Komödie | Kanada 2019 | 420 (zehn Folgen) Minuten

Regie: Jean-François Rivard

Ein heißer Sommer in Québec, die Kinder sind im Ferienlager, und allein mit dem Partner wird es bald langweilig: Zwei befreundete frankokanadische Ehepaare geraten in einen Strudel absurder und fataler Ereignisse, als sie einen Ausbruchsversuch aus ihren bieder-bürgerlichen Existenzen wagen. Die zehnteilige Serie unternimmt eine Mischung aus Ehedrama, burlesker Gesellschaftssatire und Beschwörung des Zeitgeists der „Wilden Siebziger“. Einige nicht unbedingt plausibel ausgeführte motivische Ansätze hinterlassen mitunter einen etwas schalen Nachgeschmack, insgesamt bietet sie als Krimikomödie aber gute Unterhaltung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
C'EST COMME ÇA QUE JE T'AIME
Produktionsland
Kanada
Produktionsjahr
2019
Regie
Jean-François Rivard
Buch
François Létourneau
Kamera
Barry Russell
Musik
Patrick Lavoie
Schnitt
Benjamin Duffield
Darsteller
François Létourneau (Gaétan Delisle) · Patrice Robitaille (Serge Paquette) · Marilyn Castonguay (Huguette Delisle) · Karine Gonthier-Hyndman (Micheline Paquette) · Sophie Desmarais (Marie-Josée)
Länge
420 (zehn Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12 (Episode 2, 3, 5); ab 16 (Episode 1, 4, 6-10)
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Komödie | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Polyband
Verleih Blu-ray
Polyband
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Eine frankokanadische Krimikomödien-Serie um zwei Ehepaare, die in den „Wilden Siebzigern“ aus ihren bürgerlichen Existenzen ausbrechen wollen.

Diskussion

„Das Gewehr ist die Braut des Soldaten“, hieß es in patriarchalisch-kriegerischen Zeiten bisweilen. Ein ähnlich intimes, quasi-erotisches Verhältnis pflegt auch die Hauptfigur in „Happily Married“ von Showrunner François Létourneau und Regisseur Jean-François Rivard zum todbringenden Schießeisen. Huguette Delisle (Marilyn Castonguay) erwartet 1974 in einer kleinen Vorstadt von Québec ihr zweites Kind, von ihrem zwar gut aussehenden, doch ehebrecherischen Mann Gaétan (François Létourneau). Sonst hat sie gerade weiter nicht viel zu tun, es ist Sommer, der Nachwuchs wurde (endlich!) ins Ferienlager verfrachtet. Allzu lange Weile also, um zusammen mit den befreundeten Paquettes (Patrice Robitaille, Karine Gonthier-Hyndman) im Pool zu dümpeln und den fragwürdigen frankokanadischen Chansons der Zeit im Radio nachzuhängen.

Das wilde Leben austesten

Bis alle vier aus Lust und Laune auf die Idee kommen, das wilde Leben ohne Recht und Gesetz sei doch viel süßer, aufregender und einträglicher als ihre im Grunde verachteten bürgerlichen Existenzen – „Breaking Bad“ à la canadienne, sozusagen… Huguettes aufgestaute Energie, ihre Frustration und Wut werden sich dabei im Laufe der Serie mehrmals fulminant entladen, denn – und das wird ihr immer wieder attestiert –: Sie hat „das Auge des Tigers“. Sichtlich stand für einige ihrer Wesenszüge Betty Draper aus der Erfolgsserie „Mad Men“ Patin, die in einer ikonischen Szene auch zum Gewehr greift, um Befreiung und Selbstermächtigung zu erzielen.

„Happily Married“ ist wie das entfernte Vorbild mehreres zugleich: Ehedrama, Gesellschaftssatire, Fata Morgana einer schon fernen Epoche, der 1970er-Jahre – eine „falsche wahre Geschichte“ (Létourneau); zudem eine Krimikomödie. Vor allem aber ist die Serie in Ausstattung und allgemeiner Attitüde eine filmische Taucherglocke in eine Zeit, in der viele das Gefühl zu haben schienen, nun sei „alles möglich“. Das Politische fordert das Private heraus, und dieses wird zum Politikum. Binäre Beziehungen bröckeln, es werden munter alternative Lebensformen erprobt, gar offen mit der Homosexualität geflirtet. Dennoch bleibt vorerst der moralische Kodex der westlichen (nordamerikanischen) Welt für die beiden gut katholischen Pärchen als starker Bezugsrahmen in Kraft.

Reibungen zwischen Theorie und Praxis des alternativen Lebensentwurfs

Daraus bezieht „Happily Married“ zwar einige seiner komischsten Reibungen und Pointen, gleitet so aber auch vielfach ab in die Burleske und Travestie. Das kann man goutieren, es wirkt nur mitunter ein wenig bemüht, wenn etwa das fünfte Rad am Wagen, „Busenwunder“ Marie-Josée (Sophie Desmarais), vor diversen Beischläfen stets betont, sie sei eigentlich eine „maoistisch-stalinistische Polit-Lesbe“.

Den viereinhalb Freizeit-Mafiosi gelingt es in den wenigen Wochen, bevor die Kinder zurückkommen, tatsächlich, für einen kurzen Augenblick den Eindruck einer entschlossenen, brandgefährlichen Verbrecherorganisation zu erwecken, das Establishment aufzustören und in Koks und Kohle zu schwimmen. Alsbald verheddern sie sich allerdings in der leidigen Kontroverse von Theorie und Praxis und in basisdemokratischen Grabenkämpfen; auch sind sie aufrichtig uneins in der Frage, ob sie Patriarchat und Kapitalismus endgültig mit Stumpf und Stiel ausrotten oder als Neureiche lieber erst einmal Frauen und Geld ausgiebig genießen sollen – klassische linke Dilemmata eben!

Eine kunstseidene Gesellschaft

Dabei zeigt die Serie eine besondere Sensibilität für die verräterische Symbolik der kleinen Dinge des Alltags: Immer, wenn Huguette sich zu ihrem blutigen Geschäft anschickt, legt sie fast rituell gelbe Gummihandschuhe an; nur: Trug sie die nicht auch früher schon, beim Geschirrwaschen? Als Chefin der „Organisation“ wird ihr höchste Ehre zuteil – ein Handkuss, wie beim Tanztee. Und die Herren Delisle und Paquette tauschen sich länglich über die Vorzüge der neuen Synthetikhemden aus, die letzterer in seinem Kaufhaus in Serie absetzt – das Ganze eine kunstseidene Lüge für eine Gesellschaft, die betrügt und betrogen werden will.

„Happily Married“ unterhält durchaus gut, hinterlässt wegen einiger nicht plausibel genug ausgeführter motivischer Ansätze jedoch einen etwas schalen Nachgeschmack und ist mit 420 Minuten auch deutlich zu lang geraten. Dafür hätte die Rahmenhandlung gerne ein wenig detailreicher erzählt werden dürfen, denn zum Schluss kehren sie wieder, die Kinder, zu ihren schrecklichen Eltern…

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