Gangsterfilm | Italien 2019 | 547 (acht Episoden) Minuten

Regie: Stefano Sollima

Eine Thriller-Serie rund um den Drogenhandel in seinen internationalen Verstrickungen. Dabei werden drei Handlungsstränge verquickt. Einer davon beleuchtet einen Machtkampf innerhalb einer italienischen Mafia-Familie, in der der Enkel des alten, im Untergrund lebenden Oberhaupts gegen dessen Vorherrschaft intrigiert; ein weiterer erzählt von einer amerikanischen Unternehmer-Familie, die mit ihrer Reederei den Transport der Drogen managet. Eine dritte Facette liefern die Machenschaften des Killerkommandos eines mexikanischen Drogen-Kartells, das den Stoff exportiert, sowie der Drogenkrieg zwischen „Narcos“ und mexikanischen Streitkräften und Polizisten. Dank einer souveränen Montage, einer packenden Inszenierung und eines versierten Schauspieler-Ensembles formt sich daraus ein packendes Gangsterepos über den universellen Nihilismus einer „ehrenwerten“ Gesellschaft, in der sich sämtliche Beziehungen der Logik von Geld und Gewalt beugen müssen. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ZEROZEROZERO
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2019
Regie
Stefano Sollima · Pablo Trapero · Janus Metz
Buch
Leonardo Fasoli · Mauricio Katz · Stefano Sollima · Roberto Saviano · Max Hurwitz
Kamera
Paolo Carnera · Romain Lacourbas · Vittorio Omodei Zorini
Musik
Mogwai
Schnitt
Hervé Schneid · Alejandro Brodersohn
Darsteller
Andrea Riseborough (Emma Lynwood) · Gabriel Byrne (Edward Lynwood) · Dane DeHaan (Chris Lynwood) · Adriano Chiaramida (Don Damiano "Minu" La Piana) · Giuseppe De Domenico (Stefano La Piana)
Länge
547 (acht Episoden) Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Gangsterfilm | Serie

Heimkino

Verleih DVD
StudioCanal
Verleih Blu-ray
StudioCanal
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Eine achtteilige Thriller-Serie rund um den Drogenhandel in seinen internationalen Verstrickungen, die drei Handlungsstränge zwischen Kalabrien, den USA und Mexiko verquickt.

Diskussion

Brot und Wein, Blut und Kokain – alles lässt sich mit einem niemals vollen Maß messen und mit einem Mittel gleichmachen: dem ungewaschenen Geld dreier krimineller, international agierender Organisationen, deren gierig-grausamem Treiben wir mit Entsetzen zuschauen, die jedoch durch ihre Firmengeflechte längst vitaler Teil unseres Finanz- und Wirtschaftssystems geworden sind. Die titelgebende Kodierung verweist dabei sinnigerweise auf den höchsten Fein- und Reinheitsgrad sowohl der italienischen Mehlmühlen als auch des südamerikanischen Alkaloids. „ZeroZeroZero“ nach dem gleichnamigen Buch von Roberto Saviano und filmisch realisiert von Stefano Sollima („Gomorra – Die Serie“) ist zugleich Krimiserie mit nahezu dokumentarisch-realistischem Anspruch, Neuerfindung des Mafiafilms aus dem Geiste von „Traffic – Macht des Kartells“ und somit auch die Geschichte von Großvätern und Enkeln, Vätern und Töchtern – eine Familienoper.

Ein süditalienischer Mafia-Clan, die US-Mittelsmänner & die Killer eines mexikanischen Kartells

Die Personen und ihre Darsteller: Don Minu (Adriano Chiaramida), Mafiaboss alter Schule, der ob früherer schwerer Vergehen gegen das Sittengesetz äußerst bescheiden in einem kalabrischen Erdloch haust, träumt mit der Bestellung der unglaublichen Menge von 5000 Kilogramm Kokain in Mexiko bereits von seiner glorreichen Auferstehung – macht dabei aber die Rechnung ohne seinen ehrgeizigen Enkel Stefano (Giuseppe De Domenico), der ganz andere Vorstellungen davon hat, wie und zu wessen Gunsten dieser Deal ablaufen sollte. Dann ist da in den USA Edward Lynwood (ein schmählich kurzes Gastspiel: Gabriel Byrne), ehedem respektabler Reeder in New Orleans mit Prunkvilla im Grünen, durch widrige wirtschaftliche Umstände nun jedoch genötigt, einen Teil seiner Flotte dem Transport heißer Ware zur Verfügung zu stellen, tritt nach dem schlichten Prinzip „to cut out the middleman“ alsbald von der Bühne ab; es sind seine Kinder Emma (Andrea Riseborough) und Chris (Dane DeHaan), die fortan in wechselnden Allianzen die Geschäfte führen – eine schicke Armbanduhr kann man zur Besiegelung der Machtverhältnisse mehrfach das Handgelenk wechseln sehen.

