Abenteuer | USA 2020 | 115 Minuten

Regie: Niki Caro

Um der Gefahr feindlicher Rebellen für Reich und Herrscher zu begegnen, befielt der chinesische Kaiser das Rekrutieren eines Kämpfers aus jeder Familie. Nicht nur aus Mangel an männlichen Nachkommen, sondern auch aus Abenteuerlust schmuggelt sich ein draufgängerisches Mädchen als Mann in die Armee, beweist seine Gleichwertigkeit und reift zu einem Menschen, der selbstbewusst seine Teamfähigkeit beweist. Bildprächtige „Real“-Filmadaption des gleichnamigen Disney-Zeichentrickklassikers, die den Fokus von Märchenhaftigkeit in Richtung Martial-Arts-Action verlagert. Das erlaubt viele Schauwerte, die allerdings auch eine recht schlichte Dramaturgie freilegen. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
MULAN
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2020
Regie
Niki Caro
Buch
Rick Jaffa · Amanda Silver · Elizabeth Martin · Lauren Hynek
Kamera
Mandy Walker
Musik
Harry Gregson-Williams
Schnitt
David Coulson
Darsteller
Liu Yifei (Mulan) · Donnie Yen (Commander Tung) · Jet Li (Kaiser) · Gong Li (Xianniang) · Jason Scott Lee (Bori Khan)
Länge
115 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Abenteuer | Action | Familienfilm | Fantasy

Realfilmadaption der 1998 als Animationsfilm realisierten Geschichte um eine junge Chinesin, die anstelle ihres gebrechlichen Vaters in Männerkleidern in den Krieg zieht, um gegen alle Widerstände Ruhm und Ehre für ihre Familie und das Kaiserreich zu mehren.

Diskussion

Wie soll sich eine ideale Ehefrau geben? Eines ist klar, sicher nicht so wie Mulan. Klar, die junge Frau ist hübsch und im besten Heiratsalter. Aber ihr Ruf im Ort ist schrecklich. Immer nur Flausen im Kopf! Seit Kindertagen ist sie nur am Herumtollen, Erkunden und Ergründen interessiert, auch wenn dabei die ein oder andere Preziose im Dorf Risse bekommt. Und im viel zu engen Festkostüm ist sie ebenso ungeduldig wie bei der Teezeremonie für einen potenziellen Zukünftigen. Ein hoffnungsloser Fall also – zumindest für die örtliche Heiratsvermittlerin.

Ist es also ein Wink des Schicksals, dass Gerüchte von Unruhen den Kaiser dazu nötigen, von jeder Familie im Reich ein Mitglied fürs Heer rekrutieren zu lassen? Hua Zhou (Tzi Ma), Mulans Vater, ist einer der angesehensten Kämpfer, doch seine Zeit ist längst vorbei, und in der Familie sind ansonsten nur Töchter; also bemächtigt sich Mulan der Uniform und des Schwerts des Vaters, um an seiner Statt in den nahenden Krieg zu ziehen. Und nein, das ist kein Schicksal, es sind der Dickkopf und der feste Willen Mulans, in keine Gender-Schublade passen zu wollen. Daher macht sie, was Frauen bei Strafe verboten ist.

Was passiert, wenn Zeichentrick-Märchen real werden

Mulan aus dem Jahr 1998 war sicher einer der prachtvollsten Animationsfilme aus der Disney-Unterhaltungswerkstatt. Ein Augenschmaus voller fernöstlicher Exotik-Träumereien. In einer märchenhaft anmutenden Vergangenheit spielend, in der Wunder noch wahr werden, sodass man trefflich eine so fantasievolle Emanzipationsgeschichte erzählen kann, wie die eines Mädchens auf der Flucht vor dem Eingefangensein im restriktiven Frauenrollenbild seiner Zeit. Ein Märchen von Freiheit und Abenteuer, angereichert mit Glücksdrachen und anderen Sidekicks, die in der Welt des Trickfilms reden und singen können wie die Menschen. Ein Märchen, das unbeschwert unterhält und dennoch eine Utopie transportiert, die über Gleichheit sinniert und von Idealen zeugt, die noch heute leben, „wenn sie nicht gestorben sind“.

