Drama | Frankreich 2019 | 101 Minuten

Regie: Lou Jeunet

Im Frankreich der Belle Epoque verliebt sich die Tochter eines Dichters in einen jungen Dandy, wird aber mit einem gesellschaftlich bessergestellten Mann verheiratet. Der Verschmähte verschwindet nach Algerien, kehrt aber bald mit einer Geliebten zurück nach Paris - und nimmt die Affäre mit seiner mittlerweile verheirateten einstigen Geliebten wieder auf, wobei nicht zuletzt erotische Fotografien, die er von der Frau macht, als Vehikel ihrer Leidenschaft fungieren. Der Film beruht auf der Beziehung der Schriftstellerin Marie de Régnier, die unter dem männlichen Pseudonym Gérard d’Houville bis in die 1940er-Jahre hinein Gedichte und Romane veröffentlichte, zu dem französischen Lyriker Pierre Louÿs, für den sie als Modell bei erotischen Fotografien fungierte. Der Film entfaltet ein elegantes Spiel mit männlichen Blicken, weiblichen Perspektiven und sexuellen Ambivalenzen, ohne dabei allerdings in die Tiefe zu gehen, sodass er vor allem als gediegenes Liebesdrama um ein ungleiches Dreiecksverhältnis unterhält. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CURIOSA
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Lou Jeunet
Buch
Lou Jeunet · Raphaëlle Desplechin
Kamera
Simon Roca
Musik
Arnaud Rebotini
Schnitt
Anita Roth
Darsteller
Noémie Merlant (Marie de Heredia) · Niels Schneider (Pierre Louÿs) · Benjamin Lavernhe (Henri de Régnier) · Camélia Jordana (Zohra) · Amira Casar (Madame de Heredia)
Länge
101 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Historienfilm

Heimkino

Verleih DVD
Koch Media
Verleih Blu-ray
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Ein elegantes Belle-Epoque-Drama um die Beziehung der Schriftstellerin Marie de Régnier zu dem französischen Lyriker Pierre Louÿs, für den sie als Modell bei erotischen Fotografien fungierte.

Diskussion

Eine Peepshow zu Zeiten der Belle Epoque: Während Marie vor dem Spiegel des elterlichen Salons ihr eigenes Abbild betrachtet und mittels der Selbstbetrachtung den von ihr imaginierten Pierre anflirtet, blickt der ihr in diesem Moment direkt ins Gesicht. Denn der Spiegel ist zur Seite des sogenannten „Geheimzimmers“ ein Fenster, mit kleinen Vorhängen, die sich wie bei einer Bühne öffnen und schließen lassen. „Diese Vorstellung ist nicht für sie gedacht“, meint Maries Vater leicht schlüpfrig und zieht ihm den Vorhang vor der Nase zu. Jahre später wird die auf diese Weise heimlich Betrachtete aus ihren eigenen Betrachtungen heraus Bücher schreiben.

Marie de Régnier war Schriftstellerin, die unter dem männlichen Pseudonym Gérard d’Houville bis in die 1940er-Jahre hinein Gedichte und Romane veröffentlichte. Außerdem tauchte sie als Subjekt bzw. Objekt in zahlreichen erotischen Fotografien des französischen Lyrikers Pierre Louÿs auf, mit dem sie eine langjährige Beziehung und wahrscheinlich auch ein gemeinsames Kind hatte. Die Fotos – und die Briefe zwischen de Régnier und Louÿs (dessen Roman „Die Frau und der Hampelmann“ eine Grundlage für Luis Buñuels Film „Dieses obskure Objekt der Begierde“ war) – bilden den Ausgangspunkt des Spielfilmdebüts von Lou Jeunet. In „Curiosa“ versucht sich die französische Filmemacherin, die bisher nur mit Fernsehfilmen in Erscheinung trat, an einer Mischung aus Historienfilm und moderner Interpretation.

