Drama | Deutschland 2020 | 417 (acht Folgen) Minuten

Regie: Marvin Kren

Im Jahr 1886 experimentiert der noch unbekannte Wiener Arzt Sigmund Freud mit neuartigen Behandlungsmethoden, die ihm in der k.u.k.-Gesellschaft aber keine Freunde machen. Als sich eine blutrünstige Mordserie ereignet, begibt sich Freud mit einem Medium und einem Polizisten auf Verbrecherjagd. Stimmig-opulent, mitunter aber auch äußerst drastisch inszenierte achtteilige Serie, die stark fiktionalisiert die Entwicklung des berühmten Psychoanalytikers mit einem referenzreichen Krimiplot verzahnt. Der Mythos um Freud wird damit erfrischend hinterfragt und zugleich erneut befeuert.

Filmdaten

Originaltitel
FREUD
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Marvin Kren
Buch
Stefan Brunner · Benjamin Hessler · Marvin Kren
Kamera
Markus Nestroy
Musik
Stefan Will · Marco Dreckkötter
Schnitt
Bettina Mazakarini · Jan Hille · Christoph Loidl · Olivia Retzer
Darsteller
Robert Finster (Sigmund Freud) · Ella Rumpf (Fleur Salomé) · Georg Friedrich (Alfred Kiss) · Christoph F. Krutzler (Franz Poschacher) · Brigitte Kren (Lenore)
Länge
417 (acht Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 18; f (Ep. 5), ab 16; f (Ep. 1-4), ab 12; f (Ep. 6-8)
Genre
Drama | Krimi | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Pandastorm
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Eine ebenso blutige wie opulent in Szene gesetzte Krimiserie um den jungen Sigmund Freud auf Verbrecherjagd im Wien des späten 19. Jahrhunderts.

Diskussion

„Was weiß der Mensch eigentlich von sich selbst? Verschweigt die Natur ihm nicht das Allermeiste, um ihn in ein stolzes gauklerisches Bewusstsein zu bannen und einzuschließen! Sie warf den Schlüssel weg und wehe der verhängnisvollen Neubegier, die durch eine Spalte einmal aus dem Bewusstseinszimmer heraus und hinab zu sehen vermöchte.“

Worüber Friedrich Nietzsche bereits 1873 sinnierte, davon möchte auch der junge Nervenarzt Sigmund Freud im Wien des Jahres 1886 deutlich mehr erfahren. In der ausgesprochen düsteren Krimiserie von Marvin Kren ist die titelgebende Hauptfigur noch meilenweit vom internationalen Ruhm entfernt. Als progressiver junger Arzt, der auf neuartige Methodik wie Trance und Hypnose setzt, um dem „Seelenheil“ seiner Patienten näherzukommen, erntet er in der Wiener k.u.k.-Gesellschaft allerdings nur Spott und Hohn.

Kokainsüchtiger Frauenheld, rastloser Zeitgenosse

Publiziert hat der später weltberühmte „Vater der Psychoanalyse“ zu dieser Zeit noch keine Zeile, und vor dem Jahr 1900 wird er weder in Adels- noch in Fachkreisen wirklich reüssieren. Als kokainsüchtiger Frauenheld und notorisch unruhiger Zeitgenosse, der nicht immer weiß, wie er seine nächste Miete zahlen soll, zeichnet ihn die packende Inszenierung von Beginn an als rastlos Suchenden. Auf diese Weise ist Freuds eigener (Serien-)Charakter psychoanalytisch schwer zu greifen, was den acht Episoden bis zum selbstironischen Serienfinale („Der Nächste, bitte!“) einen zusätzlichen Reiz verschafft.

Die Handlung setzt damit ein, dass der verheiratete Jude und habilitierte Jungmediziner (dem Robert Finster eine durchwegs faszinierende Ruhelosigkeit verleiht), angestachelt von bahnbrechenden Hysterie- und Hirnstudien des französischen Arztes Jean-Marie Charcot, dem Wiener Establishment die neuesten Erkenntnisse der Psychoanalyse näherbringen will. Vielfach wirbt er in der städtischen Oberschicht für Hypnose und Trance als legitime Mittel für Therapie und (Selbst-)Heilung, ehe eine blutige Mordserie die multiethnische Donaumetropole erschüttert, was „Freud“ bereits nach wenigen Serienminuten in einen packenden Thrillerkosmos katapultiert.

