Drama | Hongkong/VR China 1994 | 132 Minuten

Regie: Zhang Yimou

Eine chinesische Familienchronik, die von den 40er bis in die 70er Jahre reicht. Geschildert wird das Schicksal einer Familie, die nach selbstverschuldeter Trennung und den Wirren des Bürgerkrieges wieder zusammenfindet und ihr von Schicksalsschlägen heimgesuchtes Leben meistert. Am populären Erzählkino orientiert, nutzt der Film Formen des Melodrams, um den menschlichen Überlebenswillen zu feiern. Ein Werk von großer emotionaler Kraft, das über das Einzelschicksal hinaus auch immer die (gesellschafts-)politische Entwicklung in China zur Sprache bringt. (Kinotipp der katholischen Filmkritik) - Sehenswert ab 16.
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Filmdaten

Originaltitel
HUOZHE
Produktionsland
Hongkong/VR China
Produktionsjahr
1994
Produktionsfirma
Era International/Shanghai Film Studios
Regie
Zhang Yimou
Buch
Yu Hua · Lu Wei
Kamera
Lu Yue
Musik
Zhao Jiping
Schnitt
Du Yuan
Darsteller
Ge You (Fugui) · Gong Li (Jiazhen) · Niu Ben (Stadtoberhaupt) · Guo Tao (Chunsheng) · Jiang Wu (Er Xi)
Länge
132 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama | Melodram | Literaturverfilmung
Externe Links
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Diskussion
Eine chinesische Familiengeschichte, die von den 40ern bis in die 70er Jahre reicht. Der junge Ehemann verspielt das Haus seiner Ahnen und muß dann sein Leben weiter fristen (was er nicht ungern tut), indem er mit einem Puppen- und Schattenspiel-Theater durch die Gegend reist. Die junge Frau verlaßt ihn voller Enttäuschung über seine schembar unverbesserliche Spielernatur, kehrt dann aber zurück. Der junge Mann wird als Soldat zwangsrekrutiert - eine Bajonett-Spitze durchstößt die Leinwand, auf die die Schatten der Figurinen fallen und zerreißt die dünne Wand zwischen Puppenspielern und Zuschauem, auch der Realität außen. Er überlebt in den Kriegen der 40er Jahre. Die junge Frau kämpft sich als Wasserträgerin durch. Eingebettet in die Gemeinschaft einer kleinen Stadt lernen sie Anpassung an die von Mao propagierten Lebensstile. Beim "großen Sprung" Ende der 50er Jahre opfern sie alles Eisen aus ihrem Haushalt für die chinesische Stahlproduktion: für Schmelzöfen in Hinterhöfen. In der Hektik kommt der kleine Sohn der Familie um. In der Kulturrevolution seit 1966 verbrennt der Ehemann die Schattenspielfiguren. Die stumme Tochter heiratet einen gutmütigen Jungen von den Roten Brigaden. Als sie ihr Kind zur Welt bringen will, sind alle Ärzte als Konterrevolutionäre aus der Klinik gejagt und verhaftet. Umgeben von Laien und kaum ausgebildeten Studentinnen stirbt sie nach der Geburt. Einige Jahre später: Das Paar, durch das Leben verbraucht, zu Großeltern geworden, sitzt mit dem Enkel und dem gleichsam an Kindesstatt hinzugewonnenen Schwiegersohn gelassen beim Essen zusammen und scheint doch fröhlich zu sein. Alltag tröstet.

Zhang Yimou spricht in Kommentaren zu seinem Werk vom unerschütterlichen Optimismus seiner Durchschnittsfamilie und des chinesischen Volkes. Vielleicht hat er recht, vielleicht ist diese Betonung des Positiven pragmatisch, mit dem Blick auf bestimmte Zuhörer formuliert. Schicksalsschläge in diesem Film sind meist nicht selbst verschuldet, jedenfalls nicht in der Zeit, in der Mao herrscht, seit 1949. Die Erzählung bemüht sich, diesen feinen Unterschied nicht vergessen zu lassen. Seit der Revolution sind die Unglücksfälle, die der Familie zustoßen, durch die politischen Umstände bedingt. Die beiden Kinder kommen zu Tode, weil die wahnhaften Methoden des "großen Genossen" ein Klima von selbstausbeuterischem Eifer für den Staat und von legalisierter Menschenverfolgung und Menschenverachtung schaffen. Der Film entzaubert die frommen Illusionen von einst. Er arrangiert Schaubilder öffentlichen Frohsinns, wie man sie als politische Plakate kennt, die die heiteren Eisenstifter zeigen oder die Eltern und das jungverheiratete Paar bei ihrer Hochzeit hinter dem Pappmodell eines Schiffs der Revolution. Danach bereitet der Film deutlich, um den Sog der Katastrophe schon früh spüren zu lassen, auf die schlimmmstmögliche Wendung vor, auf den Tod der Kinder. Yimou durchbricht die Linearität dieser Dramaturgie durch grotesk-komische Episoden und Begleithandlungen. Der in der Haft halbverhungerte Arzt, zurück in die Klinik geholt, um der stummen Tochter bei ihrer ersten Niederkunft zu helfen, soll mit Mehlspeisen aufgepäppelt werden. Er ißt davon zuviel und ist dann, wenn es nottut, nicht mehr zur Hilfe fähig.

Die Klage um den Verlust ihrer Kinder hinterläßt tiefere Spuren bei der Heldin. Sie leidet spürbarer, hat vielleicht härter gearbeitet, zeigt mehr Vorbehalte gegen die Zumutungen des Staates als ihr Mann, sie wird (daher?) früher krank, fast gebrechlich. Gong Li ist zurückhaltend im Spiel, zwar heftig, doch nie zu breit im Ausdruck des Jammers und der Trauer. Der Held geht den Weg vom reichen, verwöhnten Sohn und leichtsinnigen Spieler zum eifrig sich anpassenden Armen, der sich kleinmacht, um nicht von der Sense der verschiedenen Revolutionen erfaßt zu werden: Ge You, mit hagerem Gesicht, als Sänger im Puppenspiel zwischendrin komödiantisch, äußert kaum verhohlen sein Entsetzen über die Ereignisse, die ihm und den Seinen widerfahren. Der Regisseur hat ihn gleichsam als fassungslosen Zuschauer in die Handlung hineingestellt, der wüste Verleumdungen, öffentliche Exekutionen, Hetz- und Hexenjagden einer rücksichtslosen Politik miterlebt.

Der Film ist engagierter oder grundsätzlicher, als er sich auf den ersten Blick gibt. Er begleitet die kleine Familie durch eine Geschichte, die sich als unendliches Trümmerfeld ausbreitet. Zweimal erzählt Ge You eine Parabel vom unaufhaltsamen Fortschritt: wie Küken sich zu Gänsen und dann schließlich zu Ochsen verwandeln - und der Endpunkt dieser wundersamen Progression sei der Kommunismus. Das erste Mal erzählt er dies, als er seinen kleinen Sohn, schon der Winzling durch öffentliche Pflichten völlig übermüdet, auf dem Rücken trägt, zu dem Ort, wo das Kind den Tod finden wird. Später erzählt er diese Fabel noch einmal - seinem Enkel, als sie gemeinsam in die Kiste, in der einst die Schattenfiguren aulbewahrt waren, kleine junge Küken hineinsetzen. Beim zweiten Mal unterbricht er die Parabel vor dem Ende. Von Ochsen ist noch die Rede, nicht mehr vom Kommunismus, der zwangsläufig danach folgen soll.
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