Erotische Fotografien als Kern einer amour fou

Die Geschichte nimmt ihren Anfang in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Im Haus des kubanisch-französischen Dichters José-Marie de Heredia herrscht ein freier Geist, doch für seine drei Töchter ist dennoch keine Alternative zur Ehe vorgesehen. „Wir sind wie Häuser, die zum Verkauf stehen, die vorher nicht vermietet werden dürfen. Wir dürfen uns besichtigen lassen, aber nicht auf jeder Etage“, meint Marie zu dem dandyhaft wirbeligen Pierre, der wie sein steifer Dichterfreund Henri häufig zu Gast ist.

Marie zieht es zu Pierre, und Pierre zu Marie, doch die Eltern verheiraten sie mit dem gesellschaftlich besser gestellten Henri. Der gekränkte Pierre verschwindet nach Algerien – und kehrt mit Zohra zurück, einer algerischen Geliebten, die auch sein bevorzugtes Modell wird. Gleichzeitig beginnt er eine leidenschaftliche Affäre mit Marie. Auch hier entsteht die Leidenschaft über die Aktfotografie. Kein Sex ohne vorherigen und anschließenden Einsatz des Fotoapparats. Dass Marie einmal selbst die Kamera in die Hand nimmt und den nackten Geliebten fotografiert, passt diesem allerdings überhaupt nicht – ebenso wenig, dass sie nach seinem erneuten Aufbruch nach Algerien eine Affäre mit einem anderen Mann beginnt.

Männliche Blicke, weibliche Perspektiven

Die erotischen Fotografien bilden im Film den Kern des Verhältnisses von Marie und Pierre. Die Regisseurin vermeidet es dabei aber strikt, sich mit einem männlichen Blick gemein zu machen. Sie verleiht den Szenen etwas Spielerisches, auch im Umgang mit den Geschlechterrollen – etwa wenn Marie in einer Szene Pierre in ein Korsett schnürt. Auch die Besetzung aktiviert sexuelle Ambivalenzen. Die etwas herbe Noémie Merlant wechselt nach ihrer Rolle in „Portrait einer jungen Frau in Flammen“ gleich in doppelter Weise die Seiten, doch ihr Auftritt als lesbische Malerin wirkt hier weiter nach. Und der Nils Schneider ist durch seine Arbeiten mit Xavier Dolan oder Yann Gonzalez eigentlich eher als Objekt eines queeren Begehrens kodiert.

Dennoch merkt man, dass Jenet keine klare Idee hat, wie das Verhältnis von Blick, Voyeurismus, Abbild, Betrachtet-Werden und Kooperation – Marie bestimmt das Bild durch eigens „erfundene“ Posen mit – in ein produktives Verhältnis zu bringen wäre. Sie überspielt dies mit einem luftigen, später auch etwas gediegenen Ton. Nach dem flirrenden Anfang entwickelt sich der Film immer mehr zu einem konventionellen Liebesdrama um ein ungleiches Dreiecksverhältnis. Maries kreativem Erwachen wird darin nur ein untergeordneter Platz eingeräumt.

Formal gibt sich „Curiosa“ pop- und gegenwartsaffin. Die Synthie-Klänge des Musikers Arnaud Rebotini rufen sozusagen von heute ins Fin de Siècle hinein. Und die Männer im Film tragen einen urbanen Gentlemen-Moustache, wie man ihn derzeit auch auf den Straßen von London und Berlin findet. Vor allem am Anfang verströmt der Film einen gewissen „Bonello-Touch“. Das Geschehen spielt sich hauptsächlich in Innenräumen ab, Tapeten kommt eine wichtige Rolle. Sie verleihen dem Setting etwas Bühnenhaftes, Stilisiertes, auch Boudoirhaftes. In das komplizierte Feld der Schauanordnung aber wagt sich der Film nicht vor. Lieber schiebt er seine geschmackvollen Oberflächen vor.

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