Die Flaschenpost-Insel

Drama | Deutschland 2018 | 86 Minuten

Regie: Toni Kurtin

Drei sehr unterschiedliche Kinder aus Wiesbaden müssen sich mit den Erwartungen ihrer Eltern, eigenen Sehnsüchten und Ängsten sowie Erfahrungen untereinander auseinandersetzen. Eine 12-jährige Afrikanerin träumt von ihren auf der Flucht ertrunkenen Eltern, ein Junge mit Asperger-Syndrom versteht die Menschen nicht, der Sohn eines US-Amerikaners fürchtet die Rückkehr in die USA. Der Kinderfilm fragt nach der Relevanz von Heimat, Familie und Freundschaft, wobei die Abenteuergeschichte um rätselhafte Fotografien aber allzu brav inszeniert ist, um wirkliche Spannung aufkommen zu lassen. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Toni Kurtin
Buch
Toni Kurtin · Theresia Dittrich · Luise Köhler
Kamera
Felix Harjans
Musik
Jan Grenner
Schnitt
Daniel Alznauer · Johannes Furrer
Darsteller
Teanna Weiß (Laini) · Jan Niklas Thomsen (Paul) · Aurelio Pokorski (Michael) · Alexander Koll (Henning) · Jördis Richter (Anni)
Länge
86 Minuten
Kinostart
17.09.2020
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Drama | Jugendfilm | Kinderfilm

Kinderfilm um ein Flüchtlingsmädchen, das an ihrem 12. Geburtstag von ihren Adoptiveltern ein Fotoalbum mit Bildern ihrer leiblichen Eltern geschenkt bekommt, die auf der Flucht ertrunken sind. Zwei Freunde helfen ihr, eine in den Fotos anscheinend verborgene Spur zu enträtseln.

Diskussion

„Die Flaschenpost-Insel“ beginnt mit minimalistisch-poetischen Bildern. Zuerst ist das weite blaue Meer zu sehen, dann filmt die Kamera unter Wasser weiter. Ein rostiges altes Boot zerteilt die Wasseroberfläche. Kleider und Schuhe treiben im Wasser. Da wacht das Mädchen Laini auf. Alles nur ein Traum! Noch im Bett schreibt Laini: „Liebe Mama, lieber Papa. Ich vermisse Euch. Eure Laini.“ Den Brief steckt sie wieder in eine Flasche und wirft sie in den Rhein, in der Hoffnung, dass ihre Nachricht irgendwann vielleicht doch ihre Eltern erreicht.

Laini lebt in Wiesbaden und feiert ihren 12. Geburtstag. Nachdem sie die Kerzen ausgeblasen hat, geben ihr ihre Adoptiveltern ein ganz besonderes Geschenk: ein altes, vom Wasser verformtes Fotoalbum. Es wurde an der Stelle gefunden, an der ihre leiblichen Eltern ertrunken sind. Neben den Familienfotos aus Afrika enthält es seltsame verwackelte Aufnahmen, deren Sinn das Mädchen nicht versteht. Ist das Fotoalbum ein Bilderrätsel?

Die Suche nach dem Glück

Als sie das Album mit in die Schule nimmt, wirft es ihr Klassenkamerad Michael auf den Boden: „Das soll ein Geschenk sein? Das ist alt und hässlich!“ Laini ist gekränkt, und Michael muss nachsitzen. Er leidet am Asperger-Syndrom und kann, so seine Mutter, „die Gefühle der anderen Kinder nicht wahrnehmen“. Noch voller Wut über Michaels Verhalten lernt Laini Paul kennen. Der 13-Jährige lebt mit seinen Eltern in der US-amerikanischen Militärsiedlung. Sein Vater arbeitet als Automechaniker und möchte so bald wie möglich in die USA zurück. Doch Paul will nicht weg aus Wiesbaden, er hat hier seine Freunde und will demnächst am Seifenkistenrennen teilnehmen.

„Man muss nicht immer hoch hinaus oder weit weg, um sein Glück zu finden. Meistens ist es ganz nahe bei dir“, hatte der Vater einst gesagt. Doch jetzt will er sich über die Wünsche seines Sohnes einfach hinwegsetzen. Paul will Laini helfen, das Rätsel um die Fotos zu lösen. „Das Foto wurde hier gemacht. Einer von meiner Familie muss schon einmal hier gewesen sein“, vermutet Laini, und Paul findet heraus, dass sich hinter den unscharfen Bildern geografische Koordinaten verbergen, die auf eine menschenleere Rheininsel bei Gustavsburg hindeuten.

Konflikte, Sehnsüchten, Erwartungen

„Die Flaschenpost-Insel“ erzählt im sommerlichen Wiesbaden von drei Kindern, die auf ganz unterschiedliche Weise Konflikte mit ihren Eltern erleben, Erwartungen an sie haben und sich mit ihrem „woher“ und „wohin“ auseinandersetzen. Für das Flüchtlingskind Laini ist es die Spannung zwischen der Sehnsucht nach den leiblichen Eltern und der Liebe der Adoptiveltern. Der immer korrekt im Anzug gekleidete Michael versucht, die Emotionen seiner Mitschüler zu zeichnen und sich gleichzeitig von seiner überfürsorglichen Mutter zu emanzipieren. Und Paul will Wiesbaden nicht wie seine Eltern verlassen und in die USA zurückkehren.

Diese Spannung und die Suche nach Orientierung verkörpern die drei Hauptdarsteller Teanna Weiß, Aurelio Pokorski und Jan Niklas Thomsen hervorragend; die Mimik des Mädchens erfasst sehr gut die emotionale Ambivalenz, die Trauer über das Verlorene, aber auch die Bindung an die neuen Eltern. Das gilt auch für die beiden Jungen, deren Konflikte mit dem Vater beziehungsweise mit der Mutter klar formuliert, aber nicht überzeichnet werden.

Der Film stellt die Frage, welche Relevanz Heimat, Familie und Verbundenheit für Kinder haben, und versucht bei den Antworten, Stereotypen zu vermeiden. Er zeigt eine kleine, heile Welt, in der die Dialoge mitunter etwas salbungsvoll klingen, wenn Lainis Adoptivvater das Mädchen vor der gefährlichen Rheininsel warnt: „Weißt du, was da für eine Strömung herrscht? Und diese Kälte. Deine Eltern sind ertrunken. Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert.“ Auch Gefühle werden ausformuliert, obwohl sie im Dialog seltsam flach wirken: „Ich habe deine Eltern zwar nicht gekannt, aber ich bin sicher, dass sie dich sehr geliebt haben.“ Lainis Flüchtlingsschicksal ist kolportagehaft konstruiert; ihre Eltern in dem Fotoalbum wirken wie ein modernes Paar aus New York vor einer afrikanischen Lehmhütte.

Weniger Harmonie wäre gut gewesen

Alle drei Kinder leben in einer beinahe anachronistischen Welt, in der sich die Sehnsüchte der Jungen noch auf Seifenkistenrennen richten und deren Alltag noch nicht auf Smartphones und Computer ausgerichtet ist. Nur einmal stellt eine Nachricht über ertrunkene Flüchtlinge vor Lampedusa einen zeitlichen Bezug her. Die Welt von Laini, Michael und Paul ist trotz ihrer Konflikte sehr brav, was dazu führt, dass die Abenteuergeschichte keine wirkliche Spannung entwickelt. Etwas weniger Harmonie und mehr Konflikte hätten dem Film – auch inszenatorisch – sicher gutgetan.

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