Pelikanblut - Aus Liebe zu meiner Tochter

Drama | Deutschland/Bulgarien 2019 | 127 Minuten

Regie: Katrin Gebbe

Eine alleinstehende Frau, die einen Pferdehof betreibt, adoptiert zwei Kinder aus Bulgarien. Das jüngere der beiden Mädchen zeigt bald irritierende Verhaltensweisen, die auf eine schwere frühkindliche Traumatisierung hindeuten. Im Ringen um eine Heilung überschreitet die Adoptivmutter persönliche wie soziale Grenzen und verfällt immer mehr einer obsessiven Rettungsfantasie. Das intensiv gespielte Drama thematisiert ambivalente Facetten von Weiblichkeit und Mutterschaft und lotet die Abgründe hinter den Bildergeschichten christlicher Selbstaufopferung aus. - Sehenswert.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Bulgarien
Produktionsjahr
2019
Regie
Katrin Gebbe
Buch
Katrin Gebbe
Kamera
Moritz Schultheiß
Musik
Johannes Lehniger
Schnitt
Heike Gnida
Darsteller
Nina Hoss (Wiebke) · Katerina Lipovska (Raya) · Adelia-Constance Ocleppo (Nicolina) · Murathan Muslu (Benedict) · Sophie Pfenningstorf (Alma)
Länge
127 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert.
Genre
Drama

Im Ringen um das Heil eines Adoptivkindes überschreitet eine Frau persönliche und soziale Grenzen und verfällt einer obsessiven Rettungsfantasie.

Diskussion

Ein Pferdehof erwacht im nebligen Morgengrauen zum Leben, als die majestätisch wirkenden Tiere über die weite Koppel zur Fütterung traben. Mit Cowboyhut und Overall bekleidet, schreitet Wiebke (Nina Hoss) ihr Land ab, auf dem es keinen anderen Menschen außer ihr zu geben scheint. Die Aufnahme eines Pferdekopfes im Gegenlicht der Sonne formt dabei eine unheimliche Silhouette, bevor der Blick auf zwei Holzpfähle fällt, an die blühende Triebe junger Rosenranken gefesselt sind.

Mit dieser titelgebenden Szene verweist „Pelikanblut“ von Katrin Gebbe in doppeltem Sinne auf eine christliche Ikonografie der Selbstaufopferung. In der frühchristlichen „Physiologus“-Lehre wird die Tierwelt in symbolischer Analogie zur christlichen Erlösungsgeschichte gedeutet. Eine Pelikanmutter sticht sich darin die Brust auf, um ihre toten Jungen wieder zum Leben zu erwecken, und wird so zum Gleichnis für die Kreuzigung Jesu.

Auch Wiebke hat zwei kleine Kinder in ihre Obhut genommen, die aufgrund ihrer Herkunft besonders verletzlich sind und Halt benötigen. Da sie als alleinstehende Person für Adoptionsverfahren nicht in Frage kommt, setzt sie sich durch den Kontakt zu einem bulgarischen Kinderheim über diese Grenze hinweg, da bei Auslandsadoptionen andere Regeln gelten.

Trauma und Mutterliebe

Die neunjährige Nikolina lebt schon ein paar Jahre auf dem Pferdehof, während die fünfjährige Raya neu dazustößt und von Wiebke schon sehnsuchtsvoll erwartet wird. Das blonde Mädchen zeigt aber bald irritierende Verhaltensweisen: Sie hortet tote Tiere in ihrem Zimmer, legt einen Brand im Haus und übt offen Gewalt gegen sich und andere aus. Ein Psychologe diagnostiziert eine schwere dissoziative Persönlichkeitsstörung, die auf ein frühes Bindungstrauma hinweist. Es stellt sich heraus, dass Rayas brutale Geschichte sowie gescheiterte Adoptionsversuche des Kindes bewusst verschwiegen wurden. Ohne professionelle Hilfe droht das Mädchen zu einer ersthaften Gefahr für seine Umwelt zu werden. Wiebke will Raya jedoch nicht loslassen; sie ist überzeugt davon, dass nur die Selbstaufopferung einer liebenden Mutter das Kind von den Dämonen seiner Vergangenheit erlösen kann.

Schon in dem fulminanten Drama „Tore tanzt“ interessierte sich Katrin Gebbe für die oft verleugnete Verstrickung, die zwischen Opfern und Tätern in Gewaltbeziehungen obwaltet, und bewies großen Mut damit, dies in ihrem Debütfilm unmittelbar in Szene zu setzen. Die Figur des christlichen Märtyrers in ihrer Ambivalenz pendelte auch dort schon zwischen wahnhafter (Selbst-)zerstörung und grenzüberschreitender Vision. In „Pelikanblut“ verschiebt sich diese faszinierende Unbedingtheit jedoch auf das Idealbild der grenzenlosen Mutterliebe. Das hat eine anders gelagerte dunkle Unterseite, wenn man die Geschichte des Pelikan-Mythos genauer betrachtet. Denn die Vogeljungen müssen nur deshalb wieder zum Leben erweckt werden, weil die Mutter sie zuvor getötet hat. In ihrer Gier und Gefräßigkeit haben sie die Mutter verletzt und damit bis zur Rage erbost. Ihre Selbstaufopferung ist als unmögliche Wiedergutmachung zu verstehen.

