The Assistant (2019)

Drama | USA 2019 | 87 Minuten

Regie: Kitty Green

Ein Arbeitstag im Leben einer Frau, die als Assistentin einer Filmproduktion arbeitet. Zwischen den Bürotätigkeiten lässt die Inszenierung immer wieder den Sexismus aufblitzen, mit dem Frauen in der Medienbranche konfrontiert sind. Unter dem Druck eines kräftezehrenden Arbeitstages beginnt die Protagonistin die Mechanismen des frauenfeindlichen Arbeitssystems zu verstehen. Das Drama macht visuell präzise und konzentriert Missbrauchsstrukturen sichtbar, ohne auf einen Einzeltäter zu rekurrieren oder einen direkten Übergriff zu zeigen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE ASSISTANT
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Kitty Green
Buch
Kitty Green
Kamera
Michael Latham
Musik
Tamara Coletta Brown
Schnitt
Kitty Green · Blair McClendon
Darsteller
Julia Garner (Jane) · Matthew MacFadyen (Wilcock) · Kristine Froseth (Sienna) · Makenzie Leigh (Ruby) · Patrick Breen (Roy)
Länge
87 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Ascot Elite
Verleih Blu-ray
Ascot Elite
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Während eines langen, kräftezehrenden Arbeitstages beginnt eine Assistentin einer Filmproduktionsgesellschaft die missbräuchlichen Strukturen in der Medienbranche zu durchschauen.

Diskussion

Es ist noch Nacht, als Jane (Julia Garner) in das Auto steigt, das sie zur Arbeit bringt. Einige Stunden später, als die ersten Mitarbeiter im Büro auftauchen, scheint es noch immer nicht richtig hell zu sein. Im Büro der Filmproduktion bricht der Tag nie wirklich an. Zwischen den bunten Frühstücksflocken, von denen Jane kaum zwei Löffel schafft, bevor sie zurück an den Schreibtisch muss, und dem alten Muffin, den sie am Ende des Tages aus der Plastikfolie schält, liegen endlose Stunden im fahlen Licht der Leuchtstoffröhren, durch das die Silhouetten der Angestellten geistern.

Eine Landschaft bedrückenden Schweigens

Das Büro ist eine Landschaft des bedrückenden Schweigens. Nur zwei private Sätze werden an diesem Arbeitstag getauscht, der die gesamte Länge des Films absteckt. Dann geht es zurück an die Arbeit: Termine bestätigen, Drehbücher zusammenheften und nebenbei als Kindermädchen einspringen. Dabei muss jeder Handgriff sitzen, jede Anfrage korrekt formuliert sein; alles muss mit dem richtigen, angebrachten Tonfall bedient werden. Die Solidarität der männlichen Assistenten reicht dabei nicht über das Diktieren von Entschuldigungs-E-Mails hinaus. Lieber reden sie kollegial daher, bevor sie den Anruf der Ehefrau des Chefs an Jane weiterleiten. Hier trifft die Assistentin das erste Mal nicht den perfekten Ton. Wenig später ruft der Chef höchstpersönlich an.

Das Telefon filtert die Flüche, Drohungen und Herabwürdigungen, die Jane über sich ergehen lässt. Der Filmmogul selbst bleibt unsichtbar. Die Inszenierung von Kitty Green streut seine Spuren über den Alltag der Assistentin: Porträts von jungen Schauspielerinnen, die der Drucker ausspuckt; das goldene Armband, das unter der Couch liegt; die Blutverdünnungspillen und Spritzen, die Jane mit medizinischen Abfalltüten einsammelt, und der riesige Bürostuhl, der als bedrohliche Präsenz immer wieder in den Bildausschnitt hineinragt.

Misogynie als System

Der Sexismus hat hier kein Antlitz: „The Assistant“ braucht kein Abbild eines grausamen Filmmoguls, keine widerliche Tat, keine Erzählung eines Nachspiels, nicht einmal eine Täter-Opfer-Dynamik. Green arbeitet sich mit großer visueller Konzentration zum Kern des repressiven Systems vor. Es gibt nicht den einen Täter, keine homogene Gruppe finsterer Typen. Misogynie ist hier keine geheime Weltverschwörung von Proleten in weißen Unterhemden, die sich auf ein Bier treffen, nachdem sie ihre Frauen geschlagen haben. Ein ganz normaler Arbeitstag führt das Thema der Frauenverachtung weg von den Einzeltätern, um die sich das mediale Echo und auch der aufgeladene Teil des öffentlichen Diskurses in Zuge der #MeToo-Debatte rankt, hin zu einem tief in die Arbeits- und Gesellschaftsstrukturen eingesickerten System.

Unter der Last dieses normalen Arbeitstags beginnt Jane die Macht- und Missbrauchsstrukturen zu verstehen, die hinter ihrem Arbeitspensum, den kumpelhaften Kollegen, den gesichtslosen Silhouetten und der geisterhaft-bedrohlichen Präsenz des Chefs verborgen liegen. Die Einsicht blitzt auf, als Jane beobachtet, wie eine sehr junge, sehr hübsche, sehr unerfahrene Kollegin nicht nur einen Assistentenjob angeboten bekommt, sondern auch noch ein Hotelzimmer, dass der Chef kurz darauf persönlich besucht.

Mit dem begründeten Verdacht versucht Jane auf dem „Dienstweg“ eine Beschwerde einzureichen. Das Gespräch mit dem zuständigen Mitarbeiter offenbart aber schnell, dass sein Job keine Hilfe gegen den Machtmissbrauch bietet, sondern Teil des Apparats ist. Der Mann schreibt ihre Beschwerde auf, telefoniert zwischendurch mit einem Kollegen, liest die Beschwerde noch einmal vor und zerreißt daraufhin den Zettel, auf dem sie notiert ist. „Wollen sie weiter hier arbeiten?“, ist seine letzte Frage, bevor er eine große Packung Kleenex in Janes Richtung schiebt. Diskussion beendet. Zurück zum Schweigen, zurück an die Arbeit.

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