Liebesfilm | Großbritannien 2020 | 351 (acht Folgen) Minuten

Regie: Athina Rachel Tsangari

Britische Serie um eine Liebe zu dritt. Ein junges Paar nimmt eine Mitbewohnerin auf, um die teure Londoner Miete besser schultern zu können. Die bringt bald gehörig den Gefühlshaushalt der beiden durcheinander: Beide fühlen sich unwiderstehlich zu der neuen Untermieterin hingezogen, und auch sie erwidert die Gefühle. Mit viel Gespür für zwischenmenschliche Dynamik nimmt sich die Serie Zeit, um die drei Figuren kennenzulernen und ihre Beziehungen zueinander auszuloten. Fern von moralisierenden oder problematisierenden Perspektiven macht sie das Gefühlschaos und den Herzschmerz von Liebesbeziehungen mehr als greifbar. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
TRIGONOMETRY
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2020
Regie
Athina Rachel Tsangari · Stella Corradi
Buch
Duncan Macmillan · Effie Woods
Kamera
Sean Price Williams · Ashley Connor
Musik
Alexis Grapsas
Schnitt
Dan Roberts
Darsteller
Ariane Labed (Ray) · Thalissa Teixeira (Gemma) · Gary Carr (Kieran) · Rebecca Humphries (Caroline) · Anne Consigny (Mathilde)
Länge
351 (acht Folgen) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6 (Folge 6,7) & ab 12 (1-5,8)
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Liebesfilm | Serie

Heimkino

Verleih DVD
Polyband
Verleih Blu-ray
Polyband
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Im Chaos der Gefühle: Eine britische Serie um eine turbulente Dreiecksbeziehung zwischen einem Paar und seiner neuen Untermieterin.

Diskussion

Es ist gar nicht so leicht zu sagen, was diese Serie eigentlich ist. Für ein Drama ist sie zu leichtfüßig, für eine Komödie zu ernst und für eine Seifenoper zu nachdenklich. Irgendwo dazwischen pendeln sich die acht Folgen der britischen Serie „Trigonometry“ in einen ganz eigenen Rhythmus und Ton ein. Die titelgebende Dreiecksgeschichte ist dabei das Gravitationszentrum, um das sich die Figuren Kiernan, Gemma und deren neue Mitbewohnerin Ray bewegen.

Kiernan und Gemma sind ein Paar. Er ist Rettungssanitäter und sie baut gerade ein eigenes Café auf – um die Miete der Londoner Wohnung bezahlen zu können, müssen die beiden so viel arbeiten, dass sie einander kaum noch sehen. Sie vermieten deshalb ein Zimmer an die ehemalige Synchronschwimmerin Ray. Bereits Ende zwanzig, nabelt sich die junge Frau gerade erst von den Eltern ab. Ihre Sportkarriere musste sie wegen eines Unfalls beenden und ist deshalb gerade auf der Suche nach einem Leben danach.

Ein Einhorn mischt die Paar-Dynamik auf

Mit viel Gespür für zwischenmenschliche Dynamik nehmen sich die Showrunner Duncan Macmillan und Effie Woods Zeit, um die drei Figuren kennenzulernen und ihre Beziehungen zueinander auszuloten. Gemma und Kiernan sind ab dem ersten Treffen von Ray begeistert und umwerben sie, damit sie bei ihnen einzieht. „Sollen wir darüber sprechen, wie du sie angesehen hast?“, fragt Gemma ihn, als sie Ray beim Möbeltransport helfen – ihre Blicke verraten, dass sie selbst sich auch von der hibbeligen Französin angezogen fühlt.

Bei einem gemeinsamen Kneipenabend benennt ein alter Bekannter des Paares das noch Unausgesprochene und für Ray noch nicht Offensichtliche: Sie sei Gemmas und Kiernans „Einhorn“ – also die dritte Person in einer Dreiecksbeziehung. Sie wischt die Bemerkung als Witz beiseite. Doch wird ihr selbst langsam bewusst, dass sie tatsächlich drauf und dran ist, sich in die beiden zu verlieben, und auch für Kiernan und Gemma hat bereits das anfängliche Gefühlschaos des Verliebtseins begonnen. 

