Helmut Newton - The Bad and the Beautiful

Dokumentarfilm | Deutschland 2020 | 93 Minuten

Regie: Gero von Boehm

Der Filmemacher Gero von Boehm erinnert an seinen Freund Helmut Newton, indem er dessen berühmteste Fotomodelle vor seine Kamera holt und mit eigenem Material und unterschiedlichsten Archivaufnahmen zu einem unterhaltsamen Porträtfilm vereint, der aber wie ein Buddy Movie wirkt. Eine kritische Diskussion des provokativen Fotografen und seiner gestylten Nacktbilder unterbleibt; stattdessen wird Newton zu intellektueller Größe hochschwadroniert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Gero von Boehm
Buch
Gero von Boehm
Kamera
Marcus Winterbauer · Pierre Nativel · Alexander Hein · Sven Jakob-Engelmann
Schnitt
Tom Weichenhain
Länge
93 Minuten
Kinostart
09.07.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Gero von Boehm erinnert an seinen Freund Helmut Newton, indem er dessen berühmteste Fotomodelle vor die Kamera holt.

Diskussion

„Come up and see me, make me smile!“ (Steve Harley). Helmut Newton fand Filme über Fotografen bekanntlich eher langweilig. Ein bisschen Gepose, etwas dümmliches Geschwätz zwischen dem Fotografen und dem Model und dann ein paar Klicks. Insofern wäre der Fotograf mit Gero von Boehms Film über ihn recht angetan gewesen, denn hier geht es ostentativ um Lässigkeit und Leidenschaft; wenn hier geredet wird, dann sprechen eloquente Models über den Fotografen und seine Arbeiten.

Am 31. Oktober 2020 wäre Helmut Newton 100 geworden. Gestorben ist er allerdings schon 2004 in Folge eines Verkehrsunfalls in Hollywood. Zum runden Geburtstag hat sich von Boehm daran erinnert, dass er zu Lebzeiten sehr viel mit seinem Freund Newton gedreht hatte und dass viel ungenutztes Material liegengeblieben ist. Insofern kann man sagen, dass es sich bei „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ um ein Buddy Movie als Porträtfilm handelt. Von Boehm montiert eigenes Material, Interviews und Arbeitsbeobachtungen mit unterschiedlichstem Archivmaterial, um seinem verstorbenen Freund einen mit einem eklektizistischen, aber stilvollen Musik-Mix unterlegten Kranz zu flechten.

Beredte Passage durch Newtons Werk

Auf eine Passage durch wirklich pop-ikonografische Fotografien, die wohl nicht anders denn als Klassiker bezeichnet werden können, holt der Filmemacher die dazugehörigen Fotomodelle vor die Kamera, die längst selbst zu Stars geworden sind: Isabella Rossellini, Charlotte Rampling, Grace Jones, Marianne Faithfull, Nadja Auermann, Claudia Schiffer, Hanna Schygulla, Anna Wintour und andere.

Im Rückblick auf ihre Arbeit mit Newton sind sie erstaunlich beredt darin, dem Fotografen seine künstlerischen und insbesondere seine menschlichen Qualitäten nachzurühmen. War da mal was? Sexismus, Frauenfeindlichkeit? Mag sein, dass Newton „a little bit pervert“ (Grace Jones) gewesen ist, aber der Humor in seinen Arbeiten lässt sich wohl schwerlich übersehen (Nadja Auermann). Newton sei eben immer auch ein Geschichtenerzähler gewesen. Seine Ikonen mögen verstören, seien aber als subversive Denkanstöße gedacht oder zumindest von Teilen der Öffentlichkeit so wahrgenommen worden. Schließlich habe er einer sexistischen Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten und Frauen präsentiert, die groß, blond, stark und „in control“ waren.

Zu intellektueller Größe hochschwadroniert

War der „old naughty boy“ (Selbstbeschreibung) Newton also ein Macho, der die Autonomie starker Frauen als Männerfantasie produzierte, sie auch feierte und gerade deshalb einen Groll gegen die Frauen hegte? Der Supermodels mit Behinderung präsentierte und Brathühnern Pumps aus dem Puppenmuseum anlegte? Der Models im Maul eines Krokodils verschwinden ließ? Isabella Rossellini hat da eine Theorie: „Männer, die sich von Frauen angezogen fühlen, ihnen das aber übelnehmen, weil es sie verwundbar macht. Es gibt diese Kultur – und gleichzeitig gibt es Künstler, die ihr Ausdruck verleihen.“

