Freie Räume - Eine Geschichte der Jugendzentrumsbewegung

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 102 Minuten

Regie: Tobias Frindt

Anhand der Geschichte des selbstverwalteten Jugendzentrums Mannheim rekapituliert der materialreiche Dokumentarfilm die Bewegung gegenkultureller Kräfte von den späten 1960er-Jahren bis in die Gegenwart, Orte für Jugendliche jenseits kommerzieller Zwänge zu schaffen. Mit vielen Interviews und nostalgischem Archivmaterial schlägt der chronologisch strukturierte Film einen weiten Bogen von den bewegten Anfängen über die Jahre des Status quo bis hin zu den Umbrüchen der Gegenwart. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Tobias Frindt
Buch
Tobias Frindt
Schnitt
Tobias Frindt
Länge
102 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über die Bewegung der selbstverwalteten Jugendzentren, die in den späten 1960er-Jahren gegenkulturelle Versammlungsorte erstritt und bis heute behauptet.

Diskussion

Wer sich in einer sozialen Bewegung oder Initiative engagiert, sollte einen Ratschlag beherzigen: Bloß nichts wegwerfen! Vielleicht braucht eine Dokumentation später einmal vorzeigbares Material für die Schnitte zwischen den Talking Heads, um das Ganze filmisch etwas aufzulockern. Aktuelles Beispiel dafür, dass es sich lohnt, diesen Rat zu beherzigen, ist Tobias Frindts groß angelegte Geschichte der Jugendzentrumsbewegung. Der Film versucht, einen ganz großen Bogen von den späten 1960er-Jahren bis in die Gegenwart zu spannen, durchaus im Bewusstsein, nur „eine“ Geschichte zu erzählen. Auch deshalb, weil der Film regional im Südwesten Deutschlands verankert ist.

Ausgangspunkt ist die Geschichte und Gegenwart des Jugendzentrums (JUZ) in Mannheim, das der Stadtverwaltung in jahrelangen Kämpfen regelrecht abgerungen werden musste und das in vielerlei Hinsicht eine Vorbildfunktion für die Bewegung hatte. Eine Montage belegt eingangs exemplarisch das Fortbestehen selbstverwalteter Jugendzentren in Mannheim, Tübingen, Reutlingen und Schorndorf. Allesamt Häuser mit gegenkulturellen Traditionen, deren Angebote auch heute noch für die Szene attraktiv sind.

Im Habitus etwas gewöhnungsbedürftig

Interviews mit Aktivist*innen der ersten Stunde belegen, dass es durchaus an der Zeit ist, einen Film über die Jugendzentrumsbewegung zu machen; die ehemaligen Kämpfer haben mittlerweile fast durchgängig das Rentenalter erreicht, stehen als Zeitzeugen aber noch zur Verfügung. Mitunter ist ihr Habitus etwas gewöhnungsbedürftig, doch dafür bekommt man allerlei Informationen aus erster Hand über die Situation, auf die die Initiativen um 1970 reagierten.

Die Jugendzentrumsbewegung war gewissermaßen die zeitverzögerte Verlängerung der außerparlamentarischen Opposition (APO) und der Studentenbewegung in die Provinz. Die einsetzende Liberalisierung der Lebenswelten, die wachsende Freizeit und auch politische Impulse ließen den Ruf nach selbstbestimmten Treffpunkten für Jugendliche, die nicht in erster Linie kommerziellem Denken verpflichtet waren, laut werden. Die sich artikulierenden Bedürfnisse konnten von traditionellen Angeboten wie Kirchen, Sport- oder Musikvereinen nicht mehr befriedigt werden. Zugleich war ein Impuls spürbar, sich nicht weiter von übergeordneten Autoritäten fremdbestimmen zu lassen oder diesen Rechenschaft schuldig zu sein.

Wer in den 1970er-Jahren aufgewachsen ist, wird sich vielleicht noch an die Kämpfe um selbstverwaltete Jugendzentren erinnern, die mit Überlegungen einhergingen, wie die entstehenden Freiräume kreativ und demokratisch zu füllen seien. Ein weites Feld für Experimente, die auch fehlschlagen konnten.

