Sibyl - Therapie zwecklos

Drama | Frankreich/Belgien 2019 | 101 Minuten

Regie: Justine Triet

Nach einer wilden Jugend hat sich eine Frau als Psychologin, Ehefrau und Mutter etabliert. Trotzdem will sie ihren Traum einer Karriere als Schriftstellerin verwirklichen und lässt sich vom Schicksal einer Patientin inspirieren. Um an mehr Material zu gelangen, setzt sie sich zunehmend über ethische Grenzen hinweg und gerät dabei selbst psychisch aus dem Gleichgewicht. Eine vor allem von der vielschichtigen und widersprüchlichen Hauptfigur getragene, dramatisch-komische Versuchsanordnung über Wirklichkeit und Täuschung, Manipulation und Kreativität. Die Konfliktmasse ist dabei Programm, überfrachtet allerdings die Handlung, die sich eher ruckhaft entwickelt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
SIBYL
Produktionsland
Frankreich/Belgien
Produktionsjahr
2019
Regie
Justine Triet
Buch
Justine Triet · Arthur Harari
Kamera
Simon Beaufils
Schnitt
Laurent Sénéchal
Darsteller
Virginie Efira (Sibyl) · Adèle Exarchopoulos (Margot) · Sandra Hüller (Mika) · Gaspard Ulliel (Igor) · Laure Calamy (Edith)
Länge
101 Minuten
Kinostart
16.07.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
Alamode
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Eine Therapeutin nutzt die Gespräche mit einer Klientin für einen Roman, wobei sie sich zunehmend über ethische Grenzen hinwegsetzt und dabei selbst aus dem Gleichgewicht gerät.

Diskussion

Hat diese Frau ihr Leben im Griff oder schlingert sie gerade so am Abgrund entlang? In jedem Fall gibt Sibyl Rätsel auf, was vielleicht kein Wunder ist bei der Last ihres Namens. In der antiken Mythologie quälten die Sibyllen die Welt mit mehrdeutigen Vorhersagen; im 20. Jahrhundert wurde die umstrittene Fallstudie „Sybil“ über eine junge Frau mit gespaltener Persönlichkeit zur breit rezipierten Publikation und zweimal fürs US-Fernsehen verfilmt.

Auch die Titelfigur in „Sibyl – Therapie zwecklos“ von Justine Triet ist alles andere als fest in einem Daseinszustand verankert, den Außenstehende für ziemlich beneidenswert halten würden: Sibyl ist als Psychologin etabliert, hat einen aufmerksamen Mann und zwei liebe Kinder. Doch hinter dieser Fassade rumort es, denn positiv entwickelt sich Sibyls Leben erst seit zehn Jahren. Vorher versuchte sie sich erfolglos als Schriftstellerin, führte eine intensive, aber gesundheitsgefährdende Beziehung und gab sich mit ihrem Freund Exzessen hin, unter denen der Alkoholkonsum noch der harmloseste war.

Potenzial für einen Roman

Die Spuren dieser wilden Jugend sind bei Sibyl noch immer nicht getilgt; die Gruppe für trockene Alkoholiker gehört ebenso zu ihrem Vorzeigeleben wie die Inanspruchnahme eines Kollegen für ihre eigenen seelischen Probleme. Doch ihr Weg scheint für Sibyl nicht länger der richtige zu sein. Deshalb hat sie beschlossen, es noch einmal als Autorin zu versuchen. Sie „kündigt“ dem Großteil ihrer Patienten und behält nur wenige Fälle. Die gewonnene Zeit setzt jedoch nicht sofort eine Inspiration frei; das leere Textdokument auf ihrem Computer starrt sie vorwurfsvoll an. Deshalb protestiert Sibyl auch nur der Form halber, als sie den Anruf einer Unbekannten erhält, die um jeden Preis von ihr behandelt werden will.

Das Schicksal der verzweifelten Schauspielerin Margot enthält viel Potenzial für einen Roman, wenn auch eher einen der kolportagehaften Art: Eine Affäre mit einem bekannten Kollegen hinter dem Rücken seiner regieführenden Partnerin, Tränen, Streit und Hassliebe, gekrönt von einer ihr unerwünschten, ihm sehr genehmen Schwangerschaft. Als Stoff ist das so interessant, dass die Psychologin erst die Gespräche heimlich aufzeichnet und ihre nichtsahnende Patientin dann mit Ratschlägen in bestimmte Richtungen treiben will, von denen ihr Roman profitieren soll.

