Drive me home

Drama | Italien 2018 | 94 Minuten

Regie: Simone Catania

Zwei entfremdete Jugendfreunde aus Sizilien treffen sich nach langer Zeit wieder und fahren mit dem LKW durch Europa. Erst langsam zeichnet sich bei dieser Reise durch Raststationen und Swinger-Clubs ab, was die beiden damals in ihrer Heimat entzweite. Road Movie, das zwei unterschiedliche Arten von Vergangenheitsbewältigung aufeinanderprallen lässt und von der drohenden Vergänglichkeit einer Männerfreundschaft erzählt. Trotz interessanter Ansätze vermittelt sich das emotionale Dilemma wegen der wenig sympathischen Figuren aber kaum, zudem ist die Auflösung des zentralen Traumas ziemlich banal. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DRIVE ME HOME - PORTAMI A CASA
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2018
Regie
Simone Catania
Buch
Fabio Natale · Simone Catania
Kamera
Paolo Ferrari
Musik
Maurizio Borgna · Giorgio Giampà · Gabriele Ottino · Aimée Portioli · Davide Tomat
Schnitt
Chiara Griziotti
Darsteller
Vinicio Marchioni (Antonio) · Marco D'Amore (Agostino) · Jennifer Ulrich (Emily) · Chiara Muscato (Paola, Antonios Mutter) · Lou Castel (Karl)
Länge
94 Minuten
Kinostart
27.02.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Road Movie

Heimkino

Verleih DVD
Pro-Fun
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Das Wiedersehen zweier entfremdeter sizilianischer Jugendfreunde als Road Movie, in dem die beiden sich bei einer LKW-Fahrt durch Europa der Vergangenheit stellen, die sie entzweit hat.

Diskussion

Vor einem Haus in einer idyllischen sizilianischen Landschaft vertreiben sich zwei Jungs die Zeit. Während Agostino auf der Gitarre improvisiert, rappt sein bester Freund Antonio dazu über die Enge der Provinz und die Sehnsucht nach der Großstadt. Die Fluchtfantasien seines Kumpels beantwortet Agostino jedoch mit einem Gegenvorschlag: Man könne doch einfach hier bleiben und eine Mauer um sich bauen, dann würde man von all den Idioten da draußen in Ruhe gelassen werden.

Etwa zwanzig Jahre später begegnen sich Agostino (Marco D’Amore) und Antonio (Vinicio Marchioni) auf einem Rastplatz irgendwo in Belgien wieder. Die warmen spätsommerlichen Gelb- und Grüntöne sind einem kalten Blau gewichen und auch die Beziehung zwischen den Männern wirkt ein wenig eisig. Was genau zwischen ihnen vorgefallen ist, das klärt Simone Catania in seinem Regiedebüt „Drive Me Home“ jedoch erst sehr viel später. Zunächst muss LKW-Fahrer Agostino erstmal eine Lieferung abgeben und nimmt Antonio dabei widerwillig mit. Langsam nähern sich die beiden an, ergaunern etwa eine Flasche Champagner und besuchen einen Swinger-Club. Doch sobald sie von früher reden, kommt es wieder zum Streit.

Wildes Rebellentum ohne Gegner

Die Gegenwart wirkt in „Drive Me Home“ wie etwas Unvollkommenes; als wäre sie nur da, um sich damit abzufinden, dass man den idealen Urzustand der Jugend hinter sich gelassen hat. Aus ihren Lederjacken sind die Freunde schon ein bisschen rausgewachsen und auch ansonsten demonstrieren sie ein wildes Rebellentum, ohne dass ersichtlich wäre, gegen was sie sich heute überhaupt noch auflehnen. Catania inszeniert seine Protagonisten als wilde, einsame Wölfe und verpasst ihnen mit einem Soundtrack aus Hip-Hop und Indie-Rock einen coolen Anstrich. Ansteckend wirkt diese Outsider-Romantik aber eher nicht. Wir sehen zwar, dass die Freunde mit ihren Dämonen ringen, aber Antonio wirkt dabei so plump egozentrisch und Agostino so kokett undurchschaubar, dass man davon seltsam unberührt bleibt.

Je weiter das Road Movie voranschreitet, desto stärker zeichnet sich auch ab, dass die beiden immer noch ein sehr unterschiedliches Verhältnis zu ihrem Zuhause haben. Nur ist es mittlerweile Antonio, der am liebsten wieder in der sizilianischen Einöde wäre, während Agostino nicht zufällig ein modernes Vagabunden-Leben als LKW-Fahrer führt, bei dem er immer nur nach vorne schaut. Antonio sieht es als Verrat, dass sein Freund nicht mehr genauso wie früher ist, dass er jetzt Flämisch spricht und von seiner Arbeitgeberin „August“ genannt wird. Mit der Freiheit, nach der er sich einst so gesehnt hat, weiß er heute nichts anzufangen.

Zurück im Haus der Kindheit

Wie anders die beiden auf ihre Kindheit blicken, manifestiert sich schließlich in dem Haus von damals. Dass es zum Verkauf steht, lässt Agostino völlig kalt, ist für Antonio aber ein kleiner Weltuntergang. Als die Freunde nach einem Unfall auf einem von einer internationalen Kommune geführten Bauernhof landen, stellt sich wieder ein wenig Heimatgefühl ein und auch das warme Licht ist wieder fast wie früher. Zwar passiert hier nichts inhaltlich Bedeutendes – während Agostino sich auskuriert, flirtet Antonio mit einer Deutschen –, aber der Zwischenstopp ist wichtig, um sich anschließend endlich auszusprechen.

„Drive Me Home“ lebt über weite Strecken davon, dass der Ursprung für die Spannungen zwischen den beiden Männern unklar ist. Einmal wirft Antonio seinem Freund vor, ihn damals im Stich gelassen zu haben, als er in ein Schweizer Internat ging. Ein anderes Mal macht Agostino im Swinger-Club mit einem Mann rum und blickt dabei seinen Kumpel durchdringend an. Doch obwohl solche Momente auf eine uneingestandene Liebe hinweisen, ist die Wahrheit noch ein bisschen enttäuschender.

Am Ende wird das Trauma aufgedeckt

Es erweist sich als unglückliche Strategie des Films, die ganze Zeit auf ein Trauma hinzuweisen, nur um es dann recht schnell und lieblos abzuhandeln. Am Ende bleiben die Erkenntnisse, dass die Kindheit eine prägende Zeit ist, dass Menschen sich verändern sowie dass Schwule und Heteros Freunde sein können. Und für die Geheimniskrämerei, die „Drive Me Home“ die ganze Zeit betreibt, ist das etwas arg banal.

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