Lionhearted - Aus der Deckung

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 90 Minuten

Regie: Antje Drinnenberg

Der Münchner Boxtrainer Ali Cukur unterrichtet junge Menschen nicht nur die Kunst des Faustkampfes, sondern coacht sie auch fürs Leben. Für viele seiner Schüler, unter ihnen viele Geflüchtete und Menschen mit schrecklichen Erfahrungen, wird er zu einer Art Ersatzvater, der sie mit Zuneigung und viel Engagement fürs Leben stärken will. Der stylische Dokumentarfilm filmt die Schüler und ihre erschütternden Biografien mit einer rauen Optik und viel Streetcredibility. Die fast hagiografisch anmutenden Bilder umweht mitunter ein gewisses Pathos, das allerdings zum Sujet passt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Antje Drinnenberg
Buch
Antje Drinnenberg
Kamera
Janis Willbold
Schnitt
Anya Schulz
Länge
90 Minuten
Kinostart
23.09.2021
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm

Doku über den Münchner Boxtrainer Ali Cukur und eine Handvoll seiner Schützlinge, denen er nicht nur die Kunst des Faustkampfes beibringt, sondern auch fürs Leben coacht.

Diskussion

„Life is a metaphor for boxing“, heißt es eingangs. Das Motto wird als Zitat des Boxers George Foreman präsentiert; nach anderen Quellen soll der Satz allerdings von der US-amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates geprägt worden sein. Interessanter als die korrekte Zuschreibung ist die nur vermeintlich verdrehte Aussage des Zitats. Dass Boxen oft als Metapher fürs Leben herhalten muss, ist bekannt. Aber das Leben als Metapher fürs Boxen?

Nach anfänglicher Irritation leuchtet das aber durchaus ein. Das Leben mit seinem Auf und Ab, seinen sich ewig wiederholenden Runden und all den Versuchen, Schlägen auszuweichen, sie einzustecken oder selbst auszuteilen – das hat durchaus etwas von einem Faustkampf an sich.

Die Regisseurin Antje Drinnenberg liebt das Spiel mit den Metaphern, in die eine wie die andere Richtung; mal dient das Boxen dem Leben als bildhafter Ausdruck, mal umgekehrt. Mitunter übertreibt sie es sogar, wenn die Risse eines Boxsacks Anlass geben, über die (inneren) „Risse“ der Boxenden zu sinnieren. Viel schöner ist es, wenn solche Parallelen beiläufig daherkommen, sich neben den Bildern oder über sie vermitteln, ohne ausgesprochen zu werden. Dann gelingen dem Dokumentarfilm über den Münchner Boxtrainer und vielfachen Ersatzvater Ali Cukur große Momente.

Die „Münchner Löwen“

Cukur ist das Zentrum des Films, sein Dreh- und Angelpunkt. Mit neun Jahren kam er aus der Türkei nach Deutschland, wo er als Jugendlicher mit dem Boxen begann und den Sport inzwischen seit mehr als vier Jahrzehnte unterrichtet. Seit 1997 leitet er die Box-Abteilung beim TSV 1860 München, den so genannten „Münchner Löwen“; darauf spielt auch der Titel des Films an.

Cukur trainiert junge Menschen, mit Hilfe des Boxens im Leben besser klarzukommen. Sein oberstes Credo ist die Vermittlung der Kompetenz, Schlägen auszuweichen. Klar, manchmal muss man auch zurückschlagen. Grundsätzlich aber geht es ihm darum, seinen Schützlingen so viel Selbstvertrauen und Selbstbeherrschung beizubringen, dass sie im entscheidenden Moment über den Dingen stehen und cool bleiben.

Es sind zum überwiegenden Teil Menschen, die trotz ihres jungen Alters ein schweres Schicksal mit sich herumtragen. Zahlreiche Geflüchtete sind dabei, auch solche, die als unbegleitete Minderjährige nach Deutschland kamen. Oder junge Männer, die öfters mit dem Gesetz in Konflikt kommen, sich selbst und ihre Emotionen nicht im Griff haben. Etwa der vielfach vorbestrafte Burak, der ganz offen davon spricht, dass etwas Brutales in ihm wach wird, wenn er Blut sieht. Andererseits ist er aber auch ein Dampfplauderer, über dessen „Gelaber“ sich der Trainer mehrfach aufregt.

Es gibt aber auch den sanften, als Boxer vielversprechenden, fürs Cukurs Geschmack manchmal aber zu „lässigen“ Abu Fela, der auf der Flucht schlimme Erfahrungen gemacht hat. Oder den aus dem Togo stammende Rashad, den sein Vater auch mit rauen Methoden nicht davon abbrachte, seine Zukunft zu verspielen. Der Vater von Saskia ist tödlich verunglückte, als sie acht Jahre alt war; mit dem Boxen versucht sie sich fürs Leben zu wappnen.

Von der Straße weg

Cukur ist ein Ersatzvater für die junge Frau, aber auch für all die anderen, die zu ihm ins Training kommen. Diesen Platz nimmt der warmherzige, kluge, aber auch fordernde Mann ein, obwohl er selbst einen gewalttätigen Vater hatte, an dem er sich mit seinen gut 60 Jahren immer noch abarbeitet. Cukur holt die jungen Menschen von der Straße, bietet ihnen einen Zufluchtsort, scheint für alle ein offenes Ohr, Aufmerksamkeit und Verständnis zu haben und unterstützt sie auch bei privaten Problemen.

Drinnenberg porträtiert den auf seine ruhig-verlässliche Weise sehr beeindruckender Mann in München, aber auch auf einer Trainingsreise nach Ghana. Mit dem Reiseziel verbindet der Trainer durchaus pädagogische Absichten; er will seinen Schülern ihre privilegierten Status vor Augen führen und ihren Blick für die Welt öffnen.

Die Regisseurin agiert sehr stilbewusst, filmt und montiert die oft bewusst ungeschönten Bilder im Beat des Hiphop- und Rap-Soundtracks oder dem Rhythmus eines Boxkampfes. Sie setzt Zeitlupen ein, verwendet auch Schwarz-Weiß-Bilder, unterlegt sehr viel Musik und kreiert damit ein gewisses Pathos, das aber auch zum Sujet passt. Ihre Story erzählt sie mit einer bewusst rau und „echt“ wirkenden Optik, die auch überhöhende, fast hagiografisch anmutende Bilder integriert.

Was einen Unterschied macht

Zusammen mit den erstaunlich offen sprechenden, so interessanten wie sympathischen Protagonisten ergibt das viel „Streetcredibility“ und eine ziemlich coole Mischung, die mitunter aber auch etwas dick aufgetragen ist. Ein bisschen Pathos muss man vertragen, bei Porträt eines Boxtrainers, der so selbstverständlich wie eindrücklich demonstriert, dass jeder täglich einen Unterschied machen kann.

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