Out of Play - Der Weg zurück

Drama | USA 2019 | 109 Minuten

Regie: Gavin O'Connor

Ein ehemaliger High-School-Basketballstar ist nach einem Familiendrama komplett aus der Spur geraten und ertränkt seinen Schmerz in Alkohol und stumpfer Routine. Dann aber reißt ihn der Ruf seines ehemaligen Teams aus der Lethargie, das er als Trainer zu alter Größe zurückführen soll. Das Drama verquickt Sportfilm und Melodram zu einem mitunter vorhersehbaren Plot, gewinnt insbesondere durch das Spiel des Hauptdarstellers aber einen überraschenden Sog und Momente großer Wahrhaftigkeit, wenn die innere Zerrissenheit des Süchtigen und das Zerstörungspotenzial des Alkoholismus aufleuchten. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE WAY BACK
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Gavin O'Connor
Buch
Brad Ingelsby
Kamera
Eduard Grau
Musik
Rob Simonsen
Schnitt
David Rosenbloom
Darsteller
Ben Affleck (Jack) · Al Madrigal (Dan) · Janina Gavankar (Angela) · Michaela Watkins (Beth) · Brandon Wilson (Brandon Durrett)
Länge
109 Minuten
Kinostart
23.07.2020
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Sportfilm

Mischung aus Sportfilm und Melodrama um einen ehemaligen High-School-Basketball-Star, der nach einem Familiendrama komplett aus dem Tritt geraten ist.

Diskussion

Der Kühlschrank ist randvoll mit Bierdosen. Fünf oder sechs Sixpacks stehen bereit, wenn der Bauarbeiter Jack Cunningham (Ben Affleck) den Feierabend einläutet. Der Exzess ist für den alleinstehenden Mittvierziger schon lange zum Ritual geworden. Immer wenn er eine Dose herausnimmt, legt er eine neue aus dem Kühlschrank ins Eisfach; er schnippt die Öse der frischen Dosen auf und setzt noch auf dem Weg zur Couch zum Trinken an. Dose um Dose geht das so, bis am Ende des Abends der Kühlschrank leer ist und Jack ins Bett fällt. Tag für Tag. Der stumpfe Alltag ist schon lange nur noch Mittel zum Zweck: Jack funktioniert tagsüber wie eine der Maschinen auf der Baustelle, betäubt sich jeden Abend aufs Neue und muss morgens unter der Dusche ein Konterbier trinken, um wieder hochzufahren.

Ein Familiendrama warf ihn aus der Bahn

Erst der Anruf seiner ehemaligen High School bewegt etwas in ihm – er war damals der Basketballstar der Schule und hatte eine glänzende Sportlerkarriere vor sich. Doch wie so oft hatte das Leben etwas Anderes mit ihm vor. Ein Zwist mit dem Vater wird angedeutet, und im Laufe des Films verdeutlicht sich ein Familiendrama, das zur Trennung von seiner Frau führte und ihn in die Alkoholsucht trieb. Genau das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Dramen wie „Out of Play“ geschrieben sind. Das Leben ist ein sprichwörtliches Spiel, aber nicht im Sinne einer mühelosen Leichtigkeit, sondern als ständige Partie, in der es um alles zu gehen scheint. Der amerikanische Traum ist eben nur für all diejenigen zum Greifen nahe, die sich selbst im Griff haben.

„Out of Play – Der Weg zurück” von Drehbuchautor Brad Ingelsby und Regisseur Gavin O’Connor ist zur Hälfte ein Suchtdrama, zur anderen ein Sportfilm und erzählt genau diesen Bruch, den der amerikanische Traum erzeugt: zwischen dem Mythos der „best version of yourself“, also dem obligatorischen Versuch, sich selbst zu optimieren, und der schlichten Lebensrealität der Arbeiterklasse, die es selten aus ihrem Hamsterrad herausschafft.

Misserfolge sind in diesem System nicht vorgesehen; wer an sich oder der Gesellschaft scheitert, ist raus. Nun aber soll Jack das erfolglose Team zu alter Größe führen. Seine Selbstüberwindung und der Sportsgeist der Mannschaft müssen aneinander wachsen. Das ist zweifelsohne ein solides Grundgerüst für einen Film, der den Kampf zurück ins Spiel des Lebens schon im Titel trägt.