Der Aufbruch und die ersten Jahre

Der Film widmet sich sehr ausführlich dem Aufbruch und den Anfangsjahren der Bewegung, wobei all die Ideen und Probleme zur Sprache kommen, die zu realisieren oder zu bewältigen waren. Aus heutiger Sicht wirkt es bemerkenswert naiv und zugleich aufregend selbstbewusst, wenn die Aktivisten darangingen, von den Stadtverwaltungen Räume und einen entsprechenden Etat zu fordern, den man autonom verwalten wollte. Diese Konzepte wurden nicht nur mit entsprechender Chuzpe vorgetragen, sondern nicht selten auch mit Demonstrationen und Sitzblockaden unterstützt. Hatte man Erfolg, begannen die Mühen der Ebene, denn jetzt musste der erkämpfte Raum mit Leben erfüllt werden und zugleich das Ethos des Aufbruchs gewahrt werden. Was nicht nur durch Selbstausbeutung zu leisten war, sondern auch zu permanenter Rückversicherung in Vollversammlungen führte.

Da die Etats Jahr um Jahr immer wieder aufs Neue erkämpft werden mussten, eignete den Jugendzentren das Flair des Provisorischen, ein Hauch von Flohmarkt und Sperrmüll-Sammlung. Von außen wurden die Jugendzentren kritisch beobachtet, galten sie doch als Hort von Linksradikalismus und Drogenmissbrauch, Randalen und Vandalismus.

Weil die Aktivisten in der Anfangsphase ständig eine Öffentlichkeit für ihre Interessen herstellen mussten – und nebenbei gute Archivarbeit leisteten –, kann Tobias Frindt aus dem Vollen schöpfen und die Zeitzeugen-Reminiszenzen mit viel nostalgischem Archivmaterial unterfüttern. Darin herrscht dann die geballte 1970er-Folklore: Es werden Fäuste geballt, Liedermacher singen vom Mut, auf der Straße wird agitiert, Filme werden gedreht, Interviews gegeben, Flugblätter gedruckt und Transparente getragen. Musiker solidarisieren sich. Politische Jungorganisationen wie die Jusos, die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend oder auch „K“-Gruppen, kommunistische Gruppen, mischten mit. Nicht zu übersehen ist dabei, was man heutzutage „Mansplaining“ nennt, die herablassende Belehrung vermeintlich weniger informierter Frauen. Tatsächlich machte es einen erheblichen Unterschied, ob eine lokale Jugendzentrumsinitiative aus der Schüler- oder der Lehrlingsbewegung erwuchs.

Der Status quo ab Mitte der 1970er-Jahre

Auf die Jahre des Aufbruchs und der erfolgreichen Mobilisierung folgen die Jahre des eher glanzlosen Status quo, die ab Mitte der 1970er-Jahre wohl als Krise der Bewegung gelesen werden müssen. Selbstverwaltete Jugendzentren haben eben immer auch damit zu tun, inwieweit sich die Attraktivität von Engagement über die Generationen hinweg kommunizieren lässt. Deutlich wird auch, dass selbst für die Generation des Aufbruchs irgendwann der Zeitpunkt kam, an dem sie für die Arbeit im Jugendzentrum schlicht zu alt wurde. Mit ihren großen Egos und all den Tipps und dem Know-how aus den heroischen Jahren erinnerten die Gründer die nachwachsenden Jugendlichen zu sehr an ihre eigenen Eltern.

Da der Film chronologisch erzählt, schlägt sich diese Krise auch in der Narration nieder, der zeitweise der rote Faden verloren zu gehen droht. Interessant wird es erst wieder, wenn „Freie Räume“ von der Gegenwart erzählt und deutlich macht, dass heute weniger die Selbstbestimmung gegenüber dem Establishment behaupten werden muss, sondern dass es vielmehr darum geht, Orte für Minderheiten zu garantieren. Auch in der Jugendkultur ist die Zeit schließlich nicht in den 1970er-Jahren stehengeblieben. Gegen die Bedrohung von rechts, die durchaus konkret ist, gilt es gerade auch in der Provinz, einen Ort zu schaffen oder zu erhalten, an dem man sich mit Gleichgesinnten treffen kann. Oder vielleicht überhaupt erst erfährt, dass es Gleichgesinnte gibt.

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