Biopic | Niederlande/Belgien 2018 | 137 Minuten

Regie: Maria Peters

Der biografische Spielfilm zeichnet das außergewöhnliche Leben der aus den Niederlanden stammenden US-Dirigentin Antonia Brico (1902-1989) nach, die es mit Witz und einem ungeheuren Willen schaffte, als erste Frau ein Orchester zu dirigieren. Der redliche Film erinnert an eine wichtige Pionierin in einem bis heute männerdominierten Bereich, setzt in der Inszenierung aber stark auf melodramatische Elemente. So werden Bricos Herkunft tränenreich aufgedeckt und ihre Liebesgeschichte zu einem wohlhabenden Mann ausgestaltet, was nicht so recht zu einer Frau passt, die für die Musik so ziemlich alles opferte. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
DE DIRIGENT
Produktionsland
Niederlande/Belgien
Produktionsjahr
2018
Regie
Maria Peters
Buch
Maria Peters
Kamera
Rolf Dekens
Musik
Quinten Schram · Bob Zimmerman
Schnitt
Robin de Jong
Darsteller
Christianne de Bruijn (Antonia Brico) · Benjamin Wainwright (Frank Thomsen) · Scott Turner Schofield (Robin Jones) · Seamus F. Sargent (Mark Goldsmith) · Annet Malherbe (Antonias Mutter)
Länge
137 Minuten
Kinostart
24.09.2020
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Künstlerporträt

Biografischer Film über die US-amerikanische Dirigentin Antonia Brico (1902-1989).

Diskussion

Eine Karriere als Konzertpianistin? Der renommierte Dirigent schüttelt den Kopf und empfiehlt Antonia Brico, lieber zu heiraten und Kinder zu bekommen. Doch die junge Frau hat keine Lust auf das Standardprogramm. Sie brennt für die Musik. Im Jahr 1926 jobbt sie in einem New Yorker Konzerthaus als Kartenabreißerin. Ihren heimlichen Wunsch, Dirigentin zu werden, behält sie vorerst noch für sich, dirigiert aber schon mal heimlich mit, wenn ihr Idol Willem Mengelberg Mahlers 4. Sinfonie leitet und die Klänge zu ihr in den Flur dringen.

Der Dirigent Mengelberg, sein deutscher Kollege Karl Muck und all die anderen in „Die Dirigentin“ versammelten Berühmtheiten haben wirklich gelebt. Und Antonia Brico natürlich auch, die erste Frau, die die Berliner Philharmoniker dirigierte. Das war 1930 eine Sensation – und wurde dann unter den Teppich gekehrt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Frauen am Pult bedeutender Orchester sind immer noch eine Seltenheit. Auch wenn es Ausnahmen gibt wie die Australierin Simone Young, die bis 2015 zehn Jahre als Chefdirigentin an der Staatsoper in Hamburg tätig war.

Eine Frau mit Witz und ungeheurem Willen

Für die niederländische Regisseurin Maria Peters war der Film über die Künstlerin ein Herzensprojekt, für das sie fast 15 Jahre kämpfen musste. Ihr Spielfilm über das Leben von Antonia Brico, die 1902 in Rotterdam geboren wurde und 1989 in Denver starb, deckt die Faszinationskraft und den Witz dieser Frau auf. Man versteht nur allzu gut, warum ihr Peters einen Film widmen musste.

Als die Folksängerin Judy Collins zwischen 1971 und 1974 Material für „Antonia: A Portrait of a Woman“ drehte, war Brico rund 70 Jahre alt und sprühte noch immer vor Energie. „Du bist entweder als Musiker geboren oder nicht. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun“, sagt die Künstlerin in einem Interview.Dass andere das anders sahen, auch die Frauen um Brico herum, erzählt der Film ebenfalls. Doch die Protagonistin boxt sich gegen alle Widerstände durch, nimmt Klavierunterricht bei einem renommierten Pianisten, gegen dessen Zudringlichkeiten sie sich später wehren muss. In Hamburg schafft sie es, Schülerin des berühmten Karl Muck zu werden. Und nach dem umjubelten Konzertauftritt mit den Berliner Philharmonikern springt der Film ins Jahr 1933 nach New York.

Kein Sprung über den (Geschlechter-)Graben

Zurück in den USA, muss Brico jedoch lernen, dass sie trotz ihres unbestrittenen Könnens den Geschlechtergraben nicht überspringen kann. Sie gründet das New York Women’s Symphony, ein Frauenorchester, das bis 1939 bestand.

Weibliche Staatsoberhäupter sind heute wahrscheinlicher als Stardirigentinnen. Offenbar ging die Regisseurin davon aus, dass eine so fantastische Geschichte wie die von Brico mit möglichst breitenwirksamen Mitteln erzählt werden muss. Deshalb gerät die fesselnde Story immer wieder an den Rand konventioneller Fernsehdramaturgie. Was sich bis in die Auswahl der Kompositionen auswirkt: Dvorak, Mahler, Schubert, durchweg Bewährtes, aber kein Takt Musik, der wirklich aufhorchen ließe.

Zu gutaussehend, um wahr zu sein

Ebenso routiniert wird Bricos Schicksalsmelodie heruntergedudelt. Bevor sie nach Europa reist, erfährt die aus einfachen Verhältnissen stammende Protagonistin, dass die Menschen, die sie Vater und Mutter nennt, nicht ihre leiblichen Eltern sind. In Rotterdam trifft sie eine Nonne, die Schwester ihrer toten Mutter, die prompt ihr Schweigegelübde bricht, um tränenreich Antonias Herkunftsgeschichte zu enthüllen. Bestenfalls Soap-Qualitäten besitzt auch die Liebesgeschichte zwischen Antonia und dem wohlhabenden Frank. Doch sowohl Benjamin Wainwright als auch die Titeldarstellerin Christianne de Bruijn sind zu gutaussehend, um wahr zu sein.

Auch will die Cinderella-Story – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – so gar nicht zum Lebenslauf einer Frau passen will, die für die Musik ihre Liebe opfert, weshalb Peters den Herzschmerz besser auf ein Minimum reduziert hätte. Mit einem Erzählstrang um ein New Yorker Cabaret, in dem Brico Damen-Imitatoren auf dem Klavier begleitet und sich ein Freund überraschend als Mann im Frauenkörper outet, beweist die Regisseurin, von der auch das Drehbuch stammt, ein glücklicheres Händchen.

Eine steinige Karriere

Unterm Strich ist „Die Dirigentin“ ein solider, aber vor allem ein wichtiger Film. Als Ergänzung sei dringend die DVD „Antonia: A Portrait Of The Woman“ empfohlen. Antonia Bricos steinige Karriere lässt tief blicken in einen Musikbetrieb, der nach wie vor Ausnahmetalente benachteiligt, nur weil ihnen das Y-Chromosom fehlt.

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