Doch was passiert, wenn Märchen „wahr“ werden? Wenn sie „real“ werden? So wie sie eben real werden können, wenn Disney sie mit echten Menschen besetzt, um die gleiche Geschichte neu zu erzählen? Sicher, sie bleiben das Abenteuer mit Augenschmaus und voller orientalistischer Klischees. Aber es geht auch etwas verloren. Trotz allem Spektakel. Es fehlt die Magie!

Die Action tritt in den Vordergrund

Dabei geben sich die Kostümbildner und die Dekorateure so viel Mühe, jede Szene so atemberaubend wie möglich erscheinen zu lassen. Dabei geben die Choreografen und die Special-Effects-Crew alles technisch Mögliche, um Kampfgemälde zu erschaffen, die einem dem Atem stocken lassen, geeignet für eine Generation junger Filmfans, die mehr auf Action steht als auf Gesangsnummern, Romantik und putzig herumtrollende Zeichentrickdrachen. Wenn man es den mag, dass „reale“ Menschen durch die Luft fliegen, als seien sie alle mit jenem noblen Phoenix verwandt, der so innig die Geschicke der jungen Mulan leitet.

An der Story haben die Macher, wie schon bei der Realverfilmung von „Aladdin“, gegenüber der Zeichentrickversion nichts groß geändert. Im Heer muss Mulan als Mann zunächst so tun, als wäre sie unter „seinesgleichen“. Trainieren und ihr Chi entdecken, es kultivieren, um dann besser zu werden als alle anderen (Männer). Erst dann darf sie sich zu erkennen geben, darf ihre langen wilden Haare frei tragen. Die Botschaft lautet dabei aber nicht: „Werde anders – und besser“, sondern „Sei so, wie du bist – und werde dadurch besser“. So wird Mulan nicht zum gesellschaftlichen Außenseiter wie etwa die einsame, verkannte und verstoßene Hexe Xianniang (Gong Li), sondern zur Botschafterin aller sich unterdrückt fühlenden Menschen. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden dürfen. Da darf dann Mulans jüngere Schwester weiterhin im „alten Frauenbild“ behaftet bleiben, ohne dass sie diskreditiert wird. Und die starke Heldin Mulan darf auch lieben, „frauliche Gefühle“ zeigen und vor allem lernen, wie wichtig Teamarbeit jenseits aller Geschlechterrollen ist. Nur so kann man im Kampf bestehen, in einer Welt der Autokraten, Räuber und Erzbösewichter, die nichts anderes wollen, als die totale Macht und die Unterdrückung anderer.

„Mulan“ ist kein Märchen mehr, weil ihm der Zauber fehlt. Es ist ein – zudem höchst konventionell gestricktes – Martia-Arts-Spektakel um den Kampf der Guten gegen den Bösen Bori Khan (Jason Scott Lee), der sich an die Macht intrigieren will und sich dabei sogar unfairer Mittel aus dem Jenseits bedient wie der Kräfte der besagten Hexe Xianniang. Es steht nichts Geringeres als die Zukunft des Kaiserreiches auf dem Spiel, die es schließlich im Showdown durch Mulan und ihre Kampfgefährten unter der Hoheit von Kommandant Tung (Donnie Yen) zu bewahren gilt. Dass die rebellische Mulan somit zugleich eine Regime-Treue ist, die brav ihren Kaiser und das politische System ihres Landes verteidigt, sorgt dafür, dass die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, im heutigen China genauso zu goutieren ist wie in allen anderen, freieren Gefilden. Ein stromlinienförmiger, aber auch arg konturloser Blockbuster für den globalen Markt.

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