Höhepunkt des Films ist folgender Dialog zwischen Ozzy und Carsten/Yannic, als Ozzy bemerkt hat, dass Carsten/Yannic ein doppeltes Spiel treibt. Als Ozzy Carsten/Yannic „die eine Chance“ einräumt, ihm „die Wahrheit“ zu sagen, sagt Carsten/Yannic Ozzy kurz und knapp die Wahrheit, worauf Ozzy empört reagiert: „Halt dein dreckiges Maul! Ich will das alles nicht hören!“ Man kann das sehr gut verstehen. Wahrscheinlich hat er das Drehbuch gelesen.

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