Drama | Serbien/Frankreich/Deutschland/Kroatien/Slowenien/Bosnien-Herzegowina 2019 | 119 Minuten

Regie: Srdan Golubović

Um seine vom Jugendamt verwahrten Kinder wiedersehen zu können, begibt sich ein Familienvater aus der serbischen Provinz auf den Weg in die 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Belgrad, wo er sich beim zuständigen Minister beschweren will. Der bildsprachlich faszinierende Film handelt von einer Wanderschaft, die die Zwischentöne der ehemals jugoslawischen Gesellschaft zwischen Transformation und Stagnation mit poetischer Härte beschreibt und damit an die besten Traditionen der „Schwarzen Welle“ aus den 1960er-Jahren anknüpft. - Sehenswert ab 14.
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Filmdaten

Originaltitel
OTAC
Produktionsland
Serbien/Frankreich/Deutschland/Kroatien/Slowenien/Bosnien-Herzegowina
Produktionsjahr
2019
Produktionsfirma
Film House Baš Čelik/ASAP Films/Neue Mediopolis Filmproduktion/Propeler Film/Vertigo/SCCA/Pro. Ba
Regie
Srdan Golubović
Buch
Srdan Golubović · Ognjen Svilicić
Kamera
Aleksandar Ilić
Schnitt
Petar Markovic
Darsteller
Goran Bogdan (Nikola) · Boris Isaković (Vasiljević) · Nada Šargin (Biljana) · Milica Janevski (Službenica) · Muharem Hamzić (Miloš)
Länge
119 Minuten
Kinostart
02.12.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama
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Bildmächtiges Drama um einen Vater, der 300 Kilometer durch Serbien wandert, um seine vom Jugendamt verwahrten Kinder zurückzufordern.

Diskussion

Nikola gehört zu den vielen Verlierern, die nach den Zerfallskriegen im ehemaligen Jugoslawien aus dem Job gespült wurden. Seit zwei Jahren wartet er darauf, seine letzten Gehälter zu bekommen; seine Familie ernährt er seither vom dünnen Einkommen als Gelegenheitsarbeiter. Nikolas Frau hat hingegen die Nase voll. Sie will ein Fanal setzen, zündet sich an und überlebt schwerverletzt.

Das Jugendamt gibt die beiden Kinder in eine Pflegefamilie. Um sie wieder sehen zu können, muss der Vater sein Haus renovieren, Strom und Wasser anschließen. Doch der korrupte Leiter des Jugendamtes bleibt hart. Er treibt ein übles Spiel mit dem mittellosen Tagelöhner, der bis dahin noch nie mit dem Staat in Konflikt geraten ist. Offenbar hat er einen Deal mit ihm abgeschlossen; die eine Hälfte des staatlichen Pflegesatzes geht an ihn, den anderen erhält die Pflegefamilie. Nikola beschließt, zu Fuß nach Belgrad zu gehen, um sich beim zuständigen Minister zu beschweren. Mit stoischer Entschlossenheit macht er sich auf den Weg. Die da oben sollen merken, dass es ihm ernst ist.

Weder nur gut noch nur böse

Auf seinem Weg durch die serbische Provinz durchquert Nikola vom wirtschaftlichen Niedergang versehrte Landschaften. Fabrikruinen, eine verlassene Tankstelle, notdürftig geflickte Straßen. Das Arbeiterdenkmal in seinem Heimatort im Südwesten Serbiens, ein Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche, verschwindet inmitten notdürftig zusammengezimmerter Marktstände. In einem aufgelassenen Kulturhaus, wo früher die werktätigen Massen mit sozialistischer Kultur, regimekritischen Untertönen und später mit nationalistischer Propaganda bespielt wurden, versuchen zwei Obdachlose, ihm im Schlaf seine wenigen Habseligkeiten zu rauben.

