Der Brief für den König

Abenteuer | Niederlande 2020 | Minuten

Regie: Alex Holmes

Ein Jugendlicher, der bald zum Ritter geschlagen werden soll, übernimmt eine heikle Mission: Er soll einen geheimen, hochbrisanten Brief an den König übermitteln, von dem das Schicksal des gesamten Reichs abhängt. Es gibt finstere Kräfte, die das mit aller Macht verhindern wollen, doch er findet auch Freunde und Unterstützer. Eine Serienverfilmung von Tonke Dragts gleichnamigem Jugendromanklassiker (1962), ebenso vielschichtig wie vielfältig zeichnet. Mit den Versatzstücken des Fantasy-Genres erzählt die Miniserie eine Coming-of-Age-Geschichte über die Suche nach Anerkennung und die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und adaptiert die Erzählmuster „erwachsener‟ Fantasyserien adäquat für ein jugendliches Publikum. - Sehenswert ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
THE LETTER FOR THE KING
Produktionsland
Niederlande
Produktionsjahr
2020
Regie
Alex Holmes · Charles Martin · Felix Thompson
Buch
William Davies
Kamera
Petra Petra Korner · Larry Smith
Musik
Brandon Campbell
Schnitt
Oral Norrie Ottey · Jesse Parker
Darsteller
Amir Wilson (Tiuri) · Gijs Blom (Prinz Viridian) · Ruby Ashbourne Serkis (Lavinia) · Nathanael Saleh (Piak) · Thaddea Graham (Iona)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 12.
Genre
Abenteuer | Fantasy | Jugendfilm | Literaturverfilmung | Serie

Eine sympathisch modernisierte Serienverfilmung des Jugendroman-Klassikers von Tonke Dragt um einen Jungen in einer mittelalterlich-fantastischen Welt, der eine gefährliche Mission anvertraut bekommt.

Diskussion

Nur noch eine Prüfung entfernt vom ersehnten Ritterschlag! Es wäre ein Grund zur Freude. Tiuri (Amir Wilson), das einstige Flüchtlingskind, das ohne leiblichen Vater aufgewachsen ist, hat es weit gebracht und wird bald ein Ritter von König Dagonaut sein. Aber die bevorstehende Ehrung ist für Tiuri vor allem eine Schmach, ein Selbstverrat, eine Demütigung. Denn nicht sein Können hat ihn dorthin gebracht, sondern das Geld und der Ehrgeiz seines Stiefvaters. Weil der tapfere Ritter nicht tatenlos mitansehen wollte, wie sein nach ihm benannter Ziehsohn den Namen der Familie durch sein Scheitern lächerlich macht, hat er Tiuris Gegner bei der Ritterprüfung kurzerhand bestochen. Ein offenes Geheimnis, das die Sache noch schlimmer macht und von Anfang an dafür sorgt, dass Tiuri in der Reihe der gleichaltrigen Novizen nicht ernst genommen wird.

Die unerwartete Heldenreise einer alles andere als heroischen Figur

Mit einem spannenden inneren Konflikt beginnt die Geschichte des jugendlichen Ritteranwärters Tiuri und weckt sogleich Sympathie für den Außenseiter, der in eine Rolle gedrängt wird, die ihm nicht zusteht und die er doch so gerne erfüllen würde. Und schon in der nächsten Szene wird dieser Zwiespalt weiter verschärft. Als Tiuri sich bei der letzten Prüfung dazu entschließt, dem Hilferuf eines alten Mannes zu folgen, seinen Wachposten verlässt und damit die Aufnahme aller Novizen in den Ritterbund gefährdet, macht er sich erst recht bei den Gleichaltrigen unbeliebt.

Dass Tiuri damit seinem Herzen gefolgt ist und nicht den Anordnungen, setzt aber auch eine Heldenreise in Gang. Denn der alte Mann bringt ihn zu einem im Sterben liegenden Ritter, der Tiuri einen wichtigen Brief anvertraut, der unbedingt zu König Unauwen gebracht werden muss. Nun liegt das Schicksal eines Reichs, nicht unähnlich zur Ausgangssituation von Tolkiens „Herr der Ringe“, plötzlich in der Hand einer (noch) alles andere als heldenhaften Figur.

