Platzspitzbaby - Meine Mutter, ihre Drogen und ich

Drama | Schweiz 2020 | 100 Minuten

Regie: Pierre Monnard

Mitte der 1990er-Jahre zieht eine Heranwachsende mit ihrer drogenabhängigen Mutter von Zürich aufs Land, um gemeinsam neu anzufangen. Doch die Hoffnung auf ein anderes Leben trügt, denn bald findet sich die co-abhängige Jugendliche in einem Teufelskreis aus Entzug und Absturz wieder. Das raue, ungeschönte Drama zeichnet eindringlich den Abnabelungsprozess einer Halbwüchsigen im Dunstkreis der Auflösung der offenen Zürcher Drogenszene nach. Die fiktive Handlung stützt sich dabei lose auf die Autobiografie einer Betroffenen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
PLATZSPITZBABY
Produktionsland
Schweiz
Produktionsjahr
2020
Regie
Pierre Monnard
Buch
André Küttel
Kamera
Darran Bragg
Musik
Matteo Pagamici
Schnitt
Sophie Blöchlinger
Darsteller
Sarah Spale (Sandrine) · Luna Mwezi (Mia) · Delio Malär (Franco) · Jerry Hoffmann (André) · Anouk Petri (Lola)
Länge
100 Minuten
Kinostart
18.11.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Jugendfilm | Literaturverfilmung

Zartbitteres Drama um eine Heranwachsende, die sich Mitte der 1990er-Jahre mühsam aus der Co-Abhängigkeit ihrer drogenabhängigen Mutter im Dunstkreis der offenen Züricher Szene löst.

Diskussion

Ab Mitte der 1980er-Jahre existierte in Zürich die größte offene Drogenszene Europas. Im „Platzspitz“, einem sich am Zusammenfluss von Sihl und Limmat befindenden Park unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof, tummelten sich damals bis zu 3000 Drogensüchtige und Dealer. Sie kamen nicht nur aus der Schweiz, sondern aus ganz Europa. Während die umliegenden Staaten angesichts der wachsenden Drogenproblematik zu Restriktionen griffen, setzte man in Zürich nach den Jugendunruhen von 1983 vor allem auf Tolerierung und Beobachtung.

Der Platzspitz, einer der ältesten und schönsten Parks Zürichs, verkam in diesen Jahren immer mehr zum morastig-stinkigen „Needle Park“, in dem hemmungslos Spritzen gesetzt und Drogen feilgeboten wurden. 1992 wurde der Park auf öffentlichen Druck hin überstürzt geräumt; die Szene löste sich allerdings nicht auf, sondern verlagerte sich ein paar hundert Meter flussabwärts in den kurz zuvor stillgelegten Bahnhof Letten. Es dauerte drei Jahre, bis auch das Letten-Areal geräumt wurde, diesmal aber begleitet von flankierenden Maßnahmen wie der Einführung eines Methadonprogramms sowie der konsequenten Zurückführung der Drogenabhängigen an ihre Heimat- und Wohnorte.

Allein im „Needle Park“

Das ist der Moment, in dem „Platzspitzbaby“ von Pierre Monnard einsetzt. In kurzen Sätzen werden eingangs historische Fakten und Eckdaten erwähnt. Einige flüchtige Szenen zeigen, wie die elfjährige Mia mit Walkman und Kopfhörer durch den Park irrt und ihre Mutter sucht. Es ist ein bisschen gruselig im Park; einige Junkies und Dealer stehen herum. Bevor zwei verkommene Gestalten Mia zu nahekommen und die Situation brenzlig wird, hört man Mias Vater ihren Namen rufen. Anschließend sitzt Mia im Auto, in dem es zwischen ihren Eltern zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung kommt. Das klingt heftig und sieht auch erschreckend aus, ist im Vergleich zur damaligen Wirklichkeit aber harmlos. Wie es im „Needle Park“ wirklich aussah, lässt sich im Nachlass der Fotografin Gertrud Vogler (1936-2018) gut nachrecherchieren.

„Platzspitzbaby“, im Abspann „allen Kindern gewidmet, die vergessen gingen“, ist ganz aus der Sicht von Mia erzählt. Dem Film liegt die Autobiografie von Michelle Halbheer, „Platzspitzbaby. Meine Mutter, ihre Drogen und ich“, zugrunde, die der Drehbuchautor André Küttel für den Film spürbar umgearbeitet hat. Er erzählt jetzt vom Heranwachsen und von der Abnabelung, von der elfjährigen Mia und ihrer Mutter Sandrine, die tief in der Drogensucht steckt, von Mias Vater André, der clean ist, aber einen Migrationshintergrund hat; dass die Sozialbehörden bei der Scheidung das Sorgerecht der Mutter zuschreiben, mutet befremdlich an, begründet sich aber vor allem im Wunsch des Kindes. „Meine Mutter ist süchtig, und ich bin süchtig nach ihr“, formuliert es Mia lapidar. Wobei Sandrines Sucht selbstverständlich eine andere ist als die von Mia.

