Drama | Deutschland 2020 | 94 Minuten

Regie: Cüneyt Kaya

Zwei junge Hochstapler gründen in Berlin einen betrügerischen Immobilienfonds und bringen damit vertrauensselige Anleger um ihr Erspartes, während sie selbst das ausschweifende Leben von Neureichen genießen. Bis sie sich in ihrem eigenen Lügennetz verfangen. Der mit vielen Rückblenden operierende Film geht allerdings nicht dem wirtschaftlichen System auf den Grund, sondern interessiert sich primär für die persönlichen Motive der Hauptfiguren, deren psychologische Ergründung allerdings ziemlich klischeehaft bleibt. Inszenatorisch kollidiert das Streben nach Plausibilität und Realismus in der Figurenzeichnung mit der Lust an Übertreibung und Exzess angesichts von Hochstapler-Existenzen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2020
Regie
Cüneyt Kaya
Buch
Cüneyt Kaya
Kamera
Sebastian Bäumler
Musik
Christopher Bremus
Schnitt
Maren Unterburger
Darsteller
David Kross (Viktor) · Frederick Lau (Gerry) · Janina Uhse (Nicole) · Tamer Arslan (Hasan) · Dejan Bucin (Nathan)
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Zwei junge Hochstapler legen in Berlin einen betrügerischen Immobilienfonds auf und bringt vertrauensvolle Anleger um ihr Erspartes.

Diskussion

Alles an ihm sitzt, alles strahlt. Ein junger Mann im Anzug tritt entschlossen aus der sich automatisch öffnenden Tür einer City-Toilette irgendwo in Berlin. Kurz darauf landet Viktor (David Kross) in einem Internetcafé. Wie in einer kurzen Hommage an „Parasite“ bastelt er sich am Computer einen Arbeitsvertrag und ändert – auch das nur eine Kleinigkeit – seinen Namen auf dem Ausweis. „Betonrausch“ will eine Geschichte von Aufstieg und Fall sein. Für seine Hauptfigur geht es gerade steil nach oben.

In der Nacht davor musste Viktor, der neu in der Hauptstadt ist (über seine Ausbildung und Arbeitserfahrung erfährt man nichts), noch auf einer Parkbank schlafen. Doch heute schüttelt er einen Sack voller Cash auf den Boden einer luxuriösen Hotelsuite. Sein Geschäftsmodell: Er mietet mit Hilfe des gefälschten Arbeitsvertrags problemlos mehrere Penthouse-Wohnungen und vermietet diese an bulgarische Gastarbeiter-WGs weiter. Die schicken Wohneinheiten gleichen dann bald einem Filmset von Emir Kusturica: Ungewaschene Männer in Tank-Tops boxen sich zu lauten Balkan-Beats und Hühnergegacker. Das Positive daran: Bei der Flucht vor der Polizei lernt Viktor Gerry kennen.

Buddy-Paar & entfesselter Immobilienmarkt

Eine Buddy-Liebe auf den ersten Blick. Die beiden Männer werden Freunde und Geschäftspartner, sie ergänzen sich gut. Frederick Lau leiht Gerry seine charakteristische Physis, den leicht gebeugten Rücken, das schiefe Grinsen und die an Lau so geschätzte Street Credibility. Der blond-akkurate Charme von Viktor ruft hingegen überall schnell Vertrauen hervor. Selbst eine billige Uhr erscheint an seinem Handgelenk als teures Original. Mit der Bankangestellten Nicole (Janina Uhse), „die beste falsche Schlange, die sie je kannten“, sind die Geschäftspartner dann komplett. Als skrupelloses Dream-Team steigen sie in den Berliner Immobilienmarkt ein – mit einer Betrugsmasche, die zwar ausgesprochen simpel, aber vermutlich gar nicht so unwahrscheinlich ist.