Eine Verfilmung von Tonke Dragts Roman, die interessante eigene Akzente setzt

Sehr frei geht die sechsteilige Serie mit den Figuren aus dem gleichnamigen Jugendbuch von Tonke Dragt aus dem Jahr 1962 um, setzt sie in neue Zusammenhänge oder baut ihre Rollen aus – und zwar ungemein geschickt. So gesellt sich schon bald die gewitzte Schmugglerin Lavinia (Ruby Ashbourne Serkis) zu Tiuri, und auf Tiuris Verfolgung angesetzt werden keine erwachsenen Ritter, sondern die Gruppe der anderen Novizen. Bemerkenswert ist dabei, dass es der Serie gelingt, sie alle zu interessanten, oftmals angenehm unberechenbaren Charakteren zu machen und sie nicht nur als ergänzende Sidekicks einzusetzen.

Da zugleich der Fokus fast ausschließlich auf jugendliche Protagonisten verschoben wird, wird die Fantasy-Abenteuergeschichte durch typische Bestandteile von Coming-of-Age-Filmen angereichert. Erzählt wird vom Wunsch nach Anerkennung und der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, von Konflikten mit den Eltern und Erwartungshaltungen; bisweilen wird geflachst und geflirtet, und die Szenen, in denen es um Liebe geht, gehören vielleicht sogar zu den schönsten der ganzen Staffel.

Bedauerlich ist nur, dass manche Charakterentwicklungen zu plötzlich kommen und dass Tiuri als zentrale Figur ein wenig blass bleibt. Schnell läuft ihm Lavinia den Rang ab. Deutlich modernisiert wurde die Geschichte auch durch die Besetzung und Figurencharakterisierung: In vielerlei Hinsicht bemüht sich „Der Brief für den König“ darum, kulturelle und lebensweltliche Vielfalt abzubilden – und wirkt dabei zum Glück tatsächlich selbstverständlich und nicht didaktisch.

„Game of Thrones“ für Teens

Der Zielgruppe jüngerer Jugendlicher, an die sich auch die Buchvorlage richtet, dürfte es geschuldet sein, dass mit augenzwinkerndem Humor und Witz für etwas Leichtigkeit und Entspannung in der grundsätzlich eher düsteren Geschichte, die durchaus mit ein paar Schockmomenten aufwartet und Gewaltdarstellungen enthält, gesorgt wird. Denn insgesamt ist nicht zu übersehen, welchen Einfluss vor allem „Game of Thrones“ auf die Adaption gehabt hat. Auch die High-Fantasy-Welt von „Der Brief für den König“ strotzt nur so vor Intrigen, die zwar nicht die Komplexität (oder Skrupellosigkeit) des Vorbilds erreichen, aber auch nicht weichgespült sind. Bruderzwiste, Machtkämpfe, politische Ränkespiele und hinterhältige Morde gibt es auch hier. Und die Serie führt ein weiteres Prinzip im Jugendfilmgenre fort, das durch die Verfilmungen der Romane von George R.R. Martin so populär geworden ist: Niemand ist sicher. Auch Sympathieträger sind nicht vor dem Tod gefeit.

Adäquat für ein jugendliches Publikum verknüpft „Der Brief für den König“ so eine Erzählweise, die gerade im Erwachsenensegment en vogue ist, mit Jugendthemen und ist dabei hochgradig unterhaltsam. Eine Miniserie, die nicht ausschweift, sich aber auch immer wieder die Zeit für großartige Episoden nimmt und große Lust auf eine mögliche Fortsetzung macht. Versatzstücke ließen sich bei Tonke Dragt finden, die 1965 Tiuris Geschichte in dem Roman „Der Wilde Wald“ weitergeführt hat.

 

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