Drama | Deutschland/Italien 2019 | 91 Minuten

Regie: Elisa Mishto

Eine eigensinnige junge Frau hat sich fürs Nichtstun entschieden, verprasst ihr Erbe und begehrt gelegentlich gegen die gesellschaftliche Normalität auf. Regelmäßig weist sie sich aber auch selbst in eine psychiatrische Klinik ein, wo sie sich in eine Krankenschwester verliebt, die so ziemlich in allem das Gegenteil von ihr ist. Dennoch fühlen sich beide Frauen magisch voneinander angezogen. Der Film erzählt unkonventionell vom Kampf und der Anstrengung, gegen innere und äußere Zwänge aufzubegehren, wobei er stilistisch keine Einheitlichkeit anstrebt, sondern unterschiedliche Elemente und Erzählweisen nutzt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Italien
Produktionsjahr
2019
Regie
Elisa Mishto
Buch
Elisa Mishto
Kamera
Francesco Di Giacomo
Musik
Sascha Ring · Philipp Thimm
Schnitt
Beatrice Babin · Christiano Travaglioli
Darsteller
Natalia Belitski (Julie) · Luisa-Céline Gaffron (Agnes) · Martin Wuttke (Dr. Hermann) · Katharina Schüttler (Katrin) · Juliane Elting (Antonia)
Länge
91 Minuten
Kinostart
17.06.2021
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama

Eine eigensinnige junge Frau, die ihr Erbe verprasst, verliebt sich in einer psychiatrischen Klinik in eine stille Krankenschwester, die in allem das ziemliche Gegenteil von ihr ist.

Diskussion

„Stillstehen“ hat einen seltsamen Flow. Mal funktioniert alles wie gewohnt, mit einem erkennbaren narrativen Bogen, guten und richtig platzierten Pointen. Mal aber hängt alles in der Luft: Szenen ohne Auflösung, Stocken, Zaudern, Loslassen, beherrschte Gefühle. Plötzlich tut sich eine Supertotale auf, als würde sie einem anderen Film, einem anderen Genre entstammen. Es gibt Figuren am Rande, deren dramaturgischer Wert gegen Null tendiert. Als wüsste der Film selbst nicht weiter. Oder besser: Als müsste er gar nicht weiter. Dann passieren Dinge wie von selbst.

„Stillstehen“ handelt von zwei Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Ob sie ein Verhältnis beginnen, sich näherkommen – und was dieses Näherkommen in ihnen jeweils auslöst –, sind die Fragen, aus denen der Film seine Spannung schöpft.

Sexuelles Verlangen und mehr

Was die beiden zueinander hintreibt, ist sexuelles Verlangen, aber nicht nur. Sie nehmen sich wahr, was zunächst einmal ein großes Glück ist und alles andere als selbstverständlich. Sie erkennen sich; ein Spiegelverhältnis ist das, eine mögliche Komplizenschaft auf der Basis einer ähnlichen Veranlagung, die von der einen offensiv ausgelebt wird, sich bei der anderen zunächst aber nur vermittelt zeigt.

Das Spielfilmdebüt der aus Italien stammenden Regisseurin Elisa Mishto lässt durchaus an einen typischen Studierendenfilm denken: der suggestive Titel, die Fixierung auf innere Konflikte, eine vorsichtige Inszenierung. Das stimmt, und dennoch ist „Stillstehen“ in der Summe seiner Teile alles andere als das. Der Film ist zugleich von Ironie und Naivität, von äußerer Ruhe und innerer Bewegtheit durchsetzt, auf eine schwer zu fassende Art.

