Drama | Großbritannien 2019 | 480 Minuten

Regie: James Kent

Nach einem schweren nervlichen Zusammenbruch des designierten Nachfolgers eines britischen Medienmoguls streitet sich die einflussreiche Familie, wie es mit dem Patienten, aber auch mit dem Unternehmen weitergehen soll. Ein Verschwörungsszenario um Politik und Medien dient dabei allerdings eher als Hintergrund für die Konfrontation von Geld, Einfluss und Leistung mit verletzlichen Seelen. Die prominent besetzte Serie treibt die Gegenüberstellung auf die Spitze, um von der Deformation zwischenmenschlicher Beziehungen unter dem Druck repressiver Systeme zu erzählen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MOTHERFATHERSON
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2019
Regie
James Kent · Charles Sturridge
Buch
Tom Rob Smith
Kamera
James Friend · David Luther · Tim Palmer
Musik
Rob Lane · Will Rice
Schnitt
Steven Worsley · Philip Kloss · Beverley Mills · Helen Chapman
Darsteller
Helen McCrory (Kathryn Villiers) · Richard Gere (Max Finch) · Billy Howle (Caden Finch) · Paul Ready (Nick Caplan) · Sinéad Cusack (Maggie Barns)
Länge
480 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Serie | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Polyband
Verleih Blu-ray
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Melodramatische Serie um eine einflussreiche britische Familie aus der Medienbranche.

Diskussion

Der Medienmogul Max Finch (Richard Gere) ist in Großbritannien eine Art graue Eminenz; jemand, der von allen hofiert wird, und der sich mit dem Premierminister zu Tee und Shortbread trifft. Max’ Vater war ein erfolgreicher US-Stahlunternehmer; er selbst hat zwar die Branche und das Land gewechselt, doch vom weißmelierten Schopf bis zu den polierten Schuhen hat er die Härte und Unnachgiebigkeit jenes Stoffes, der seinem Vater zu Reichtum verhalf, internalisiert und zum Lebensprinzip gemacht. Sein erwachsener Sohn Caden (Billy Howle) soll der Erbe seines Imperiums werden; die Leitung einer von Finchs Zeitungen hat Caden bereits übernommen.

Doch Caden taugt nicht zum Leader. Die Stahlhärte, die Max an den Tag legt, und die er auch Caden abverlangt, überfordert den jungen Mann. Schon in der ersten Folge der von Tom Rob Smith geschriebenen Serie führt das zu einem gravierenden Zusammenbruch. Caden überlebt, muss danach aber wie ein Schlaganfall-Patient die grundlegendsten Fähigkeiten wie Gehen und Sprechen neu lernen. Das ruft seine Mutter Kathryn (Helen McCrory) auf den Plan, von der sich Max scheiden ließ, als Caden noch ein Kind war. Sie hat jahrelang entfremdet von der Familie ihr eigenes Leben gelebt, ist nun aber zur Stelle, um ihrem Sohn zur Seite zu stehen.

Familienzwiste & die Strategien der Macht

Zwischen ihr, Caden und Max entwickelt sich ein spannungsvolles Ringen um die Frage, wie es nun weitergeht, da Caden den seit Kindertagen vorgesehenen Weg in den Fußstapfen seines Vaters nicht fortsetzen kann. Max, der mit Cadens Scheitern nicht umgehen kann, sieht für den Sohn zwar keinen Platz mehr in dem Medienunternehmen, kann ihn aber auch nicht einfach so loswerden. Denn Caden weiß Dinge über Max und dessen Verstrickungen in die Zirkel der Macht, die auf keinen Fall bekannt werden dürfen.

Von Anfang an entfalten sich parallel zur Familiengeschichte Andeutungen eines Verschwörungsszenarios. Darin geht es um Entführung, Mord und zwei engagierte Journalisten, die einer in höchste Kreise reichenden Intrige auf der Spur sind. Außerdem geht es um politische Winkelzüge; bei den bevorstehenden Wahlen in Großbritannien will Max dem amtierenden Staatsoberhaupt die Unterstützung entziehen und stattdessen eine Gegenkandidatin fördern, die sich populistisch die schwelende Unzufriedenheit im Land zu Nutze macht.

Dieser Politthriller-Aspekt gerät allerdings etwas konfus und entfaltet keinen aktuellen Biss, noch trägt er viel zur Spannungsdramaturgie bei, schon weil sich die Serie nicht genügend Zeit nimmt, ihn zu vertiefen. Abgesehen von kleinen Zeitgeist-Referenzen wie der Figur der populistischen Aufsteigerin scheint sich „MotherFatherSon“ mehr an Klassikern à la „Citizen Kane“ zu orientieren als an gegenwärtigen Konflikten rund um Meinungsmacht und -Manipulation.

Menschlicher Makel hinter Glas-Stahl-Fassaden

Reizvoll ist die Serie dagegen als altmodisch anmutendes Familienmelodram, in dem mit dem „Larger than Life“-Furor des klassischen Hollywood-Kinos Geschlechter, Generationen und Gegensätze aufeinanderprallen. Schon in seinem Roman „Kind 44“ und in der fiebrigen Miniserie „London Spy“ nutzte Tom Rob Smith politische Hintergründe – in „Kind 44“ das stalinistische Sowjet-Regime, in „London Spy“ die Umtriebe der Geheimdienste – dazu, um über die Deformation zwischenmenschlicher Beziehungen unter dem Druck kalt-unmenschlicher Systeme zu erzählen und von der rebellischen Kraft der Emotionen, die sich nie ganz kontrollieren und deckeln lassen. In „MotherFatherSon“ treibt Smith das auf die Spitze, was die Inszenierung genüsslich aufgreift und die kalten Glas-Stahl-Oberflächen einer auf Leistung, Geld und Einfluss fixierten Welt dem verletzlichen menschlichen Inneren gegenüber stellt – mitunter wortwörtlich, wenn etwa bei einer Operation Cadens Schädeldecke geöffnet und das Hirn freigelegt wird.

Das Verschwörungsszenario um Politik und Medien liefert quasi nur das Material für den Eispanzer, der die von Richard Gere gespielte Figur des alternden, um Kontrolle ringenden Patriarchen umgibt und an dem sich Helen McGrory mit der Grandezza einer Bette Davis und Billy Howle mit der Leidensfähigkeit eines Montgomery Clift brechen. Dass das Ganze funktioniert, ist nicht zuletzt den Schauspielern zu verdanken, die das darstellerische Vermögen besitzen, um alle vom Drehbuch ersonnenen Extreme auszufüllen. Je intensiver sich die Serie auf die Konfrontationen der Protagonisten konzentriert, desto mehr läuft sie zu großer Form auf.

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