Drama | Großbritannien 2018 | 106 Minuten

Regie: Claire McCarthy

Die Lieblingszofe der dänischen Königin verliebt sich im 17. Jahrhundert in den Kronprinzen Hamlet. Das Paar heiratet heimlich, doch nach dem Tod des Königs entbrennt ein Machtkampf, in dem die Liebenden zugrunde gehen. Die Neuinterpretation des Shakespeare'schen „Hamlet“-Stoffes aus femininer Perspektive räumt den im Original nur als Nebenfiguren agierenden Frauen mehr Gewicht ein, weiß mit ihnen aber nicht viel anzufangen. Ohne flüssige Dramaturgie verliert sich die mit Fantasy-Elementen durchsetzte Adaption eines zeitgenössischen Romans trotz namhafter Besetzung und pompöser Ausstattung weitgehend in emotionslosen Einzelszenen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
OPHELIA
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Claire McCarthy
Buch
Semi Challas
Kamera
Denson Baker
Musik
Steven Price
Schnitt
Luke Dunkley
Darsteller
Daisy Ridley (Ophelia) · Naomi Watts (Gertrude / Mechthild) · Clive Owen (Claudius) · George MacKay (Hamlet) · Tom Felton (Laertes)
Länge
106 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Historienfilm | Liebesfilm | Literaturverfilmung

Heimkino

Verleih DVD
Koch
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Der tragische „Hamlet“-Stoff, aus der zeitgemäßen Sicht Ophelias neu interpretiert.

Diskussion

Die Kamera gleitet sanft über eine verwunschene Teichlandschaft. Ein magisch-verspielter, fast hingehauchter Soundtrack setzt leise ein. Es folgen weiße Seerosen und bunte Fische, bis die ansehnliche Kamerafahrt plötzlich vor einer scheinbar leblosen Frauengestalt stoppt: Ophelia.

Hamlets wahnsinnig gewordene Liebschaft, die sich in Shakespeares berühmtester Tragödie am Ende selbst tötet, liegt in der frei fabulierenden Neuinterpretation des „Hamlet“-Stoffes durch die britische Regisseurin Claire McCarthy mit geschlossenen Augen rücklings im Wasser: beide Arme wie Jesus am Kreuz weit von sich gestreckt. Visuell wird dieser melancholisch-stille Todesmoment dem berühmten Gemälde von John Everett Millais nachempfunden, das Hamlets unglückliche Gefährtin als erotisch anziehende Wasserleiche mit Wildblumenbouquet zeigt.

Ein Mädchen mit eigenem Kopf

„Ihr glaubt, meine Geschichte zu kennen“, beginnt eine jugendliche Frauenstimme im Voice-Over. „Viele haben sie erzählt. Sie ist alt und lang schon im Dunkel verschwunden: ein Mythos geworden.“ Im nächsten Moment geht Ophelia (Daisy Ridley) endgültig unter: ihr Körper taucht weit hinab in den blau-gräulichen Teichgrund.

Es folgt der Filmtitel „Ophelia“ in goldenen Lettern, der musikalisch für einen kurzen Moment besonders lyrisch untermauert wird, ehe die weibliche Erzählerstimme fortsetzt: „Ich habe mehr von Himmel und Hölle gesehen als die meisten auch nur zu träumen wagen. Ich war immer ein Kind mit einem eigenen Kopf. Ich folgte meinem Herzen und sprach aus, was ich dachte. Und es ist längst an der Zeit, dass ich selbst euch meine Geschichte erzähle.“

In der nächsten Einstellung steht Ophelia als junges Mädchen (Mia Quiney) vor einer steinernen Fensterbank. Zusammen mit ihrem Vater Polonius (Dominic Mafham) und Bruder Laertes (Tom Felton) will sie als mittellose Halbweise die Gunst der Königin Gertrude (Naomi Watts) am dänischen Hof gewinnen. Dabei zeigt sich das burschikose Naturkind mit den rotbraunen Haaren von vornherein als wissbegierig: Sie will eine höhere Bildung erhalten, obwohl ihr als Mädchen der Zutritt zur Burgbibliothek zunächst verwehrt bleibt.

Liebesdrama & mittelalterliche Fantasy

Ihr Plan geht trotzdem auf. Als junge Frau und engste Vertraute der Königin lernt sie auch die Adeligen und Gäste auf der Burg näher kennen. Unter ihnen befindet sich der Königssohn Hamlet, den George MacKay ausgesprochen zärtlich und in zahlreichen „Romeo-und-Julia“-Posen, aber ohne Shakespeare’schen Wankelmut und insgesamt deutlich zu brav verkörpert. Das gilt für alle männlichen Figuren in der selbstironischen Adaption des Romans „Ich, Ophelia“ von Lisa Klein, dessen überraschungsarmes Drehbuch von Semi Chellas stammt.

Chellas bedient sich reichlich aus dem riesigen Dramen-Fundus von Shakespeare und übernimmt für „Ophelia“ sogar einige Originalzeilen. Trotzdem bleiben ihre in der deutschen Synchronisation arg verkitschten Dialoge meist farblos und oberflächlich. In dem uneinheitlichen Genre-Mix aus Literaturadaption, Liebesdrama und pseudomittelalterlichem Fantasy-Szenario reihen sich die Handlungsblöcke ziemlich lieblos aneinander.

Obwohl jeder Erzählstrang durchgängig aus weiblicher Perspektive und für ein junges, „Disney“-affines Teenagerpublikum erzählt wird, das den originären Hamlet-Plot mitsamt seiner Personenkonstellation vielleicht aus dem Unterricht kennt, mangelt es in dieser Shakespeare-Interpretation an dramaturgischer Raffinesse und schauspielerischem Draufgängertum.

Setdesign und Ausstattung geizen nicht mit Glanz

Trotz fabelhafter Besetzung mit Naomi Watts in einer bemerkenswerten Doppelrolle als Königin Gertrude und Macbeth’scher Waldhexengestalt spielt gerade Clive Owen als intriganter Claudius sichtlich unterfordert und ohne jeden Elan. Selbst Daisy Ridley trägt den mit viel Pomp in Tschechien gedrehten Film nur über wenige Strecken.

Malerische Drehorte und eine außerordentliche Opulenz in puncto Ausstattung und Kostüm können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei „Ophelia“ um einen ambitionierten, aber allzu flachen Versuch handelt, die Figuren aus Shakespeares gewaltigem Dramenuniversum in die Kinosäle der Gegenwart zu hieven. Das hatten in der jüngeren Filmgeschichte auch schon Franco Zeffirelli, Kenneth Branagh, Tom Stoppard oder Michael Almereyda in diversen „Hamlet“-Versionen und mit unterschiedlichem Erfolg versucht.

Gerade bei der Macht der Worte sowie dem emotionsgeladenen Zusammenspiel der Akteure hapert es hier gewaltig. Darin aber liegt die überwältigende Strahlkraft Shakespeares gerade begründet, egal ob auf der Bühne oder im Dunkel des Kinos.

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