„Warum haben Sie es getan, Herr Steiner?“, fragt eine Journalistin den wegen Geldwäsche, Korruption, Steuerhinterziehung und Kreditbetrug doch noch verurteilten Viktor in einem Interview, das die Rahmenhandlung von „Betonrausch“ bildet. Den völlig entfesselten Wohnungsmarkt und gierige Banken nutzt der Film zwar als reizvolles Sujet, doch dem System will er nicht auf den Grund gehen. Das Hauptinteresse von Regisseur Cüneyt Kaya, von dem auch das Drehbuch stammt, gilt vielmehr der Suche nach diesem Warum, nach den persönlichen Gründen.

Große Verbrechen als Folge kleiner Komplexe

Mit zahlreichen Rückblenden und Rekursen auf die Eltern verbeißt sich die Inszenierung geradezu in die angeblichen Motivationen der Hauptfigur. Der Vater, der als ehrlicher, aber geschäftlich unbegabter Handwerker vom Finanzamt ruiniert wird. Die Mutter, die den Vater für einen besser situierten Anderen verlässt. Nicht selten werden große Verbrechen aus kleinen Komplexen heraus begangen, getrieben vom zwanghaften Wunsch, einen tiefen Mangel zu stillen. „Du musst bei allem der Beste sein. Und alles stets mit Liebe machen“, hallt in Viktors Ohren noch immer das Gebot des Vaters nach.

Cüneyt Kaya betreibt seine Küchenpsychologie aber mit wenig Geschick: allzu ausgestellt, stereotyp und wenig glaubhaft. Zudem begeht er einen Fehler, der bei deutschen Filmen keine Seltenheit darstellt: Er vermischt zwei sich widersprechende Erzählmodi. Die bemühte Psychologisierung setzt Plausibilität und Realismus voraus, während die nebenbei beschworene Geschichte über schnelles Geld und spektakuläre Verschwendung eindeutig nach Überhöhung schreit.

Unterm Strich ist das ein Nullsummenspiel. „Betonrausch“ verspekuliert sich als Ganzes, spart erzählökonomisch an falschen Stellen, hält sich an anderen unnötig lange auf. Für eine Geschichte über menschliche Irrwege und Prägungen fehlt es an Details und Substanz, auch an gründlicher Recherche. Den Figuren will man nicht folgen, weil man sie nicht greifen kann, weil sie weder berühren noch als Hochstapler verführen. Für einen eindrucksvollen Fall fehlt ihnen die notwendige Fallhöhe. Alles verpufft.

Ein zu großer Teller für einen dünnen Inhalt

Ärgerlich ist auch, dass die wiederkehrenden Rückblenden den Film unnötig sedieren, wo eine filmische Bravade thematisch doch angebracht gewesen wäre: das großspurige Leben, der schrille Exzess, der Geldrausch, die Exaltiertheit oder was so ein Hochstapler-Leben sonst noch alles hergeben mag. Etwas davon serviert der Film, doch für den dünnen Inhalt ist der Teller entschieden zu groß gewählt. Eine Party sieht aus wie aus einem Film von Paolo Sorrentino. Bei den Szenen im Puff langweilen sich die Sexarbeiterinnen quasi stellvertretend fürs Publikum. Selbst ein Billie-Eilish-Song kann die Schwächen des Films nicht wettmachen.

„Betonrausch“ ist nach „Isi & Ossi“ das zweite von Netflix produzierte deutschsprachige „Original“. Als romantische Komödie bleibt sich der Film treu und stringent, er geht aufs Ganze. Seine Ungeniertheit und Plumpheit sind sympathisch. „Betonrausch“ will seinerseits eine Geschichte von einem spektakulären Aufstieg und Fall erzählen, vom Immobilienbetrug im großen Stil, von Banken auf Malta, die auf die Schnelle gegründet werden, vom Koksen in schicken Eigenheimen. Dabei darf man aber nicht brav und anständig bleiben. Doch „Betonrausch“ ist so unterhaltsam wie ein Spaziergang durch eine Schrebergartenkolonie. Unergründlich sind die Wege des Streaming-Riesen Netflix, unergründlich seine Lokalisierungsstrategie.

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