„Ich wollte ihm huldigen und ihn gleichzeitig von seinem Thron stoßen, um ihn zu einem nahbaren Menschen zu machen“, hat Regisseur Marvin Kren erklärt. Aus diesem Grund schert sich Kren, der zusammen mit Stefan Brunner und Benjamin Hessler das Drehbuch verfasst hat, von vornherein nicht um die Konventionen des biografischen Genres oder allzu viel Realhistorie, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass zum Leben und der Genese des jungen Doktor Freud tatsächlich wenig bekannt ist.

Eine Wiener Variante von „Babylon Berlin“

In „Freud“ dreht sich thematisch dementsprechend viel um Verborgenes und Verdrängtes wie auch um Verschwörungen. Die erzählerischen Linien mäandern lustvoll zwischen der Pionierphase der Psychoanalyse, ungesühnten Kriegsverbrechen innerhalb der k.u.k.-Armee sowie okkulten Séance-Ritualen und politischen Staatsstreichgedanken des unterdrückten ungarischen Adels. Das macht die visuell eindrucksvolle Serie im Mittelteil auch zu einer Wiener Variante von Babylon Berlin, wenngleich hier der Mystery- und Horroranteil deutlich höher ausfällt als im deutschen Serien-Pendant.

Naturgemäß spielen in Freuds Gedankenkosmos sexuelle Obsessionen, verdrängte Wünsche und (un-)deutbare (Alb-)Träume eine zentrale Bedeutung, was in der Serie auf visueller Ebene einen wagemutigen Genre-Mix erzeugt. Drastische Schockmomente und blutige Ekelszenen, die reichlich vorhanden sind, werden allerdings nie zum Selbstzweck inszeniert, sondern dramaturgisch klug eingebunden, um eine geradezu tranceartige Atmosphäre zu erzeugen, die gerade in den Krimi-Anteilen der Serie hervorragend zur Schau getragen wird.

So gleichen etwa die „modernen Behandlungsmethoden“ in den Wiener Heilanstalten vor 1900 durchaus gängigen Szenarien des „Body Horror“-Kinos der späten 1980er-Jahre, wie sich überhaupt die Bildgestaltung von Markus Nestroy mehrfach vor Klassikern des Thriller-, Giallo- und Gruselgenres verneigt: Von Das Schweigen der Lämmer und Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens, über Sieben und Melancholia bis hin zu Dario Argentos Suspiria reichen die Referenzen, ohne dass ein eigener Kamerastil aufgegeben würde. Gängige Sehgewohnheiten werden vor allem in den letzten drei Episoden herausgefordert, was „Freud“ auch auf narrativer Ebene sehenswert macht.

Frischzellenkur für einen Mythos

Auch dank der pompösen Ausstattung und einem glänzend besetzten Figurenarsenal, aus dem Georg Friedrich als kriegstraumatisierter Polizist Alfred Kiss besonders heraussticht, ist dem genreaffinen Wiener Filmemacher Marvin Kren (4 Blocks, Blutgletscher) eine herausragende Serie gelungen. Mit ihrer gleichfalls morbiden wie abgründigen Stimmung und ihrem wagemutigen Look verpasst die Serie einerseits dem „Mythos Freud“ eine künstlerisch ansprechende Frischzellenkur. Andererseits überzeugt „Freud“ aber auch als Panoptikum der verruchten Spätphase der k.u.k.-Monarchie auf dem Weg in die Moderne. Die „neben Marx unakzeptierteste, unrespektabelste Berühmtheit des 20. Jahrhunderts“ (Ludwig Marcuse) hat Kren mit dieser eigenwilligen Serienvision auf spannende Weise aus dem kulturellen Gedächtnis wieder nach vorne geholt, um gleichzeitig den Mythos um seine auratische Persona neu zu befeuern.

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