Horror | Kanada/Irland/USA/Südafrika 2020 | 87 Minuten

Regie: Osgood Perkins

In der feministischen Interpretation des Grimm’schen Märchens treffen die Geschwister im Wald auf eine Hexe, die Gretel über den Wert der Selbstbestimmung aufklärt und dass sie das chauvinistische Treiben von Hänsel oder anderen Männern nicht hinnehmen dürfe. Die Horror-Variation der bekannten Geschichte setzt zwar auf surreal verfremdete Bilder und eine gruselige aufgeladene Natur, doch bis auf den Generalverdacht gegenüber unerwarteter Hilfe und emanzipatorische Klischees erschöpft sich der Film in wenig spannenden Schlenkern ums Altbekannte. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
GRETEL & HANSEL
Produktionsland
Kanada/Irland/USA/Südafrika
Produktionsjahr
2020
Regie
Osgood Perkins
Buch
Rob Hayes
Kamera
Galo Olivares
Musik
Robin Coudert
Schnitt
Josh Ethier · Julia Wong
Darsteller
Sophia Lillis (Gretel) · Samuel Leakey (Hänsel) · Charles Babalola (Jäger) · Alice Krige (Holda) · Jessica De Gouw (Junge Holda)
Länge
87 Minuten
Kinostart
09.07.2020
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror

Das Märchen der Brüder Grimm, feministisch interpretiert, als Vorschlag an Gretel, das chauvinistische Treiben der Männer nicht länger hinzunehmen.

Diskussion

Der Hunger ist groß, und die Kinder sind klein. Obwohl eines von ihnen schon halbwüchsig ist, sind sie klein genug, um sich auf einer Waldlichtung voller Fliegenpilze zu überlegen, ob man die vielleicht essen könnte. Nach einem kurzen Gespräch mit den Pilzen, bei dem Gretel ihnen diese Frage vorträgt und die Pilze nicht antworten, beißen die Kinder hinein. Sie probieren mehr als nur einen davon, danach hört man die trübsinnigen Geschwister Hans und Grete zum ersten Mal lachen.

Das ist einer der besten Momente des Films „Gretel und Hänsel“, denn die sanft-surreale Verfremdung der Bilder, die auch sonst häufig aufblitzt, hat hier einen realen Anlass. Außerdem, und das klingt für eine Geschichte, die gruselig daherkommen will, zu Recht erstaunlich, ist das der einzige Zeitpunkt, an dem man Angst empfindet. Angst um die unwissenden Kinder beim Drogenkonsum, Angst um einen eventuellen Ausrutscher der Ästhetik ins platt Psychedelische. Der dann glücklicherweise nicht stattfindet.

Eine feministische Lesart des Märchens

Der US-amerikanische Regisseur Osgood Perkins hat sich bei „Gretel und Hänsel“ der Form verschrieben. Das ist nicht verwunderlich, denn der Inhalt verspricht wenig Überraschung; das Grimm’sche Märchen „Hänsel und Gretel“ wird vermutlich immer noch jedem mitteleuropäischen Kind in die Wiege gelegt. Das Schicksal der Geschwister kennt man wie das Vaterunser: arm geboren, ausgesetzt im Wald, angenommen von der Hexe, gemästet zum Verzehr. Daran will auch Perkins wenig ändern.

Wenn er aber für den Filmtitel die Reihenfolge der Namen austauscht, der Mädchenname also vor dem des Jungen kommt, ist allen Kindern, Eltern und Großeltern ansatzlos klar, dass es sich hier nur um eine Variation der Geschlechterrollen handeln kann. „Gretel und Hänsel“: die feministische Lesart. Das ist tugendhaft von Perkins, wenn auch nicht ganz neu. Aber es macht sich besser als die Klamauk- oder Sex-Ideen, die nahezu alle traditionellen Märchen schon durchstehen mussten. Immerhin, das muss man diesem Regisseur lassen, zeigt er ausführlich den wesentlichen Part der Geschichte: den Wald. Den lichten oder den tiefen Wald, schön oder unheimlich, in blau und gelb und finster. Perkins hat an der Natur eine so große Lust, dass dahinter die Protagonisten manchmal verschwinden, was kein Fehler ist.

Traue weder Geschenken noch Schenkenden

Neben Naturerlebnis und Farbdramaturgie denkt Perkins ein bisschen ans Historienspektakel. Er nutzt Kostüme und verfallende Gebäude, setzt der verwunschenen Atmosphäre dann aber wieder klare Linien und moderne Architektur entgegen. Gretel und Hänsel kommen von einem ruinierten Bauernhof; das Hexenhaus, auf das sie im Wald stoßen, ist schick und spitzwinklig. Nicht nur die gedeckte Tafel in seinem Innern macht es anziehend; man wird bei jeder Totalen neugierig auf die Räume, die es hinter seinen Ecken verbirgt.

Die Kinder allerdings sehen bloß die Leckereien. Sie lassen sich davon zum Bleiben verführen, obwohl Gretel ein grundsätzliches Misstrauen gegen glückliche Zufälle hegt. Das nimmt man aus dem Film mit: Diesen Generalverdacht, dass unerwartete Hilfe nicht zufällig auftritt, sondern strategisch geplant wurde. „Beware of gifts“, sagt Gretel, „and of those who offer them“, traue weder Geschenken noch dem Schenkenden. Klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie, aber das ist schließlich die Botschaft der Brüder Grimm: Meistens hat sich die Welt gegen euch verschworen, liebe Kinder, also Augen auf, wenn es zu einfach wird – da steckt Böses dahinter.

Der Preis ist der kleine Hänsel

Ob die böse Hexe wirklich böse ist, bleibt bei Osgood Perkins eher undurchsichtig. Sie zeigt Gretel den Wert der Selbstbestimmung, lehrt sie den Umgang mit Drogen und Gefühlen, erläutert beim Schachspiel feministisches Gedankengut. Sie würde Gretel jederzeit mit in die Weltverschwörung nehmen, und zwar auf Seiten der Gewinner – der Preis ist lediglich der kleine Hänsel. Das wäre in Anbetracht von Perkins' Darstellung dieses plumpen Jungen, der die Bäume mit seiner Axt so beleidigt wie die Zuschauer mit seiner selbstherrlichen Art, kein schlimmer Verlust.

Was jedoch Gretel von der Zukunft ihres Bruders an einem Bratspieß hält, ähnelt der Idee der Brüder Grimm. Trotzdem handelt die große Schwester am Ende weniger devot, als es das traditionelle Märchen von einer braven Gretel verlangen würde. Das macht den braven Film zu dem Zeitpunkt aber auch nicht mehr spannend. Da hat man sich schon die Frage gestellt: Wer möchte einen Horrorfilm sehen, der nichts weiter bietet als ein paar Schlenker ums Altbekannte, vermengt mit Kunsthandwerk und emanzipatorischen Klischees?

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