Überdeutlich ins Gesicht geschrieben

Es greift daher zu kurz, „Pelikanblut“ als anrührende weibliche Heilsgeschichte zu interpretieren. Besonders spannend sind in den Filmen von Katrin Gebbe gerade die Grauzonen, die durch ihren Bezug auf das Mythische provokative Fragen aufwerfen. Wiebkes eigene Traumatisierung steht ihr fast überdeutlich durch eine Narbe unter dem Auge ins Gesicht geschrieben. Was ihr widerfahren ist, wird bewusst nicht enthüllt und bleibt eine Leerstelle. Die Bindungsunfähigkeit ihres Kindes spiegelt sich in ihrer eigenen Abwehr von Nähe und Partnerschaft.

Im zweiten Erzählstrang von „Pelikanblut“ ist eine Polizeieinheit zu sehen, die auf Wiebkes Hof mit einer Reiterstaffel die Desensibilisierung der Pferde bei Stresssituationen einübt. Einer der Beamten nähert sich der Gutsherrin immer wieder an, wird aber mit vorgeschobenem Hinweis auf die Kinder stets zurückgewiesen.

Auch in einer Freundin, die Wiebke besucht, spiegelt sich ihr problematisches Verständnis von Mutterschaft. Als die beiden Frauen mit einem Glas Rotwein in der Hand von der Terrasse aus auf die drei schwarzen Adoptivkinder der Besucherin blicken, löst das ein ähnlich mulmiges Gefühl aus wie zuvor der Kommentar eines bulgarischen Taxifahrers, ob es in Deutschland keine Kinder zur Adoption gäbe.

„Pelikanblut“ stellt eine Analogie zwischen Mensch und Tier her, als ein Polizeipferd seine Reiterin abwirft und damit zum Risiko für die Truppe wird, das beseitigt werden soll. Die Inszenierung parallelisiert immer wieder Einstellungen des „Problem“-Pferdes mit Szenen der kleinen Raya. Auch Wiebke selbst spricht von den Pferden wie von ihren Kindern. Beiden ginge es darum, Grenzen auszutesten. „Pelikanblut“ konturiert damit ein ähnliches Problem wie „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt: Gibt es Möglichkeiten, schwer traumatisierte Menschen, die Gewalt weitergeben, gesellschaftlich zu reintegrieren? Welchen Preis müssen diejenigen dafür entrichten, die helfen wollen? In „Systemsprenger“ scheitert dies vor allem an fehlenden Ressourcen des Gesundheitssystems. Wiebke hingegen erhält einen Platz in einer Klinik, die auf traumatisierte Kinder spezialisiert ist. Dass sie bei der Einlieferung einen der Pfleger schlägt, um das Kind wieder mit zu sich zu nehmen, ist jedoch keineswegs selbstlos oder im Interesse des Mädchens. Grenzenlos ist hier vor allem das eigene Bedürfnis, Mutter und Retterin sein zu wollen.

Radikale Regression

Besonders schmerzhaft ist Wiebkes Obsession für ihre andere Adoptivtochter, die von ihr kaum noch Aufmerksamkeit erfährt und durch Raya sogar in lebensbedrohliche Gefahr gerät, was Wiebke auch bei anderen Kindern in Rayas Nähe billigend in Kauf nimmt. Nicolina bekommt gute Noten in der Schule und orientiert sich zur Außenwelt hin, auch in der Hoffnung, eine Vaterfigur zu finden. Wiebke hingegen scheint sich daraufhin immer mehr von ihr abzuwenden, um sich mit der kleinen Raya in eine beunruhigende Regression zurückzuziehen. Dazu gehört auch, dass sie sich illegale Hormontabletten besorgt, um das fünfjährige Mädchen mit ihrer künstlich ausgelösten Muttermilch zu stillen.

Die Frage, wie weit ein Mensch für die eigenen Vorstellungen zu gehen bereit ist, verbindet „Pelikanblut“ mit „Tore tanzt“, aber auch, dass Transgressionen, aus welcher Motivation auch immer, sich einfachen Einordnungen in Gut oder Böse widersetzen.

Die Anleihen von „Pelikanblut“ ans Horrorgenre spiegeln eine solche Uneindeutigkeit als Widerspiel von Mythos und Wirklichkeit. Allerdings nehmen die Szenen, die sich auf die Unheimlichkeit des Kindes konzentrieren, dem Film etwas von der Ernsthaftigkeit seines Anliegens. Zu sehr glaubt man das von Dämonen und fremden Wesenheiten besessene Mädchen schon als stereotype Figur zu kennen, als dass man noch genau darauf achtet, wie sehr die Ähnlichkeit zwischen dem Psychologen und der Schamanin, die Wiebke schließlich für ein archaisches Ritual aufsucht, die Pathologie des traumatisierten Kindes beschreibt. Zudem lenken diese Elemente von der Unheimlichkeit der Mutter ab, die in sich selbst „eine Lücke trägt“, wie die Schamanin bemerkt, dieses Defizit aber lieber projektiv durch die fantasierte Rettung eines anderen verhandelt, als sich dem zuerst zu stellen.

Nina Hoss gelingt es durch ihr vielschichtiges und sensibles Spiel, die Protagonistin auf eine Weise zum Leben zu erwecken, die eine große Bandbreite an Emotionen auslöst und gesellschaftlich verdrängte Facetten von Weiblichkeit und Mutterschaft zum Klingen bringt, die Dissonanzen hervorrufen und gesellschaftlichen Tabus unterliegen. „Pelikanblut“ beweist eine große psychologische Genauigkeit und gewährt einen ebenso spannenden wie intensiven Einblick in die Ambivalenz kultureller Bilder.

Kommentar verfassen

Kommentieren