Verteidigung und Angriff

Der Basketball-Handlungsstrang ist daher ein wenig vorhersehbar und die Inszenierung baut auf vertraute Tropen: Jack blafft den Jugendlichen sportlich banale Anweisungen und Spielzüge hin, die in ihrer Einfachheit metaphorischen Beschwörungen gleichen, und prompt verbessert sich kurz darauf die Statistik. „Defense creates offense“, mahnt er immer wieder, aus Verteidigung wird Angriff, und so könnte auch sein persönliches Motto lauten. Denn sobald ihn jemand auf seine Gesundheit anspricht, schnappt er kurz aus seiner versteinerten Hülle hervor und verteidigt die selbst geschaffene Einsamkeit, an der er dennoch maßlos zu leiden scheint. Nur langsam kommt er aus sich heraus und gesteht seine Krankheit ein.

Bedauerlicherweise zeichnet das Drehbuch diesen zentralen Punkt als einfache Gleichung: Alkoholismus wird hier zu einer Frage von Ursache und Wirkung, zum logischen Ergebnis einer Kausalkette – hier bei Jack die Familientragödie, an der seine Ehe zerbrach. Wie einfach wären Suchterkrankungen zu behandeln, wenn es so simpel wäre. Die Figurenzeichnung in „Out of Play“ verliert damit an emotionaler Tiefe, denn das oft undurchschaubare persönliche Drama einer Alkoholerkrankung wird auf ein einfach zu behebendes Problem und eine Morallehrstunde reduziert.

Ein überraschender Sog

Trotz dieser generischen Prämisse entwickelt „Out of Play“ einen überraschenden Sog, der in weiten Teilen dem Hauptdarsteller Ben Affleck zu verdanken hat. Der Film ist nach „The Accountant“ (2016) Afflecks zweite Zusammenarbeit mit O’Connor. Afflecks filmische Misserfolge und Fehlentscheidungen der letzten Jahre wären schon Grund genug, Jacks Kampf auch als einen Versuch seiner eignen Rehabilitation zu lesen. Doch auch Afflecks persönlicher, teils öffentlich ausgetragener Kampf gegen die Alkoholsucht schwingt hier mit – nicht nur unterschwellig, denn Affleck erklärte kurz vor dem US-Kinostart, dass die Rolle und die erneute Auseinandersetzung mit seiner Sucht und der zerbrochenen Ehe mit der Schauspielerin Jennifer Garner für ihn eine therapeutische Erfahrung gewesen seien.

Solche Statements sind in Hollywood freilich nichts Neues, da die Verquickung von Rollen und die Inszenierung des Privatlebens der Stars seit jeher eine Marketingstrategie ist. Erstaunlicherweise wirkt Afflecks persönlicher Zugang zu Jacks Figur jedoch nicht wie ein Kniff in der Selbstvermarktung, sondern auf bewegende Art glaubhaft. Ihm scheint tatsächlich daran gelegen, die innere Zerrissenheit eines Alkoholkranken authentisch zu vermitteln und Einblicke in diese oft einsame Welt zu gewähren. Grimmig lässt er Jack vor sich hinbrüten; selbst vor seiner Schwester schottet er sich ab.

Momente der Wahrhaftigkeit

Kann er seine Stimmungsschwankungen nicht mit Alkohol unterdrücken, bricht seine Wut bisweilen spontan aus ihm hervor. In einer der einschüchterndsten Szenen des Films betont Jacks Schwester erneut ihre Sorge um seine Gesundheit, die er als übergriffig empfindet, weshalb er ihre Hilfsangebote lange freundlich ablehnt. Scheinbar plötzlich reißt ihm der Geduldsfaden und er schlägt eine offene Bierdose von der Küchentheke. Das aggressive Knistern zwischen den beiden ist regelrecht spürbar, und die Zerstörungskraft dieser Krankheit blitzt aus Jacks Augen. Solche kurzen Momente ehrlicher Emotionen sind es, die in „Out of Play“ nachwirken und dem Film eine Wahrhaftigkeit verleihen.

Kommentar verfassen

Kommentieren