Zwischen Entzug und Absturz

Als die Zürcher Drogenszene aufgelöst wird, ziehen Mia und ihre Mutter in ein Dorf im Zürcher Oberland. Sandrine hat einen Entzug hinter sich, Mia zählt am Kühlschrank mit Magnetziffern die drogenfreien Tage und sorgt dafür, dass Sandrine regelmäßig ihre Medikamente nimmt. Sie hofft, träumt und sehnt sich nach einem soliden Alltag, einem normalen Leben, einem Neuanfang; Sandrine macht Versprechungen, schenkt Mia einen Hund. Doch Drogen gibt es nicht nur in Zürich. Es dauert nur wenige Tage, bis Sandrine im Dorf einen Bekannten trifft und das Haus entdeckt, um das die Dorfbewohner einen Bogen machen, weil sich darin Menschen treffen, die ähnliche Probleme haben wie sie. Es ist kein Ort für Kinder, und doch trifft Mia, als sie ihre Mutter sucht, da ein kleines Mädchen, das verloren mit Puppen spielt.

Wieder zuhause reißt Mia die Magnetzahlen vom Kühlschrank und knallt die rote Null hin. Zurück auf Anfang heißt es nun, wie in einem Leiterspiel; es ist eine endlose Schlaufe mit Hochs und Tiefs, Entzugsversuchen und Abstürzen, in der sich Sandrine und mit ihr Mia bewegt. Doch während sich die Mutter, sofern sie nicht Drogen beschafft, meist in der Wohnung verkriecht und von der Umgebung kaum was mitbekommt, bricht Mia aus der fatalen Zweisamkeit auf und aus.

Nach den Ferien besucht sie eine neue Schule und macht in einem Musical mit. Die Kinder hänseln Mia und mokieren sich über Sandrine. Mia aber wehrt sich. Sie ist mutig, findet Anschluss. Nicht bei den reichen Kindern, sondern bei den andern, die aus eigener Erfahrung wissen, wie unerträglich schwierig es zuhause bisweilen sein kann. In der kleinen Clique, zu der sie alsbald gehört, erlebt Mia in sorgenfreien Stunden am Fluss, was der Jugend gebührt: Kameradschaft, Freundschaft, zart erwachende Zuneigung.

Doch zuhause spitzt sich die Situation zu. Mias Kraft reicht nicht, um Sandrine zu helfen. Den imaginären Freund, den Mia sich ab und zu herbeiträumt, damit er sie mit „Sloop John B“ von den „Beach Boys“ tröstet, schickt sie irgendwann ins Pfefferland. Es sind extreme und intensive Momente, die Mia mit Sandrine durchlebt. Momente übergroßer Zärtlichkeit, eruptiven Glücks und überbordender Lebensfreude, denen oft brennende Enttäuschung, bittere Trauer und hilflose Verzweiflung folgen.

Blaue Flecken brauchen keine Erklärung

Dass das glaubhaft wirkt, verdankt „Platzspitzbaby“ der realitätsnahen Inszenierung und insbesondere den Hauptdarstellerinnen Sarah Spale und Luna Mwezi. Die beiden sind im Zusammenspiel so überzeugend wie in ihrem Solospiel. Wo Spale vor allem durch eine körperlich intensive Performance überzeugt, überrascht Mwezi durch Fotogenie und Natürlichkeit. Im Vergleich mit den beiden fallen die Nebenfiguren ziemlich ab. Die vielen Kinder und Jugendlichen des Films wirken hingegen authentisch. Vor allem die verlorene Kleine aus dem Drogenhaus und die aus einer zerrütteten Familie stammende Lola (Anouk Petri), die ohne weitere Erklärungen versteht, wieso es für blaue Flecken bisweilen keine Erklärungen gibt, und zeitweise Mias beste Freundin ist, vergisst man nicht mehr so schnell.

„Platzspitzbaby“ ist ungeschönt und rau. Ein in der Schilderung der Sucht so heftiges wie in der Zeichnung menschlichen Heranreifens zartfühlendes Drama, das sich auf den Fersen seiner jungen Protagonistin zwischendurch die wohltuende Freiheit nimmt, in imaginäre Traumwelten abzutauchen. Mit Blick auf die Drogenprophylaxe hat das aufwühlende Leinwandstück außergewöhnliche Überzeugungskraft.

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