Jeder, der ihm auf seiner Wanderschaft begegnet, handelt mit unterdrückten Emotionen. Niemand ist dabei nur böse, niemand nur gut. Die beiden Polizisten, die ihn wegen Verkehrsgefährdung auf der Autobahn verhaften wollen, fahren ihn dann doch zur nächsten Ausfahrt. Ein Schlepper, der eine Handvoll Geflüchteter im Lieferwagen transportiert, erklärt ihn für verrückt. Ein Lkw-Fahrer weiß den besten Weg zu Gott. Auf einer Tankstelle darf er im Putzmittelraum übernachten, während draußen ein paar betrunkene Kids aus reichem Haus den Tankwart demütigen.

Wo Nikola nicht eins wird mit den Menschen in seinem Land, das nicht nur wirtschaftlich, sondern auch mental zerrüttet erscheint, tröstet die Natur. Er verschmilzt auf seiner Wanderung zunehmend mit den spätherbstlich graubraunen Feldern. Bei der Überquerung des Berges Avala trotzt er einem Rudel Wölfe und findet in einem herrenlosen Hund einen Freund. Doch am nächsten Morgen ist das Tier tot.

Ein Opfergang, halb Protest, halb Unterwerfung

„Vater“ nimmt nach einer authentischen Geschichte das Motiv des christlichen Opfergangs auf. Nikola will, dass sich der Minister seines Falles annimmt. Es ist eine Mischung aus Protest und Zu-Kreuze-kriechen; schließlich lebt er in einer Gesellschaft, die von der ottomanischen Fremdherrschaft über die jugoslawische Königsdiktatur und den Titoismus bis zum Milošević-Regime autoritär und patriarchal regiert wurde. Entsprechend blüht die Zwischenmenschlichkeit eher im Innern, verschämt und oft auch feige, aber sie blüht: bei der Beisitzerin, die die Entscheidungen ihres Chefs abnickt, aber Nikola heimlich hilft. Auf der Tankstelle, wo er seine nächtliche Unterkunft verlassen muss, bevor der Besitzer am nächsten Morgen kommt.

Da aber ist Nikola schon zum Medienstar geworden. Nach dem Fernsehinterview mit einem Boulevardsender empfängt ihn sogar der stellvertretende Minister. Handshake, ein Glas Saft, ein gemeinsames Foto für Twitter. Es ist ein Pyrrhus-Sieg, denn als Nikola mit einem Empfehlungsschreiben wieder nach Hause kommt, dass er seine Kinder wieder erhalten soll, bleibt das Jugendamt stoisch; die in der Hauptstadt sollen ja nicht denken, dass sie alles bestimmen können. Die Nachbarn haben in der Zwischenzeit die Möbel aus Nikolas Haus geräumt. Es wohnte ja keiner mehr drin.

Seit seinem Debütfilm „Absolute Hundred“ (2001) sind die Filme von Srdan Golubović immer persönlicher geworden. Die anfänglich eingestreuten Mafia- und Kriegsverbrecher-Motive sind einer poetischen Härte gewichen, die an die besten Zeiten des jugoslawisch-serbischen Kinos erinnert, an die „Schwarze Welle“ in den 1960er-Jahren. Eine filmische Tradition, die mit dem staatlich verordneten Kollektivismus brach und die stoische Überlebensphilosophie des Einzelkämpfers konterkarierte. Mit einer Leidenschaft, an der die Protagonisten oft scheiterten, bestenfalls aber ein offenes Ende finden. Wie Nikola, der ein halbes Jahrhundert später seinem eigenen moralischen Kompass hinterherläuft.

Wirkliche Gerechtigkeit gibt es nicht

Immerhin bekommt er am Ende seine Einrichtung wieder. Dazwischen liegt ein bildsprachlich faszinierender Film, der den Weg zum Ziel erklärt, ohne die falsche Illusion einer reinigenden Selbsterkenntnis zu vermitteln. Denn dafür lebt Golubovićs mutiger Antiheld am falschen Ort: Wirkliche Gerechtigkeit gibt es hier nicht einmal für die, die sie suchen. Dafür aber präsentiert „Vater“ jede Menge Zwischentöne und die Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die stoische Miene zu bösem Spiel macht, um die leise Hoffnung zu bewahren, die zwischen Gottvertrauen und Nepotismus noch übriggeblieben ist.

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