Fragwürdige Wege zum Erfolg

Bereits bei Triets ersten Spielfilmen „Der Präsident und meine Kinder“ und „Victoria – Männer und andere Missgeschicke“ standen Frauenfiguren im Zentrum, die unter hohem Druck von allen Seiten ihre Professionalität zu wahren versuchten. In „Sibyl“ gelingt dies der Protagonistin nicht mehr; sie verliert sich alsbald zwischen Realität, Buchprojekt und ihren Fantasien und setzt überdies höchst fragwürdige Mittel für ihren Erfolg ein. Das hebt Sibyl als Figur nicht nur von der ebenfalls psychisch labilen, ethisch aber hochwachen Anwältin Victoria in Triets vorherigem Film ab – umso mehr, als beide Frauen von Virginie Efira interpretiert werden –; es öffnet auch die Augen dafür, wie viel die anderen Charaktere um sie herum ebenfalls lügen und manipulieren, um ihre Ziele zu erreichen.

Da ist Sibyls in Rückblicken präsenter Ex-Freund, der sich als ihr Retter aufspielt; ihre Schwester, die lange Zeit einen ähnlich taumelnden Kurs fuhr und nun Sibyls Tochter gegen sie auszuspielen versucht; ihr Verleger mit einer Strategie der Verunsicherung; und vor allem die Ménage à trois um Margot: die labile, aber karrierebewusste Schauspielerin, ihr selbstbezogener, durchaus wehleidiger Liebhaber und dessen Partnerin, die trotz aller Enttäuschung den Dreh ihres aktuellen Films mit beiden fortführen will.

Justine Triet und ihr Co-Autor Arthur Harari konzentrieren sich zunächst auf die zusehends selbst zur Patientin werdenden Sibyl, der das Drehbuch neben Selbstzweifeln und Schuldgefühlen auch noch die Angst vor dem genetischen Erbe einer instabilen Mutter, eine komplizierte Beziehung zu ihrer eigenen Tochter und die stete Gefahr eines Rückfalls in alte Problemlagen zugedacht hat. Das alles kommt dermaßen geballt daher, dass die Klischeehaftigkeit der Konflikte unübersehbar wird, was aber beabsichtigt scheint: „Sibyl“ ist weniger an einem stringenten Handlungsverlauf orientiert als an einer Analyse der Zusammenhänge von Wirklichkeit und Täuschung, die sich hier in der Furcht vor einem Ende der Kreativität äußern; um nicht künstlerisch zu stagnieren, sind sämtliche Hauptfiguren zu enormen Verschiebungen der eigenen moralischen Grenzen bereit.

Dreharbeiten auf der Insel Stromboli

Das führt zu einer interessanten Versuchsanordnung, die sich vor allem am Beispiel der Protagonistin schlüssig vermittelt, weil Virginie Efira sich kompromisslos auf ihre vielschichtige und auch widersprüchliche Figur einlässt. Im Gegensatz zu ihren ersten Filmen gelingt es der Regisseurin allerdings nicht so recht, die analytische Ebene mit der dann doch auf Entwicklungen und Wendepunkte ausgerichteten Story in Einklang zu bringen.

Der erste, in Paris spielende Teil von „Sibyl“ gerät in seinen vielfältigen Motiven dichter, wirkt durch seine Ellipsen und zahlreichen Anstöße aber überlang; wenn sich das Geschehen dann zu den Dreharbeiten auf der italienischen Vulkaninsel Stromboli verlagert, fügt dies durch den noch deutlicheren Kontrast von Sein und Schein zwar anregende Aspekte hinzu, die sich aber nicht zur runden Handlung zusammenfügen wollen: eine betrogene Regisseurin mit einem Nervenkostüm knapp vorm Zerreißen, zwei Darsteller, die ein Liebespaar spielen, ihren privaten Hass nach der Trennung aber kaum verbergen können, Sibyls Vermittlungsversuche, während sie insgeheim weiter ihren Roman vorantreibt.

Triets Filme zeichnete bislang gerade die Realitätsnähe aus, was erklären mag, warum ihr der Umschwung auf eine betont erdichtete Geschichte etwas holprig geraten ist. Spaß kann man an den unwahrscheinlichen Geschehnissen aber dennoch haben, obwohl ihr Sinnzusammenhang reichlich kryptisch bleibt. Auch damit steht „Sibyl“ trefflich in der Tradition ihrer Namensvetterinnen aus der Antike.

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