The Staggering Girl

Drama | Italien 2019 | 37 Minuten

Regie: Luca Guadagnino

Eine Schriftstellerin aus New York verzweifelt an ihren Memoiren, bis sie von den aufgeschnappten Satzfetzen einer Unbekannten inspiriert wird. Eine Reise zu ihrer alternden Mutter nach Rom legt weitere Erinnerungen an die Kindheit frei. Ein kunstwilliger, aber recht unausgegorener Kurzfilm, der in enger Zusammenarbeit mit dem Modehaus Valentino entstand. Plot und Figuren bleiben skizzenhaft, sodass sich nur die reklamehafte Oberflächen-Schönheit vermittelt, der sich der Film ohne analytisches Gespür ausliefert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE STAGGERING GIRL
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2019
Regie
Luca Guadagnino
Buch
Michael Mitnick
Kamera
Sayombhu Mukdeeprom
Musik
Ryuichi Sakamoto
Schnitt
Walter Fasano
Darsteller
Julianne Moore (Francesca) · Mia Goth (Sofia (jung)) · Marthe Keller (Sofia (alt)) · Kyle MacLachlan (Matteo/Bruno/Angelo) · Alba Rohrwacher (Vera)
Länge
37 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama

Werbung oder Kunst? Der italienische Regisseur Luca Guadagnino & das Modehaus Valentino präsentieren ein 37-minütiges Filmdrama, in dem neben Stars wie Julianne Moore, Mia Goth und Kyle MacLachlan die Stoff-Kreationen des Labels die Hauptrolle spielen.

Diskussion

Die Beziehung zwischen Kino und Werbung war nie einfach. Ein ewiges Mit- und Gegeneinander, irgendwo zwischen wechselseitiger Inspiration und ästhetischem Wettrüsten. Kein Regisseur ist für seine Werbespots bekannt, aber viele berühmte Filmemacher haben welche gedreht. Die Branche ist eine verlockende Einkommensquelle für persönliche Projekte oder den Lebensunterhalt; berühmte Filmemacher wie David Fincher, Ridley und Tony Scott oder Michael Bay haben dort ihr Handwerkszeug erlernt.

Die Aufmerksamkeitsmaschinerie verzehrt sich nach den Provokationen der Avantgarde und dem Prestige der Etablierten. Doch kaum ein „richtiger“ Regisseur will als Teil dieser Branche verstanden werden. Schon gar nicht in der Ära des „Branded Content“, wo selbst Werbung keine Werbung, und Werber keine Werber mehr sein wollen. Daher ist es kein Zufall, dass Luca Guadagnino in Interviews behauptet, „The Staggering Girl“ wäre kein Werbefilm, sondern lediglich ein Kunstfilm „basierend auf der Haute Couture von Valentino“. Eine offenkundige, aber interessante Lüge.

„The Staggering Girl“ ist eine seltsame Schöpfung, für einen Kurzfilm sehr lang und für einen mittellangen Film zu kurz. Die meisten Werbespots feiern ihre Premiere nicht in der Sektion „Un Certain Regard“ bei den Filmfestspielen von Cannes. Selbst dann nicht, wenn sie Schauspielgrößen wie Julianne Moore, Mia Goth, Kyle MacLachlan und Musik des japanischen Komponisten Ryūichi Sakamoto vorweisen können. Sie werden normalerweise auch nicht von Arthouse-Streamingdiensten wie Mubi vertrieben. Dieser dann aber doch! Andererseits werden „Kunstfilme“ selten vollständig von Modeunternehmen finanziert – selbst wenn einige heutzutage so aussehen.

Auf den Spuren von Woody Allen

Man könnte anreißen, was erzählt wird: Francesca, gespielt von Julianne Moore, arbeitet in New York erfolglos an ihren Memoiren. Die Stadt ist grau, ihre Marlene-Hose schwarz, die Wohnung spartanisch eingerichtet. Sie vernimmt eine fremde Stimme aus einer anliegenden Wohnung. Eine unbekannte Frau (Kiki Layne) beschreibt Liebe und Begehren, dann verschwindet die mysteriöse Erscheinung in Senfgelb durch den Flur. Francesca reist nach Rom, um ihre alternde Mutter Sofia zu besuchen und sie vielleicht zum Umzug in ein Altersheim zu bewegen. Die betagte Malerin verliert langsam ihr Augenlicht. Das Haus ihrer Kindheit legt lange verschüttete Erinnerungen frei, genau wie Gemälde und Sätze ihrer Mutter. Einst verband beide eine tiefe Freundschaft, jetzt scheint etwas zwischen ihnen zu stehen.