Der Film schwadroniert Helmut Newton zu intellektueller Größe hoch, die die Aufnahmen mit dem Fotografen selbst jedoch nicht einlösen oder einlösen sollen. Der gibt sich nämlich als jungenhafter Filou. Er habe, so heißt es, Porträts von Menschen mit politischer, ökonomischer oder sexueller Macht angefertigt. Einmal habe er den französischen Rechtsaußen Le Pen vor seine Kamera gelockt und ihn mit seinem Hund fotografiert. Jeder kenne doch das Foto von Hitler und seinem Hund. Es wird geschwärmt, dass Newton mit seinen Arbeiten geradezu ein Psychoanalytiker gewesen sei. Richtig ist wohl eher, dass er sich hier als ein verschmitzter Kopist zeigt, der sich einem groben Klotz mit grobem Keil nähert. Immerhin: der Streich hat seinerzeit gesessen. Aus heutiger Perspektive löckte Newton, einen liberalen Zeitgeist nutzend, wider den Stachel der political correctness, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. In Zeiten von #MeToo ist derlei natürlich schon, äh, crazy. Kaum noch vorstellbar, diese Freiheit.

Kritische Positionen zu Newtons Kunst, einst virulent, bleiben hier akzidentiell. Zwar bekommt eine Kritikerin wie Susan Sontag einen Kurzauftritt, um zu betonen, dass das Werk sich nicht mit dem Charme des Autors aufrechnen lasse. Aber selbst wenn es stimmt, was Newton über sich sagte, dass er nämlich ein professioneller Voyeur sei, so kehrt Charlotte Rampling solcherlei Kritik lächelnd unter den Teppich: Wen kümmere schon der Mann, wenn es doch um seine Kunst gehe?

Busen, Beine, Hintern

Kunst? Newton selbst sagt im Film, für ihn gebe es zwei schmutzige Worte in der Fotografie: Kunst und guter Geschmack. Er interessiert sich für Arrangements, für Gesichter, Busen, Beine und Hintern; die Seele eines Menschen interessiere ihn hingegen nicht die Bohne. Charlotte Rampling fühlt sich dagegen in einem Porträt tief in ihre Seele geblickt.

Wenn das Flanieren entlang der Galerie von „Nudes“ allmählich zu langweilen beginnt, entsinnt sich von Boehm, dass er ja noch anderes Material in seinem Archiv hat. Etwa eine Art von Spaziergang mit Newton entlang der Orte seiner Berliner Jugend. Wie gut, dass Marianne Faithfull ahnt, wie wichtig „Weimar“ für Newtons Kunst gewesen ist. Die ganze Palette, also Brecht, Weill, Grosz. Folglich gibt es ein paar Anekdoten zum libertären Tanz auf dem Vulkan nebst Jazz, Nazis, Rassegesetzen und Leni Riefenstahl.

Klar, wer als Jude in Nazi-Deutschland bis zum 5. Dezember 1938 durchgehalten hat, bevor er „die Sause“ (Hanna Schygulla) Richtung Singapur machte, in dessen Fotografien hat die Riefenstahl ihre Spuren hinterlassen. Stichwort: Körperskulpturen, gerne groß, blond, stark. Doch bevor es zu verbindlich oder gar politisch wird, erzählt von Boehm lieber die anrührende Liebesgeschichte von „Helmi“ und seiner großen Liebe June Newton aka Alice Springs, die gleichfalls als erfolgreiche Fotografin gearbeitet hat.

Make me smile!

Das führte dann im Sommer 2000 zu einer gemeinsamen Ausstellung im Museum Ludwig in Köln, von der „der Karl“ (Lagerfeld) nicht sicher war, ob es sich dabei wirklich um eine gute Idee handelte. Viel Intimität, festgehalten in wechselseitigen Porträts zwischen Erotik, Genderplay und Krebs-OP. Von Boehm ist bei der Hängung der Ausstellung mit der Kamera dabei. So wie er auch in Los Angeles Helmut Newton beim Tanken mit der Kamera begleitet. Mit der Tankwartin ist Newton selbstredend per „Du“, schließlich liebt er ihre Fingernägel. Ein nahbarer Superstar. Zum Glück kommt im Haus von Gero von Boehm rein gar nichts weg.

Der schelmische Anarchist und widersprüchliche Macho Helmut Newton hätte das Filmporträt geliebt: unterhaltsam und provokant oberflächlich. „Make me smile“!

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