Alles ist Pose, eine Kampfansage an die Gesellschaft

Die beiden, die sich verführen, heißen Julie und Agnes. Julie (Natalia Belitski) ist jung, schön, über die Maße arrogant. Aufgrund familiärer Vorbelastung entschied sie sich dafür, keine Ameise wie die anderen zu sein: „Was auch immer passiert, ich werde stillstehen.“ Nichts tun und einfach nur sein: Geht das? Das geht, aber dieser Lebensentwurf hat seinen Preis: Keine Arbeit, keine Beziehungen. Ihr Erbe verprasst Julie stattdessen durch Extravaganzen aller Art. Mal steckt sie ein Auto eines Fremden in den Brand, mal entführt sie ein Lama aus dem Zirkus und nimmt es mit auf einen Rave. Regelmäßig weist sie sich in eine psychiatrische Klinik ein: „Doktor Hermann, haben Sie mich vermisst?“ Slickes Outfit in gedeckten Tönen, gelbe Gummihandschuhe im Schlaf – alles an Julie ist Pose und Performance, alles eine Kampfansage an die Gesellschaft, in der Arbeit als Privileg und Grundvoraussetzung gilt.

Agnes (Luisa-Céline Gaffron) ist Krankenschwester in der psychiatrischen Klinik und für Julie als Betreuerin zuständig. Anders als die ihr anvertraute Patientin bemüht sich Agnes stets, die Regeln einzuhalten. Doch vergebens. Ihre kleine Tochter redet nicht mit ihr, ihr Ehemann nimmt sie nicht ernst, Bekannte finden sie geschmacklos. Agnes wirkt durch das Mutter-Sein und die Arbeit in der Klinik maßlos überfordert, so als würde sie nicht in ihr eigenes Leben passen, als wäre ihr darin alles fremd und sie selbst eine Fremde.

Nicht was man wollte oder erwartete

Gaffron ist als Agnes eine faszinierende Erscheinung, sehr sinnlich und dennoch naiv und rein, bisweilen fast kindlich. Ihre Gemütsbewegungen, die Überforderung, die Frustration, die Scham – alles an ihr ist nach außen gekehrt, alles unmittelbar. Ein offenes Buch. Mit Julie zusammen macht es Spaß, in diesem Buch zu lesen. Die vollen Lippen schminkt Agnes rot und leicht über den Lippenrand hinaus; wie eine nach einem Kuss schreiende Erwartung, aber auch wie eine Wunde sieht das aus.

Für das Aufbegehren, das in ihr schlummert, findet der Film einen wunderbaren Ausdruck. Auch das ist eine Szene, die aus der Handlung herausfällt: Der Speisesaal der Klinik ist ins Dunkel getaucht; die kleine Bühne, die auf einmal da ist, glamourös beleuchtet. Agnes singt selbstvergessen: „This is not what you wanted, not what you had in mind.“

„Stillstehen“ erzählt vom Ringen, vom Kampf, um zu sich selbst zu finden, vom Ablegen der eingeübten Narrative und der inneren Befreiung, wenn auch nur für kurze Zeit. Und davon, dass der selbstauferlegte Stillstand einem ganz schön viel Bewegung und Erfindungskraft abverlangt.

Lockt mit verborgenen Seiten

Der Film schöpft seinen Reiz nicht zuletzt aus der musikalischen Untermalung. Sascha Ring und Philipp Thimm komponieren eine Mischung aus elektronischen und analogen Sounds: sehr Indie, fragil, warm, dunkel, betörend, die sich sanft an die Bilder anschmiegen oder auch mal turbulent in den Vordergrund rücken. Außerdem gibt es coolen Elektropop von Lea Porcelain und Ladytron.

Dennoch hinterlässt „Stillstehen“ einen ein wenig ratlos. Man hätte aus den zu Grunde gelegten Konflikten viel mehr machen können. Dass Elisa Mishto das nicht getan hat, ist allerdings gut so. Alles scheint sehr einfach gedacht zu sein, und doch ist da ein Gefühl von Mehr, von einer weiteren Geschichte, die nur darauf wartet, auseinandergefaltet zu werden. „Stillstehen“ schmilzt in der Erinnerung weiter dahin, dreht und wendet sich, lockt mit seinen verborgenen Seiten. Mehr, als sein spröder Titel verspricht, ist der Film allemal.

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