Schon Woody Allens Drama „Eine andere Frau“ erzählte von einer Autorin, die durch einen Lüftungsschacht fremde Gespräche aus dem benachbarten Appartement belauscht und dadurch ihr enges, kleines Leben in Frage stellt. Auf Allen verweist Guadagnino auch mit dem Vorspann, der exakt übernommen wurde. Dessen Grundprämisse vermengt Guadagnino mit den Formen und Konzepten seiner bisherigen Karriere. Man spürt die Stimme des „Suspiria“-Remakes, auch die von „I Am Love“, nie jedoch die Wärme und Intimität von „Call Me by Your Name“. Es ist ein Experiment mit zwei Elementen, die partout nicht miteinander reagieren wollen.

Lebende tragen die Gewänder der Toten

Aber all das ist ohnehin eher unerheblich. Die Geschichte ist ein Vorwand, bestenfalls ein vager Bezugspunkt, die Figuren nie mehr als Kleiderständer. Wo sich der Plot geheimnisvoll gibt und Traum, Erinnerung und Wirklichkeit ineinanderschiebt, geben die Bilder alles preis. Die farbarme Gegenwart weckt die Sehnsucht nach prächtiger Fantasie und nostalgiegetönter Vergangenheit. Schönheit dringt von außen nach innen. Lebende tragen die Gewänder der Toten; im Vergleich zu den kraftvollen Outfits wirken alle Darsteller wie verblassende Geister.

Selbst in Peter Stricklands Haute-Couture-Horror „In Fabric“ (2018), der unter anderem ein menschenfressendes Kleid zeigt, werden weniger Menschen von dem Stoff an ihrem Körper verschlungen. Wieso Stars, zumal diese, wenn ihre Präsenz, ihr Schauspiel, ihre Eigenheiten gar nicht gewollt sind? Wenn sie sich widerstandslos fügen und unterordnen sollen? Nur für den Namen! Vielleicht noch, um den Triumph der präzise genähten Fetischobjekte über den Menschen absoluter zu gestalten. Immerhin werden hier nicht namenlose Models, sondern überlebensgroße Bewohner des roten Teppichs bezwungen.

Ein Filmemacher voll kalter Eleganz

Und was will die Werbung vom Regisseur? Als Sony die Spielkonsole Playstation 2 bewarb, wollten sie von David Lynch dafür die Vision einer fremdartigen, nie dagewesenen Dimension: „The Third Place“, wie die Kampagne versprach. Die schwedischer Versicherungsgesellschaft Tygg-Hansa engagierte Roy Andersson wegen seines einzigartigen Blicks auf die Welt. Wo Menschen jederzeit für ihre schiere Existenz bestraft werden können, schadet die richtige Police sicher nicht.

Luca Guadagnino ist ein Filmemacher von kalter Eleganz, ein distanzierter Beobachter. Ein Formalist mit Tendenz zum starken Konzept, der den Subtext von vertrautem Material zu seinem neuen Kern macht.

Darum aber wird es dem Modedesigner Pierpaolo Piccioli und den Menschen von Valentino kaum gegangen sein. Eher um das hohle Herz, das Guadagninos Stil oft mit sich bringt. Dieses Gefühl von Leere, die unbedingt gefüllt werden muss. In seinen Spielfilmen steht eine große, allumfassende Sehnsucht immer im Raum. Sie bleibt, fast zwangsläufig, schmerzlich unerfüllt. Sie lockt die Tränen am Ende von „Call Me by Your Name“ hervor. „The Staggering Girl“ füllt sie mit bunten Stoffen an Frauen, die im Abendlicht tanzen. Die Liebe siegt, aber die zu den Objekten. Kauft das richtige Kleid, sagen sie, dann kann Mama ruhig blind werden und der kalte Alltag deine Seele fressen. Schneidere dir aus Erinnerungsfetzen einen Stoffpanzer gegen die dahinrasende Zeit.

Das Unangenehme an „Branded Content“ ist letztlich nicht, dass er Werbung als etwas anderes verkleidet. Sondern dass er Grenzen verwischt. So wie Influencer werben, ohne Werbende zu sein, und das Produkt ein ebenso beiläufiges wie zentrales Element eines rauschhaft schönen Lebens.

Doch Guadagnino fehlt der vulgäre Marktschreier-Impuls, und so umgarnt und verführt „The Staggering Girl“ nur sehr verhalten. Die Musik, die Bilder, die Haute Couture – wirkungslos. In einem Gespräch über Francescas Studenten – scheinbar lehrt sie an einer Universität – erklärt ihre Mutter: „Du musst ihre Aufmerksamkeit erregen, ansonsten bist du es, die versagt hat.“ Hier gesteht sich der Werbefilm sein eigenes Scheitern ein. Wieso ihn nicht in die Standbilder zerlegen, die er ohnehin immer sucht? Man könnte diese Standbilder ja einfach auch ausdrucken und binden lassen, das Ganze in ein Regal stellen und „Katalog“ dazu sagen. Dazu ist kein Film nötig.

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