Und schließlich, gemessen an ihrem Entwicklungspotenzial und ihrer schieren Präsenz auf dem Schirm sicherlich die interessanteste Figur, ist da noch Manuel Contreras (Harold Torres), Ex-Offizier der mexikanischen Antidrogenarmee, eifriger Gottesdienstbesucher christlicher Sekten strenger Observanz und eigentlich Familienmensch (ohne eigene Familie jedoch), der sich sein ganz eigenes Killerkommando erschafft („Los Vampiros“) und so nicht nur das Kokainimperium der herrschenden Leyra-Sippe zum Einsturz bringt, sondern letztlich auch die „Terms of Trade“ der gesamten Transaktion diktieren kann.

Der universale Nihilismus der „ehrenwerten“ Gesellschaft

Auf diesen drei Ebenen, mit dramaturgisch geschickter Tempodynamik und teilweise akzentuiert durch eine virtuose Schnitttechnik, die parallele Handlungsstränge oder gar alternative Szenarien andeutet, lässt einen die Serie in acht fast einstündigen Episoden den blutigen Weg der Ware zu Wasser, zu Lande und in der Luft nachverfolgen, von Monterrey, Mexiko, über Dakar in Westafrika bis nach Goia Tauro in Kalabrien. Ein furioses Intro, ästhetisch auf der Höhe mit solchen zu „Bond“ und „Breaking Bad“, zeichnet ihn als goldene Spur auf verbrannter Erde; jene gemahnt an die Deltasysteme großer Ströme oder das Geäder im Inneren des menschlichen Körpers.

Es war bereits die Rede von einem „Mafiaepos reloaded“; viele Elemente und Topoi des Genres kehren natürlich auch in „ZeroZeroZero“ wieder: die perversen Ehrvorstellungen und privaten Codes („Laws are for cowards, rules are for men!“), der Kult der Gewalt, die fragwürdige Rolle von Kirche und Justitia (blind beide), auch der ganze Komplex von Sex, Reue und Tod – kurz: der universale Nihilismus der „ehrenwerten Gesellschaft“, die auch den jungen Unschuldigen keine Gnade gewährt.

Der Logik des Geldes wird alles geopfert – auch die Familie

Nicht gänzlich neu erfunden, doch überzeugend neuartig gewendet werden hier die Themen, die der Serie offenbar am meisten am Herzen liegen: die Dysfunktionalität der modernen Familie (ja, auch im kalabrischen Hinterland!) und die Rolle aktiver, selbstbewusster Frauen im männlichen Machtgefüge. Schauspielerisch treten aus dem insgesamt starken Ensemble namentlich Andrea Riseborough als Emma und Adriano Chiaramida als ’Ndrangheta-Urgestein besonders hervor. Ihr, die in kühler, durchaus berechenbarer Eleganz, angetan mit strengen, edlen Roben als Geschäftsfrau gleichermaßen durch die sonnenverbrannten Marktflecken Malis schreitet (dabei aufrechten Hauptes der Scharia trotzend) wie malerisch dem blutigen Morden in Italien beiwohnt, ist ein grandioses Finale beschieden – um den Preis fundamentaler existenzieller Einsamkeit in ihrem amerikanischen „Zementgarten“.

Das letzte Bild gehört allerdings wiederum dem unverwüstlichen Don Minu, der nicht sterben zu können scheint, wie viel Leid auch immer er auf sich, seine Familie, seinen Ort gehäuft haben mag. Im „bacio del nonno“, im Kuss des Großvaters, der ein Kuss des Todes ist, zerstiebt endgültig der selbstbetrügerisch gepflegte Mythos von „la famiglia“, der hier Ehre und Treue, vor allem aber beinharter geschäftlicher Logik des Geldes geopfert wird. Der Don als Gott Chronos, der seine Kinder (und Enkel) frisst – die Zeiten ändern sich wohl nie, und hier fällt der Vorhang: große Oper!

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