Facettenreiche Charaktere

Macmillan und Woods gestehen Ray jedoch eine viel dreidimensionalere Rolle zu, als es der Begriff des Einhorns vermuten lassen würde. Unabhängig voneinander geben sie den drei Figuren genügend Raum, um zu eigenständigen Persönlichkeiten zu werden: Ray, die überbehütet aufwuchs und sich von der übermächtigen Mutter und den sozialen Geflechten ihres ehemaligen Sportvereins lösen muss, um zu verstehen, wer sie ist und sein will;

Kierans Kindheit bei der Adoptivfamilie, seine Vergangenheit als Soldat und seine daraus resultierende Hilfsbereitschaft für Menschen in Not; Gemmas zerrüttete Familie zwischen der zu früh verstorbenen Mutter und dem militärischen Drill des Vaters, der ihre künstlerische Ader nicht versteht und sie auch als Erwachsene noch wie ein kleines Mädchen maßregelt.

Behutsam erkundet hier jeder und jede für sich die Beziehungen zu den beiden anderen. Gemmas und Rays zunächst schwesternhafte Freude, endlich eine Vertraute zu haben, Rays und Kiernans vertrauensvolle Gespräche über das Verarbeiten zurückliegender Traumata, Kiernans und Gemmas tiefe Beziehung, die in alltäglichen Gesten wie dem gemeinsamen Zudecken beim Fernsehabend deutlich wird. Dass sie sich reihum ineinander verlieben, ist für alle drei eine Überraschung und stellt deshalb auch alle drei Einzelbeziehungen auf die Probe. Als Gemma und Kiernan beschließen, zu heiraten, bricht es aus Ray heraus: Sie sei in sie beide verliebt und wisse nicht, wie sie damit umgehen solle, dass sie einander als Ehepaar nun für immer näherstehen würden als ihr.

Die Utopie der Romantic Comedy und das Familiendrama halten sich die Waage

Spätestens hier ist endgültig klar, dass „Trigonometry“ nicht nur von einer Dreiecksbeziehung handelt und diese schon gar nicht aus der Perspektive normierter Beziehungsmuster sensationalisiert oder moralisch problematisiert. Vielmehr schafft die Serie, was viele romantische Komödien nicht schaffen: Sie macht das Durcheinander von Liebesbeziehungen und den damit verbundenen Herzschmerz mehr als greifbar, dieses Gefühlschaos der ersten Annäherungen, die Unsicherheit, ob das Gegenüber ähnlich empfindet, die Erleichterung und die Missverständnisse, die dabei entstehen können. Rays Liebeserklärung kommt dann auch so unpassend und verzweifelt, wie solche Geständnisse eben passieren: am Vorabend der Hochzeit. Ungeduldig tigert und schleicht die Kamera mal mit Ray, mal mit Gemma über das Familienfest und erlebt dieses nervenzerreißende Bangen hautnah mit, ob nun die Freundschaft und die Beziehung beendet seien, bevor sie richtig anfangen konnten.

Dass eine solche Konstellation vom Umfeld nicht unbemerkt bleibt, ist natürlich klar. Sie habe schon zwei Coming-outs mitgemacht, das müsse doch reichen, blafft eine Freundin der bisexuellen Gemma, und Rays Mutter nimmt bei einer Geburtstagsfeier entsetzt Reißaus, weil sie merkt, dass ihre Tochter sich von ihren eigenen Erwartungen vom Leben wegentwickelt hat. Doch in solchen Situationen erdet die Aufrichtigkeit der Beziehungen die drei so, dass sie sich nach und nach zu sich selbst bekennen können – die Utopie der Romantic Comedy und das Familiendrama halten sich hier im besten Sinne die Waage.

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